„Wenn die Hälfte der Bevölkerung Marathon laufen oder an den Olympischen Spielen teilnehmen soll, muss man die Bedingungen ändern.“ Mit diesem Vergleich beschreibt Ruedi Seiler, Mathematikprofessor an der Technischen Universität Berlin, eine Entwicklung, die immer mehr Schülern in Deutschland das Abitur - oft mit Bestnoten - beschert, sie aber an der Uni scheitern lässt. In Berlin kletterte der Abiturientenanteil eines Jahrgangs binnen zehn Jahren von 27 auf 42 Prozent. Hamburg bejubelte in diesem Sommer ein Plus von 200 Abiturienten gegenüber dem Vorjahr - jeder Vierte schnitt mit einer Eins vor dem Komma ab.
Viele heimische Bildungspolitiker dürften sich über den Trend freuen, denn sie bekommen seit Jahr und Tag von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris vorgebetet: Um Wohlstand zu steigern und soziale Ungleichheit zu bekämpfen, muss die Bildung verbessert werden, und dazu braucht Deutschland mehr Akademiker. Andere Länder hätten die Nase vorn.
Seitdem ziehen die Verantwortlichen alle Register, um den „Abiturwahn“, wie der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, es nennt, voranzutreiben. Die Mittel dazu heißen G8, Zentralabitur, Bildungsstandards, Methodenkompetenzen und derlei mehr. Im Ergebnis laufe es auf einen „inhaltlichen Minimalismus“ hinaus, „der sich als ,lernen lernen’ verkauft“, so Kraus. Inhalte und Wissen würden nebensächlich, selektives Lesen (“literacy“), Präsentieren (Powerpoint), Diskutieren und Rechnen für den Alltagsgebrauch stünden im Vordergrund. Der Lehrer mutiere zum „Moderator“ und „Supervisor“, der nur noch „Lernzirkel“ und „Materialtheke“ anbiete und ansonsten auf „selbstgesteuertes Lernen“ setze.
Das OECD-Diktat von mehr Akademikern sei jedoch sinnlos, da die Quoten nicht international vergleichbar seien, warnt Kraus: In England habe schließlich auch die Friseurin einen Bachelor-Abschluss. Auch habe sich die Wirtschaft keinesfalls um das Siebenfache verbessert, nur weil die Abiturientenquoten binnen 40 Jahren von 6 auf über 40 Prozent emporgeschnellt seien, betont der Pädagoge in seinem jüngsten Buch „Bildung geht nur mit Anstrengung“.
An der Uni kommt oft das böse Erwachen
Handelt es sich beim Abitur überhaupt noch um die „allgemeine Hochschulreife“? Schon heute gelte es, zwischen „Studienberechtigung“ und „Studienbefähigung“ zu unterscheiden, behauptet Kraus. Selbst für das angesehene bayerische Abitur sieht der Pädagoge schwarz: Spätestens dann, wenn sich Bayern mit anderen Ländern zum Zentralabitur vereint, werde sich das bayerische Niveau dort nicht mehr wiederfinden. Dass das Abiturzeugnis schon deshalb seit langem keine allgemeine Hochschulreife mehr darstellt, weil die Wahl bestimmter Leistungskurse oder -profile in der Oberstufe die Wahl des Studienfachs an der Universität vorwegnimmt oder einschränkt, ist ein offenes Geheimnis. Wer Kunst und Englisch als Leistungskurse wählt - in Berlin im vergangenen Jahr die mit Abstand beliebteste Kombination -, der wird sich kaum mehr für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studienfach entscheiden können, weil ihm schlicht die fachlichen Voraussetzungen fehlen.
Doch auch für viele, die die „harten“ Fächer wählen, kommt an der Uni oft das böse Erwachen. „Die Grundlagen aus der Schule waren in meinem Studium nicht mal für die allererste Woche im ersten Semester ausreichend. Die Mathematik musste noch mal von Grund auf neu aufgebaut werden, während in den Physik-Vorlesungen Kenntnisse benötigt und vorausgesetzt wurden, die weit über das Abi-Niveau hinausgehen, um überhaupt sinnvoll anfangen zu können“, schreibt ein Student in einem Online-Forum. „Dazu habe ich aufgrund der Unterforderung in der Schule nie gelernt, zu lernen, so dass ich heute erhebliche Probleme habe, wenn ich mir Dinge aus Büchern und anderen Quellen mühsam zusammensammeln muss.“ Das gehe aber nicht nur ihm so, betont er, sondern vielen seiner Kommilitonen mit Einser-Abiturnote. Der Student zieht das Fazit: „Man ist alles andere als reif für die Hochschule.“
Die hohen Abbruchquoten schmerzen
Ein Einzelfall? Dagegen sprechen die Zahlen des Nationalen Bildungsberichts: In Mathematik (55 Prozent), Informatik (47 Prozent), Maschinenbau und Elektrotechnik (53 Prozent), Chemie (43 Prozent) und Physik (39 Prozent) sind die Abbruchquoten sehr hoch. Mit Einführung der Bachelor-Studiengänge sind sie gestiegen: in Mathematik und Informatik um 15 Prozent, in Maschinenbau um 16 Prozent und in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften um 10 Prozent.
In einem Land, dessen Ingenieure nach wie vor Weltruf genießen, schmerzen die hohen Abbruchquoten in den technischen Fächern umso mehr. Wie erklären sie sich angesichts der sehr guten Abiturnoten? Das Nadelöhr sei die Mathematik. Wer hier mit mangelhaften Vorkenntnissen antrete, habe schlechte Karten, sagt Christa Polaczek. Die Mathematikprofessorin an der Fachhochschule Aachen hat in einer Studie belegt: Unter allen betrachteten Eingangsvoraussetzungen haben mathematische Vorkenntnisse den höchsten Einfluss auf den Studienerfolg. Polaczek untersuchte Eingangstests, die seit dem Wintersemester 2009/10 an ihrer Hochschule stattfinden.
Das Ergebnis: Nur wer dort eine hohe Punktzahl erreicht hatte, schaffte in den folgenden zwei Jahren die vorgesehenen Prüfungen. Bei mittelmäßigem Abschneiden waren es nicht mal 60 Prozent, wer durchgefallen war, vergeigte auch 60 Prozent der Prüfungen. „Die Vorkenntnisse besitzen einen 3,4fach höheren Prognosewert als die schulischen Noten“, lautet Polaczeks Resümee. Das Problem ist: Die Vorkenntnisse werden immer dünner. Selbst Einser-Abiturienten brächten „erhebliche Defizite in den Grundlagen“ mit, sagt die Professorin. Der Umgang mit Termen, Gleichungen, Geometrie- und Trigonometriekenntnissen würde zunehmend aus der Schulmathematik gestrichen, obwohl gerade diese Techniken „einen sehr hohen Einfluss auf den Studienerfolg“ hätten. Oder sie würden nicht genügend eingeübt, ergänzt ihr Berliner Kollege Seiler. Hinzu kämen die Folgen des zu frühen Einsatzes von Taschenrechnern.
In einer weiteren Studie sammelten Forscher zehn Jahre lang rund 26.000 Eingangstest-Ergebnisse an 13 Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen. Die Studienanfänger hätten maximal zehn Punkte erreichen können. Sie kamen aber nur auf durchschnittlich drei. Dabei hatte der Arbeitskreis Ingenieurmathematik die Grenze zur Studierfähigkeit mit sechs Punkten angesetzt - nicht mal 40 Prozent der ehemaligen Leistungskursschüler erreichten sie. Bei unveränderter Aufgabenstellung über all die Jahre zeige die Tendenz sogar „leicht nach unten“, bedauert Studienleiter Heiko Knospe, Mathematikprofessor an der Fachhochschule Köln.
Fit werden im Schnellverfahren
In Vorkursen, für die der Staat im „Qualitätspakt Lehre“ derzeit viele Millionen Euro in die Hochschulen pumpt, sollen die Abiturienten in einem Schnellverfahren fit für die Universität gemacht werden. „Man kann in einigen Wochen Vorkurs oder in einer Begleitveranstaltung im ersten Semester aber nicht einfach nachholen, was jahrelang ignoriert und versäumt wurde“, moniert Sebastian Walcher, Mathematikprofessor an der Technischen Hochschule Aachen, und warnt vor einer Situation, wie sie in den Vereinigten Staaten schon existiert: Aufgrund des schlechten Mathematikunterrichts an den dortigen Schulen decken die Amerikaner ihren Bedarf an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren schon seit Jahrzehnten durch Zuwanderung.
Um denjenigen, die ihr Studium nicht schaffen, eine zügige Brücke ins Arbeitsleben zu bauen, gibt es seit einem Jahr in Aachen das Projekt „Switch“. In verkürzter Ausbildungszeit - CreditPoints aus dem Studium werden angerechnet - können sich Bewerber zum Fachinformatiker oder Industriekaufmann ausbilden. Wilhelm Siebers hat täglich mit den gescheiterten Studenten zu tun, denn der langjährige IHK-Geschäftsführer ist mit seiner „Agentur für Lösungen“ für die Kandidatenauswahl zuständig. „Wie kann man ein technisches oder kaufmännisches Fach studieren, wenn man im Abitur nur fünf Punkte in Mathematik hatte?“, fragt er sich oftmals.
Die Abiturnote gilt als uninteressant
Ansonsten sei für ihn die Abitur-Durchschnittsnote nicht interessant, er schaue sich die einzelnen Fächer an, vor allem Deutsch und Mathematik. Viele kämen mit großem Ehrgeiz an die Uni, brächten aber große Defizite aus der Schule mit. „An den Bewerbungsschreiben sehe ich: Viele haben noch nie einen ernsthaften Brief geschrieben. Sie wissen nicht, dass man nach dem Komma in der Anrede klein weiterschreibt. Auch müssen wir neuerdings ermahnen, keine selbstgemachten Handyfotos zu verschicken, sondern zum Fotografen zu gehen. Irgendwann hat die Spielerei ein Ende.“
Siebers sieht hier die Schulen und Hochschulen in der Pflicht: „Die Lehrer müssen auch überprüfen und korrigieren, was sie unterrichten. Man hilft den jungen Leuten nicht, wenn man alles durchgehen lässt. Spätestens bei der Bewerbung laufen sie damit auf.“
Die Quoten müssen stimmen...
Bill Tauer (DemokratusMaximus)
- 24.10.2012, 10:42 Uhr
Ist das Ziel: Viele Häuptlinge, keine Indianer?
Herr Müller (Huckeltown)
- 23.10.2012, 19:57 Uhr
Tour d' Alemagne
Svenja Sirisee (Sirisee)
- 23.10.2012, 18:14 Uhr
Unis haben selbst schuld an den hohen Abbruchquoten. Man forscht lieber
anstatt zu lehren. Und
Stephan Müller (Klarname)
- 23.10.2012, 17:11 Uhr
Nur noch Zeugnisse für Autodidakten
Erwin Stahlberg (Nundenn)
- 23.10.2012, 16:26 Uhr
