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Hochschulzugang Es geht auch ohne Abitur

 ·  Krankenschwestern studieren Medizin, Techniker Informatik: Mit etwas Berufserfahrung ist das möglich. Doch der Übergang ist schwierig.

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© Peter von Tresckow

Auf Markus Grothoff ist die Fernuniversität in Hagen mächtig stolz. Der junge Mann hat sein Informatikstudium mit der Note 1,0 abgeschlossen. Und es kommt etwas hinzu, was den 29-Jährigen aus der Masse der Studierenden vollends heraushebt: Grothoff hat kein Abitur, sondern „nur“ einen Realschulabschluss.

Leichterer Zugang seit 2009

„Geht das?“, werden manche fragen. Es geht, und das schon länger. Fahrt nimmt das Studieren ohne Abitur aber erst seit drei Jahren auf. Im Jahr 2009 beschloss die Kultusministerkonferenz, die unterschiedlichen rechtlichen Regelungen in den Bundesländern zu vereinheitlichen und zu verbessern.

Seitdem seien „deutliche Fortschritte“ erzielt worden, stellt das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in einer neuen Studie fest. In den meisten Bundesländern sei der Hochschulzugang ohne Abitur erleichtert worden.

Meister und Fachwirte dürfen nun jedes Fach studieren. Für andere beruflich Qualifizierte gilt, dass sie sich mit einer Berufserfahrung von - je nach Bundesland - zwei bis fünf Jahren für einen fachgebundenen Zugang bewerben können. CHE-Forscherin Sigrun Nickel bemängelt freilich, dass es trotz aller Fortschritte noch zu viele länderspezifische Regelungen gebe. „Leider fehlt eine zentrale Anlaufstelle.“ Sie rät, sich in einer IHK beraten zu lassen.

Andere Länder sind weiter

Nach Angaben des CHE hatten 2010 2,1 Prozent der Studienanfänger kein Abitur. Gegenüber 2007 war das eine Verdoppelung. Für Sigrun Nickel gibt es aber noch viel Spiel nach oben. „Andere Länder haben ganz andere Quoten.“ In Schweden betrage sie zum Beispiel 8 Prozent.

Hierzulande waren 2010 die Anteile in Nordrhein-Westfalen und Berlin mit rund 4 Prozent am höchsten; in Thüringen, Sachsen, dem Saarland, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg lagen sie hingegen niedriger als ein Prozent.„Das Studieren ohne Abitur ist kein flächendeckendes Phänomen“, stellt Nickel fest. Sie glaubt auch nicht, dass es eines wird. Vielmehr würden sich einige Hochschulen als besonders offen profilieren.

Bisher studieren Menschen ohne Abitur meistens an Fachhochschulen. In Niedersachsen bemühen sich hingegen vor allem drei Universitäten um solche Studenten: Oldenburg, Hannover und Lüneburg.

Im Vergleich mit anderen Unis ist in Lüneburg der Anteil der Studierenden ohne Abitur mit 3,7 Prozent besonders hoch. Dass der Prozentsatz gegenüber 2008 um 70 Prozent nach oben geschnellt ist, liegt vor allem an der 2009 gegründeten Professional School, die zwei berufsbegleitende Studiengänge für Erzieherinnen anbietet. Man finde Studierende ohne Abitur aber auch in der BWL, den Ingenieurwissenschaften und der Informatik, sagt Christian Otto, Referent der „Offenen Hochschule Lüneburg“.

Schwierigkeiten mit Mathematik

Doch haben sie es nach seinen Erfahrungen in mathematiklastigen Fächern relativ schwer. Fänden sie allerdings gute Unterstützung - in Mathematik, aber auch beim Verfassen von Hausarbeiten -, dann schlössen sie das Studium nicht schlechter ab. Das hat zumindest eine Untersuchung für einen Master-Studiengang an der Uni Bremen ergeben, von der Otto berichtet.

An der Oldenburger Universität gibt es seit Mai Brückenkurse für Studenten ohne Abitur. Anna Leptin hat einen in Mathematik besucht: fünf Wochen lang einmal in der Woche von 18 bis 22 Uhr. Sie wird einen zweiten anschließen. Die 23-Jährige will ein Fach studieren, das mit ihrem Beruf nichts zu tun hat. Sie ist Bibliothekarin - in Oldenburg wird sie Umweltwissenschaften studieren mit dem Berufsziel Meeresforscherin.

Ein solcher radikaler Wechsel ist die Ausnahme. Die meisten Studenten ohne Abitur bleiben nahe an dem, was sie bisher gemacht haben: Die Krankenschwester studiert Medizin, die Erzieherin Pädagogik, der Techniker Ingenieurwissenschaften. Leptin kann nur deshalb ein anderes Fach studieren, weil sie - eine niedersächsische Besonderheit - die Immaturenprüfung abgelegt hat: Dabei wurde sie auch in ihrem künftigen Studienfach geprüft.

Langeweile im Beruf

Ihre Entscheidung für ein Studium kommt zudem recht früh. Die meisten in ihrem Brückenkurs waren älter als dreißig Jahre. Doch Leptin langweilt sich schon jetzt in ihrem Beruf. „Es kommt kaum noch etwas Neues; das möchte ich nicht die nächsten 45 Jahre machen“, sagt sie. Dass sie kein Abitur gemacht hat, lag vor allem an ihrem Elternhaus. Dort habe es geheißen, sie solle besser etwas Handfestes machen.

Die Brückenkurse, die die Uni Oldenburg mit einem Erwachsenenbildungsträger anbietet, helfen nicht nur in Mathematik, sondern auch in Englisch, wissenschaftlichen Arbeitstechniken und der Organisation des Studienalltags.

Monika Hartmann-Bischoff von der Uni Oldenburg ist überzeugt, dass Hochschulen Studenten ohne Abitur in vielen Fächern den Weg in ein Studium ebnen können. Sie müssten sich ohnehin darauf einstellen, dass die gesamte Studentenschaft heterogener werde, sagt sie. „Wir müssen Anschlüsse schaffen, Lücken schließen. Als Hochschule darf man sich nicht zurücklehnen.“

Mehr Abbrecher?

Besonders hoch ist der Anteil der Studienanfänger ohne Abitur an der Berliner Steinbeis-Hochschule, die ein praxisorientiertes berufsbegleitendes Studium in BWL, Management und Ingenieurwesen anbietet. Er betrug 2010 stattliche 38 Prozent. An der privaten Hochschule studieren Menschen, die schon im Beruf stehen, viele sind in einer Führungsposition. „Sie haben schon viel Leistung gezeigt, wissen, worauf es ankommt und was sie wollen“, sagt Birgit Gaida von der Steinbeis Academy.

Auch Gaida hat die Erfahrung gemacht, „dass Studierende ohne Abitur durchaus mehr tun müssen“. Ein gutes Fünftel der Steinbeis-Studierenden bricht das Studium ab. Doch ist die Abbrecherquote unter denen ohne Abitur viel höher: Die Hälfte der Abbrecher hat mittlere Reife, ein Fünftel Hauptschulabschluss. Das erlaubt jedoch keine Aussagen über die Hochschulen insgesamt. Dazu gibt es keine Zahlen.

Fernstudium bietet Flexibilität

Die weitaus meisten Studenten ohne Abitur findet man, in absoluten Zahlen gemessen, an der Fernuniversität Hagen: Im Sommersemester waren es 6500 von 80000. Und der Anteil steige weiter, erwartet die Sprecherin der Hochschule, Susanne Bossemeyer. 2010 hatten dort schon 30 Prozent der Studienanfänger kein Abitur.

Die Hochschule bietet ihnen gute Bedingungen. Man könne das Studium flexibel in den Alltag integrieren, erklärt Bossemeyer. Und: „Brückenkurse in Mathematik haben wir schon länger.“ Studenten ohne Abitur seien auch in den mathematiklastigen Fächern stark vertreten.

Was viele schätzen, ist, dass die Hochschule eine Art Probestudium anbietet, das „Akademiestudium“. Es steht jedem unabhängig vom Schulabschluss offen. Man kann Fächer ausprobieren und, wenn man möchte, Leistungsnachweise sammeln. Diese kann man sich anrechnen lassen, sollte man ein richtiges Studium beginnen. Auch Markus Grothoff wählte diesen Weg.

Studieren wollte er, weil er als Programmierer merkte, dass ihm „hier und dort die theoretischen Grundlagen fehlten“. Doch auch er fürchtete sich vor Mathe. „Fehlendes Wissen habe ich mir über das Internet angeeignet.“ Außerdem habe ein Arbeitskollege, ein Diplomingenieur, seine Fragen beantwortet. Am Anfang des Studiums tat sich Grothoff schwer. „Ein Jahr habe ich gebraucht, dann klappte es. Ich musste mich erst ans Lernen gewöhnen.“ Arbeitet er als Akademiker anders? „Vorher habe ich direkt losgelegt. Jetzt reflektiere ich mehr, bin kritischer und habe einen Anspruch an eine gewisse Qualität.“

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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