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Veröffentlicht: 18.10.2012, 18:40 Uhr

Hochschulreife Abi? Na und!

Von wegen Hochschulreife: Bildungsexperten kritisieren den „Abiturwahn“ samt Noteninflation und warnen vor einem schleichenden Qualitätsverlust. Das gefährde letztlich den Wirtschaftsstandort Deutschland.

von Birgitta vom Lehn
© dpa „Abiturwahn“: Kritiker fürchten eine Noteninflation.

„Wenn die Hälfte der Bevölkerung Marathon laufen oder an den Olympischen Spielen teilnehmen soll, muss man die Bedingungen ändern.“ Mit diesem Vergleich beschreibt Ruedi Seiler, Mathematikprofessor an der Technischen Universität Berlin, eine Entwicklung, die immer mehr Schülern in Deutschland das Abitur - oft mit Bestnoten - beschert, sie aber an der Uni scheitern lässt. In Berlin kletterte der Abiturientenanteil eines Jahrgangs binnen zehn Jahren von 27 auf 42 Prozent. Hamburg bejubelte in diesem Sommer ein Plus von 200 Abiturienten gegenüber dem Vorjahr - jeder Vierte schnitt mit einer Eins vor dem Komma ab.

Viele heimische Bildungspolitiker dürften sich über den Trend freuen, denn sie bekommen seit Jahr und Tag von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris vorgebetet: Um Wohlstand zu steigern und soziale Ungleichheit zu bekämpfen, muss die Bildung verbessert werden, und dazu braucht Deutschland mehr Akademiker. Andere Länder hätten die Nase vorn.

Seitdem ziehen die Verantwortlichen alle Register, um den „Abiturwahn“, wie der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, es nennt, voranzutreiben. Die Mittel dazu heißen G8, Zentralabitur, Bildungsstandards, Methodenkompetenzen und derlei mehr. Im Ergebnis laufe es auf einen „inhaltlichen Minimalismus“ hinaus, „der sich als ,lernen lernen’ verkauft“, so Kraus. Inhalte und Wissen würden nebensächlich, selektives Lesen (“literacy“), Präsentieren (Powerpoint), Diskutieren und Rechnen für den Alltagsgebrauch stünden im Vordergrund. Der Lehrer mutiere zum „Moderator“ und „Supervisor“, der nur noch „Lernzirkel“ und „Materialtheke“ anbiete und ansonsten auf „selbstgesteuertes Lernen“ setze.

Das OECD-Diktat von mehr Akademikern sei jedoch sinnlos, da die Quoten nicht international vergleichbar seien, warnt Kraus: In England habe schließlich auch die Friseurin einen Bachelor-Abschluss. Auch habe sich die Wirtschaft keinesfalls um das Siebenfache verbessert, nur weil die Abiturientenquoten binnen 40 Jahren von 6 auf über 40 Prozent emporgeschnellt seien, betont der Pädagoge in seinem jüngsten Buch „Bildung geht nur mit Anstrengung“.

An der Uni kommt oft das böse Erwachen

Handelt es sich beim Abitur überhaupt noch um die „allgemeine Hochschulreife“? Schon heute gelte es, zwischen „Studienberechtigung“ und „Studienbefähigung“ zu unterscheiden, behauptet Kraus. Selbst für das angesehene bayerische Abitur sieht der Pädagoge schwarz: Spätestens dann, wenn sich Bayern mit anderen Ländern zum Zentralabitur vereint, werde sich das bayerische Niveau dort nicht mehr wiederfinden. Dass das Abiturzeugnis schon deshalb seit langem keine allgemeine Hochschulreife mehr darstellt, weil die Wahl bestimmter Leistungskurse oder -profile in der Oberstufe die Wahl des Studienfachs an der Universität vorwegnimmt oder einschränkt, ist ein offenes Geheimnis. Wer Kunst und Englisch als Leistungskurse wählt - in Berlin im vergangenen Jahr die mit Abstand beliebteste Kombination -, der wird sich kaum mehr für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studienfach entscheiden können, weil ihm schlicht die fachlichen Voraussetzungen fehlen.

Doch auch für viele, die die „harten“ Fächer wählen, kommt an der Uni oft das böse Erwachen. „Die Grundlagen aus der Schule waren in meinem Studium nicht mal für die allererste Woche im ersten Semester ausreichend. Die Mathematik musste noch mal von Grund auf neu aufgebaut werden, während in den Physik-Vorlesungen Kenntnisse benötigt und vorausgesetzt wurden, die weit über das Abi-Niveau hinausgehen, um überhaupt sinnvoll anfangen zu können“, schreibt ein Student in einem Online-Forum. „Dazu habe ich aufgrund der Unterforderung in der Schule nie gelernt, zu lernen, so dass ich heute erhebliche Probleme habe, wenn ich mir Dinge aus Büchern und anderen Quellen mühsam zusammensammeln muss.“ Das gehe aber nicht nur ihm so, betont er, sondern vielen seiner Kommilitonen mit Einser-Abiturnote. Der Student zieht das Fazit: „Man ist alles andere als reif für die Hochschule.“

Die hohen Abbruchquoten schmerzen

Ein Einzelfall? Dagegen sprechen die Zahlen des Nationalen Bildungsberichts: In Mathematik (55 Prozent), Informatik (47 Prozent), Maschinenbau und Elektrotechnik (53 Prozent), Chemie (43 Prozent) und Physik (39 Prozent) sind die Abbruchquoten sehr hoch. Mit Einführung der Bachelor-Studiengänge sind sie gestiegen: in Mathematik und Informatik um 15 Prozent, in Maschinenbau um 16 Prozent und in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften um 10 Prozent.

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