Fannerl's Bauernladen" hat nur freitags geöffnet. Er ist in einem Bauernhaus mitten in Essenbach in der Nähe von Landshut zu finden. Braten gibt es da und Gelbwurst, alles vom eigenen Schwein. "Auf dem Hof werden Bullen, Schweine, Gockel und Enten auf Stroh gehalten", heißt es auf der Internetseite, "die Aufsicht über die Tiere hat der Opa." Dann wird es den Tieren wohl gutgehen.
Der eine Öffnungstag genügt dem Bauernladen, denn eigentlich produziert Familie Heckinger gar nicht für Essenbach, dessen Einwohner offenbar ganz gut mit Lidl, Aldi und Rewe leben können. Die große Nachfrage ist rund 80 Kilometer weiter südlich verortet, in München. Denn dort schätzen viele Menschen den Kleinbauern mehr als die Supermärkte. Also fahren die Kleinbauern mehrmals in der Woche mit ihrem Verkaufswagen nach München, die Nachbarn und Töchter helfen, auf mehreren Bauernmärkten Fleisch zu verkaufen.
In der Nähe großer Städte läuft es für die Bauern am besten
So schlägt sich Deutschlands schwindende Berufsgruppe der Kleinbauern durch – mit Direktvermarktung auf Märkten und im eigenen Laden. Auf diese Weise ist es den Landwirten möglich, einen viel größeren Anteil des Ladenpreises selbst zu behalten, und sie können mit weit geringerer Produktion am Markt bestehen. Ein Milchbauer aus Brandenburg etwa erzählt, anstelle der von Molkereien derzeit gezahlten weniger als 40 Cent bekomme er im Direktvertrieb 80 Cent pro Liter. Hier verdient keine Molkerei mit, kein Großhändler, kein Supermarkt. Und der Kunde kann fette, unbehandelte Milch trinken, die schmeckt wie zu Großmutters Zeiten.
Das Geschäftsmodell funktioniert vor allem in der Nähe großer Städte, sicher wegen der höheren Kaufkraft, vielleicht auch wegen der großen Einsamkeit. Nördlich von Frankfurt etwa, der Autofahrer überwindet nur eine Bergkette gen Taunus, steht Bauer Etzel. Von sich selbst spricht er meist in der dritten Person als "Bauer Etzel". Mit seiner Frau, Kindern und Enkeln bewohnt und betreibt er den schön renovierten, jahrhundertealten Bauernhof am Ortsrand. Etzels Enkel ist einer der größten Bio-Schweineerzeuger des Landes.
Romantische Einkaufswelt für Besserverdiener
Aber auch hier ist der Hofladen ein wichtiges Standbein: "Wir haben alles: unser Fleisch, aber auch Orangen, Kosmetika", sagt Etzel. Ein Großteil der Waren hier kommt gar nicht aus regionaler bäuerlicher Erzeugung. In manchen Läden findet man Ananas und Kiwis. Denn Hofläden könnten sonst kaum bestehen. Der Kunde, der oft 10 oder 20 Kilometer anreist, will diese Fahrt dann auch nur ein Mal auf sich nehmen für den Einkauf – und nicht für Wurst, Milch, Brot und Gemüse jeweils einen eigenen Bauernhof anfahren.
Schaut man auf der Karte aus der Vogelperspektive auf die Stadt Frankfurt, zeigt sich ein typisches Verteilungsmuster. Im Süden, nahe dem wohlhabenden Stadtteil Sachsenhausen, und im Norden der Stadt, zwischen Bad Homburg und Frankfurt, gibt es viele Hofläden – im sozial schwächeren Westen und Osten nur wenige. Die Hofläden sind oft kleine Supermärkte, in denen die Würste von der Decke baumeln, in denenen es nicht jeden Tag Fleisch gibt, so wie früher bei Tante Emma. Eine romantische Einkaufswelt für Besserverdiener.
Kunden können ihr Schnitzel im Internet aufwachsen sehen
Der Deutsche Bauernverband hat eine Internetseite eingerichtet, auf der Verbraucher Märkte in ihrer Nähe finden können (www.einkaufen-auf-dem-bauernhof.com). Die Fördergemeinschaft "Einkaufen auf dem Bauernhof" des Bauernverbandes wurde schon vor mehr als 20 Jahren ins Leben gerufen, in der Gründerzeit der Hofläden. Das Internet brachte dann weiteren Aufwind – mit seinen Möglichkeiten zur Direktvermarktung per Versandhandel, wie ihn etwa neuerdings ein Bauer aus Brandenburg über die Internetseite www.meinekleinefarm.org nutzt, wo die Kunden Wurst von Schweinen bestellen können, die sie dort übers Internet quasi aufwachsen sehen.
Eine offizielle Statistik gebe es nicht, in Deutschland dürften aber zwischen 20 000 und 30 000 Bauernhöfe Direktvermarktung betreiben, heißt es bei der Fördergemeinschaft. Das sind vor allem die kleinbäuerlichen Betriebe, die von Jahr zu Jahr im Zuge des Strukturwandels der Landwirtschaft weniger werden und laut Bauernverband noch rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland ausmachen (Höfe mit geringerer Fläche als 10 Hektar).
Bauernläden, die sich der Gemeinschaft "Einkaufen auf dem Bauernhof" angeschlossen haben, versichern, dass ihre Produkte aus eigener Erzeugung stammen – oder von anderen Bauernhöfen zugekauft sind. Andere Produkte – etwa Shampoo, Straußenfilet oder Ananas – dürfen nur höchstens 20 Prozent des Gesamtumsatzes ausmachen.
Honig, Schwätzchen und auch mal eine Einladung zum Geburtstag
Bei Familie Heckinger aus Essenbach ist dies nur etwas Honig, manchmal gibt es Liköre oder Senfsorten von Bauern aus den Nachbardörfern. Dieser Hofladen setzt nicht auf Rundumversorgung, sondern auf Regionalität und eine Kundenbindung, wie sie kein Supermarkt leisten kann: Kunden werden zum Geburtstag der Tochter eingeladen, wo sie dann zu fünfzig Leuten am Sonntag in der Garage sitzen und den Braten vom Schwein Rudi essen. Es gibt Einladungen zu Erntefesten, und vor dem Einkauf steht nicht selten ein längeres Gespräch darüber, was in der Woche so passiert ist, sodass sich nicht selten längere Schlangen vor dem Marktstand oder im Hofladen bilden.
Bio-Bäuerinnen – ein großer Teil der Hofläden wird von Öko-Landwirten betrieben – geben ihren Kunden mit dem Dinkelbrot auch gern Belehrungen über die destruierenden Arbeitsweisen der "industriellen Landwirtschaft" mit auf den Weg, was den Einkauf zu einem entschleunigenden, menschlich erwärmenden Erlebnis macht, wenngleich dies nicht jedermanns Sache ist.
Auch fernab der Städte gibt es Bauernläden. Die rentieren sich manchmal wieder, wenn im Dorf der letzte Supermarkt schließt. Manche sind genossenschaftlich organisiert. So braucht es dazu manchmal gar nicht mehr einen Bauern - in einer wachsenden Zahl von Dörfern gründen Bürger neue Tante-Emma-Läden, etwa in Hurlach nahe Augsburg, wo es seit rund vier Jahren wieder einen Dorfladen gibt. Helmut Weihrather, ein früherer Fluglotse, hat ihn nahezu ehrenamtlich auf den Weg gebracht, es gibt viele Produkte aus der Region. "Wir haben alles, was Sie brauchen, und was wir nicht haben, brauchen Sie auch nicht", sagt er.
