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Islamische Studien : Den Koran besser verstehen

Lehrreich: Bücher zum Recht und zur Rechtsmethodik im Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam Bild: Röth, Frank

Der Bund fördert Islamische Zentren an Hochschulen. Jetzt hat ein von der Stiftung Mercator finanziertes Graduiertenkolleg die Arbeit aufgenommen.

          Wer nach Orten in Deutschland sucht, an denen islamische Studien gepflegt werden, kommt an der Frankfurter Universität nicht vorbei. Jüngster Beweis: die Gründung eines von der Stiftung Mercator finanzierten Graduiertenkollegs für Nachwuchsforscher. Solche Experten werden gebraucht; noch immer ist eine islamische Theologie hierzulande in der Aufbauphase. Nötig ist sie etwa für die Ausbildung von Religionslehrern oder Lehrern für Islamkunde. In Frankfurt haben zwei Kollegiaten mit ihrer Dissertation begonnen: Hureyre Kam und Serdar Kurnaz. Sie befassen sich mit Fragen zum Verstehen des Korans beziehungsweise der sich aus ihm und der Überlieferung Mohammeds abzuleitenden Anweisungen - mit dem Versuch, tradierten Lesarten neue gegenüberzustellen. Betreut werden sie von den Professoren Ömer Özsoy und Abdullah Takim.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass Frankfurt als Standort für das Kolleg ausgewählt wurde, lag nahe, denn für die Stiftung Mercator ist es das Ziel, „wissenschaftlichen Nachwuchs vor allem für die mit Unterstützung des Bundes und der Sitzländer zu etablierenden Zentren für Islamische Studien auszubilden“. Vier solche Standorte gibt es, zu ihnen zählt außer den Hochschulen in Erlangen/Nürnberg, Münster/Osnabrück und Tübingen die Goethe-Universität, die bei einem Teil der Lehrerausbildung mit der Gießener Uni kooperiert. Plätze für Kollegiaten gibt es demnach in Münster, Erlangen/Nürnberg, Tübingen, Osnabrück und Frankfurt - darüber hinaus in Hamburg und Paderborn. Koordiniert wird das Kolleg von Münster aus. Derzeit gibt es sieben Kollegiaten, acht sollen im nächsten Jahr hinzukommen. Das Projekt dauert bis 2016 und kostet 3,6 Millionen Euro.

          „Kluft“ zwischen den Gläubigen und dem Koran

          Hureyre Kam war zuletzt in Berlin, bevor er nach Frankfurt kam. Er widmet sich der Koran-Hermeneutik und hat in Özsoy einen ausgewiesenen Fachmann als Doktorvater. Kam zufolge gibt es heutzutage eine „Kluft“ zwischen den Gläubigen und dem Koran, weil Denk- und Verstehensparadigmen sich verändert hätten. „Der moderne Muslim bleibt unbefriedigt, da er in den klassischen exegetischen Werken keine zufriedenstellenden Antworten auf seine Fragen findet.“ Kam möchte dem entgegenwirken, indem er sich mit der Methodologie Abu Mansur-al Maturidis befasst, eines Gelehrten aus dem 10. Jahrhundert, für den die Vernunft bei der Exegese sehr wichtig war und der, so Kam, „Religion und Staat voneinander getrennt hat“. Maturidi sei jedoch weithin in Vergessenheit geraten. Kam möchte dazu beitragen, dass jener Gelehrte zugunsten eines neuen exegetischen Ansatzes wieder entdeckt wird.

          Auch Kurnaz wird in seiner Dissertation auf jene Tradition zu sprechen kommen und sich unter anderem mit der Beziehung von Vernunft und Offenbarung befassen. Er untersucht, wie Koran und Sunna zu verstehen sind und wie sich aus ihnen rechtliche Bestimmungen ableiten lassen. Kurnaz, der auch Jura studiert, möchte der islamischen Rechtswissenschaft einen „neuen philosophischen, philologischen, theologischen und rechtsphilosophischen Zugang“ geben und ihr ermöglichen, auch zu aktuellen bio- oder wirtschaftsethischen Fragen Stellung zu beziehen. Wichtig ist ihm beim Koranverständnis ein teleologischer Ansatz, einer, der im Wortlaut nach der dahinter liegenden Absicht, der „Essenz“ sucht, und er möchte eine „Harmonie zwischen der teleologischen Herangehensweise und Ableitungsmethoden der Wortlautinterpretation“ herstellen. Kurnaz hat an der Goethe-Universität Islamische Religionswissenschaften studiert. Überdies ist er manchmal als Imam tätig, hat sich aber - wie Kam - für eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden. Özsoy würdigt, dass sich beide außer mit neuen Ansätzen auch mit historischer Grundlagenforschung befassten. Generell schätzt er an dem Kolleg, dass die Universitäten zusammenarbeiteten und sich weniger als Wettbewerber gegenüberstünden wie bei der Bundesförderung der Zentren für Islamische Studien.

          Vier Millionen Euro pro Standort

          Der Bund zahlt jedem der vier Standorte bis zu vier Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren. Die Entscheidung war im Februar gefallen. Für Frankfurt sprachen der Bachelor-Studiengang Islamische Studien und das Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, das Özsoy leitet. Mit Hilfe des Geldes sind zwei Professuren ausgeschrieben worden: für die Ideengeschichte (Philosophie, Ethik, Mystik) und für die Kultur des Islam. Einen Lehrstuhl für Koran-Exegese will die Uni finanzieren. Auf ihn hat Özsoy sich beworben. Zwei Professuren für Religionspädagogik in Frankfurt und Gießen stellt das Land.

          So wird die türkische Religionsbehörde als Stifterin von Lehrstühlen abgelöst. Mit ihr kooperiert die Universität seit 2003. Zu Beginn handelte es sich um ein religionswissenschaftliches Studium. Daraus ist die theologisch ausgerichtete Ausbildung heutigen Zuschnitts erwachsen - eine Entwicklung, zu der Özsoy gemeinsam mit dem Uni-Vizepräsidenten Matthias Lutz-Bachman wesentlich beigetragen hat.

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