Es ist 7.30 Uhr, ein naßkalter Tag. Doch sich noch einmal im warmen Bett herumzudrehen kommt für die Studenten der Hochschule St. Gallen nicht in Frage. Die Truppe von 25 jungen Leuten, die dem International Students Committee St. Gallen (ISC) angehören, ist schon längst aktiv.
Wie jeden Morgen sitzen im Dachgeschoß der Jugendstilvilla in der Dufourstraße 83 zwar noch etwas müde, aber trotzdem unerschütterlich fröhliche Gestalten in Jeans und T-Shirt um den Konferenztisch und koordinieren das Arbeitsprogramm für den Tag. Es heißt effizient sein, denn allmählich drängt die Zeit: Vom 19. bis 21. Mai findet das große ISC-Symposion an der Universität statt, eine Art kleines Weltwirtschaftsforum - und für die studentischen Organisatoren gibt es noch viel zu tun.
Noch fehlen knapp hundert Betten für die anreisenden Studenten von auswärts, die Namensschilder für die Teilnehmer müssen gedruckt und kodiert werden. Es gilt, in der Mensa die vorgesehenen Mittagessen vorzukosten, der Strombedarfsplan ist noch nicht ganz fertig, die "Führungsgrundsätze" für das Helferteam stehen noch nicht. Das Ausflugsprogramm braucht noch Ergänzungen, die Vorfahrtsgenehmigungen am Flughafen zur Abholung der Auslandsgäste sind noch zu beantragen, auch mit der Polizei muß wegen der Sicherheitsfragen noch einmal gesprochen werden. Und schließlich könnten nun die Lebensläufe und Vorträge der Redner gedruckt und gebunden werden.
Erwartet werden 1000 Gäste
Das heißt für die Studenten: Einsatz beinahe rund um die Uhr, und das gute acht Monate lang. Daneben muß natürlich noch das Studium weitergehen. So sitzt die Truppe, die fast wie ein Unternehmen mit verschiedenen Geschäftsbereichen organisiert ist, jeden Tag bis spät in die Nacht in den Büros ihrer Villa Kunterbunt, wo jeder mühelos zwischen Schwyzerdütsch und Hochdeutsch umschaltet und wo man zwangsläufig auch Englisch, Französisch, Italienisch oder Türkisch zu hören bekommt - schließlich handelt es sich um ein "International Students Committee". Und jeden Morgen um 7 Uhr geht es wieder von neuem los, Wochenenden eingeschlossen. "Manchmal denke ich, es muß doch auch noch etwas anderes geben im Leben", seufzt Zehrin Enginyurt, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Aber andererseits ist ihr auch mulmig zumute, wenn sie sich vorstellt, daß nach dem Symposion alles vorbei sein wird. "Das wird eine große Leere sein." Der Aufwand ist immens, der Druck für die etwa Zwanzigjährigen groß, ein finanzielles Entgelt gibt es nicht - doch das Ergebnis wird sich sehen lassen können. Das in diesem Jahr zum 35. Mal veranstaltete ISC-Symposion ist ein soziales Großereignis: Es werden mehr als 600 Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft erwartet, darunter der Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer, der Greenpeace-Chef Gerd Leipold, der Volkswagen-Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder und der Telekom-Chef Kai Uwe Ricke. Es kommen 200 Studenten aus aller Welt sowie 100 Medienvertreter. Knapp tausend Gäste - das Weltwirtschaftsforum in Davos hat auch nur rund doppelt so viele.
Das Budget, mit dem es hauszuhalten gilt, ist nicht ohne. "Das Symposion kostet rund 6,2 Millionen Schweizer Franken", sagt Damian Stricker, als einer der beiden Leiter des Organisationskomitees für die Finanzen zuständig. Zwei Drittel dieser Summe fließen den Organisatoren in Form von Sachspenden zu, angefangen von geliehenen Druckmaschinen, für den Transportservice zur Verfügung gestellten Limousinen bis hin zu diversen Lebensmitteln. Ein Drittel des Budgets besteht aus direkten Geldspenden aus der Privatwirtschaft.
Solche Beträge einzuwerben und verantwortungsvoll einzusetzen, das bereite manchem Studenten schon schlaflose Nächte, sagt Andreas Kirchschläger. Er ist Geschäftsführer der ISC Foundation, die das untere, elegantere Stockwerk der von der Textilindustriellenerbin Gertrud Calame-Ikle übertragenen Villa in der Dufourstraße belegt. Die 1974 gegründete gemeinnützige ISC Foundation hält ihre schützenden Hände über die Studenten und steht ihnen mit methodischer Unterstützung zur Seite, ohne jedoch direkt einzugreifen. Kirchschläger nennt das "begleitetes Lernen". Er selbst hat vor Jahren an einem ISC-Symposion mitgewirkt. Das Besondere sei, zu erfahren, wie eine Gruppe junger Leute zu einem echten Team zusammenwachse, wie sie lerne, sich rational und präzise zu organisieren, sich zu stützen und in einer zwar nur auf einen begrenzten Zeitraum und ein einzelnes Projekt ausgelegten, aber nicht gerade kleinen Managementaufgabe an die Grenzen zu gehen.
Vorbereitung auf das Berufsleben
Es gehe auch darum, zu lernen, über den eigenen egoistischen Tellerrand zu blicken, sich für gesellschaftliche Belange zu interessieren und einzusetzen, betont Kirchschläger. "Und dann bekommt man Freunde fürs Leben." Der Vernetzungseffekt sei nicht zu unterschätzen, die Kontakte zahlten sich aus. Abgesehen davon sei der direkte Bezug zum späteren Berufsleben zwar nur vage, schließlich seien die meisten Studenten auch erst im zweiten Studienjahr. Man könne also nicht die Regel aufstellen, daß etwa die Planung der Bettenkapazitäten für das Symposion einen späteren Absolventen in die Tourismuswirtschaft führe. Aber die im praktischen Tun erlernten Werte seien überall nützlich - zum Beispiel eben Teamfähigkeit, Präzision, Disziplin, Zuverlässigkeit, Professionalität, aber auch Techniken wie das Arbeiten mit kreativen Anreizen (wer am meisten Studentenbetten organisiert, gewinnt eine Espressomaschine) oder der lange Atem und die Hartnäckigkeit, immer wieder zu "fuppen" (ISC-Deutsch für "to follow up") und sich nicht abschütteln zu lassen. Die deutsche Studentin Valerie Pothmann, die sich in diesem Jahr um den Teilnehmerservice kümmert, verweist zudem auf einen persönlichen Erkenntnisgewinn: Auch wenn sie sich nicht ewig mit Flugtickets, Visa und Betten anderer Leute befassen wolle, so wisse sie doch jetzt, daß ihr im Alltag der Kontakt zu anderen Menschen wichtig sei. Auch die Türkin Zehrin Enginyurt hatte ursprünglich auf Öffentlichkeitsarbeit eigentlich gar keine Lust. Mittlerweile indes ist sie fast ein Profi, ihre Briefe lesen sich besser als von so mancher PR-Agentur.
Seit Oktober ist das - von der ISC Foundation aus einer Vielzahl von Bewerbungen Jahr für Jahr in langen Gesprächen aufs neue handverlesene - Studententeam mit der Organisation des St. Galler Großereignisses beschäftigt. Nur das Generalthema der Tagung - diesmal "Liberty, Trust and Responsibility" - wird dem jeweiligen Team vom Vorgängerjahrgang vorgegeben, alles andere muß neu entstehen.
Endlich kam der Nobelpreisträger
Geleitet wird das Team jeweils von zwei Mitgliedern der Vorjahrestruppe. So wird praktisches Wissen von Jahrgang zu Jahrgang weitergegeben. Im Oktober beginnt die Gruppenarbeit mit der Ideensuche, um das ererbte Thema mit Inhalt zu füllen und den Tagungsablauf zu gliedern. "Das ist langwierig", sagt Alexander Pfannenberg, der zweite Leiter des Organisationskomitees. Aber es wird so lange gefeilt, bis aus der Diskussion der "Teamies", wie sie einander liebevoll nennen, ein umfangreicher, wohlformulierter Text entsteht, der das Thema so klar umreißt, daß er auf englisch und auf deutsch im Vorprogramm abgedruckt werden kann. Damit schwärmen die Studenten dann in alle Winkel der Welt aus, um Redner und Teilnehmer nach St. Gallen zu locken. "An manchen Leuten sind die Studenten jahrelang dran, bis sie überzeugt und bereit sind, honorarfrei aufzutreten", sagt Kirchschläger. Im vergangenen Jahr zum Beispiel kam endlich der Nobelpreisträger Amartya Sen - nachdem die Studenten ihn jahrelang umworben hatten. Und war begeistert.
"Schwyter!" schallt es am Abend durch den Hausflur. Drei beladene Studenten kehren wie jeden Abend von der Abholtour beim St. Galler Bäcker Schwyter zurück. Die Bäckerei sponsert das ISC-Symposion, indem sie schon während der Vorbereitungsmonate jeden Abend die unverkauften Backwaren vom Tage abgibt. Und jedesmal stürmen begeisterte Studenten den Abholern entgegen, poltern die Treppen hinunter, gespannt, was diesmal dabei ist. "Ich frage mich manchmal, wann wir diese Brötchen nicht mehr sehen können", lacht Valerie Pothmann. Einige Monate hat die Leidenschaft jedenfalls schon gehalten.
