Claudia Gläser schwört auf das duale Studium. Vor gut fünfzehn Jahren hat sie selbst eines abgeschlossen, seitdem stellt sie in ihrem Maschinenbau-Unternehmen duale Studenten ein - früher alle drei Jahre einen Studierenden, nun hat sie die Frequenz auf zwei Jahre erhöht. „Mit dualen Studenten habe ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt sie. Wenn sie einen fertigen Ingenieur einstelle, müsse sie ihn mindestens ein halbes Jahr lang einarbeiten. Ein dualer Student habe hingegen schon einen großen Teil seines Studiums in ihrem Unternehmen verbracht - und sei nach dem Abschluss sofort voll einsatzfähig. „Wir kennen dann seine Stärken und Schwächen ganz genau“, erklärt Gläser.
Das duale Studium ist für die mittelständische Gläser GmbH, die mit ihren 60 Mitarbeitern in der Kleinstadt Horb am Neckar sitzt, aber vor allem ein gutes Instrument, hochqualifizierte Fachkräfte zu gewinnen: Mit dieser Studienform kann sie ihre eigenen Akademiker ausbilden. „Einen fertigen Ingenieur über eine Anzeige zu bekommen ist schwieriger“, sagt Claudia Gläser.
Fachkräfte anziehen und ausbilden
Der Technikkonzern Phoenix Contact hat vor 13 Jahren begonnen, Mitarbeiter im dualen Studium auszubilden. Das „Schreckgespenst des Fachkräfte- und Ingenieurmangels“ hat das familiengeführte Unternehmen dazu bewogen, wie der Leiter der Ausbildungsabteilung, Hermann Trompeter, erklärt. Man begann mit zwei Studenten, heute sind es 90, bald werden es mehr als 100 sein. „Wir steigern die Anzahl der Stellen“, sagt Trompeter. „Denn wir wollen gute Fach- und Führungskräfte gewinnen, die unsere Werte und Kultur kennen und leben.“
Was das Unternehmen aus Blomberg in Ostwestfalen und die Gläser GmbH machen, tun immer mehr Unternehmen in Deutschland: Sie bieten duale Studienplätze an, um hochqualifizierte Fachkräfte anzuziehen und auszubilden. Die Studenten verbringen - oft im dreimonatigen Wechsel - den einen Teil der drei Jahre währenden Ausbildung an der Hochschule, den anderen im Unternehmen. Dort durchlaufen sie verschiedene Abteilungen und können das im Studium Gelernte sofort anwenden. Oft haben sie bei Studienabschluss auch einen IHK-Abschluss in der Tasche.
Die am schnellsten wachsende Studienform
Diese Art des Studiums hat in den vergangenen Jahren schnell an Fahrt aufgenommen; sie ist die am schnellsten wachsende Studienform in Deutschland und wird dies nach den Erwartungen der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) noch länger bleiben. Gut 60 000 Studenten studierten nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung 2011 dual - 20 Prozent mehr als im Vorjahr und 70 Prozent mehr als 2005. Um ein Fünftel im Vergleich zum Vorjahr stieg auch die Zahl der angebotenen Studiengänge auf rund 930.
Seine Wurzeln hat das duale Studium in Baden-Württemberg, wo es vor fast 40 Jahren in 50 Unternehmen begann. Inzwischen ist die Duale Hochschule Baden-Württemberg mit knapp 28.000 Studenten und 11 500 Studienanfängern im Studienjahr 2011/12 die zweitgrößte Hochschule des Bundeslandes - und könnte bald die größte sein. Sie arbeitet mit rund 9000 Unternehmen und sozialen Einrichtungen in der Ausbildung der Studenten zusammen. In Baden-Württemberg ist jeder zehnte Studienplatz dual, im übrigen Deutschland sind es erst 1,7 Prozent. Die 10 Prozent in Baden-Württemberg deuten nach Ansicht von Fachleuten darauf hin, wo die Entwicklung im übrigen Deutschland hingehen könnte.
Wann immer man Unternehmensvertreter nach dem dualen Studium fragt - sie berichten mit Begeisterung darüber. „Wir haben die Fach- und Führungskräfte schon im Haus“, sagt auch Hermann Trompeter von Phoenix Contact. Die dualen Studenten gehörten zur Crème de la Crème. „Sie wollen persönlich wachsen und sie wollen nach vorne.“ Schließlich hätten sie sich für einen frühen Berufseinstieg entschieden. „Sie wissen, wofür sie studieren.“ Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat vor kurzem 1400 Unternehmen nach ihren Erfahrungen mit dem dualen Studium befragt - das Urteil fiel sehr positiv aus. Rund 97 Prozent waren „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“. Rund zwei Drittel befanden das duale Studium als „deutlich besser“ oder „besser“ als das klassische Studium. Die Unternehmen lobten nicht nur, dass die Studenten viel über die betrieblichen Abläufe lernten, sondern auch deren Fähigkeiten zum selbständigen Arbeiten und ihre hohe Eigenmotivation. Darin unterschieden sie sich von vielen Mitbewerbern.
Wer ein duales Studium zu Ende bringt, muss tatsächlich sehr leistungsbereit sein. Denn der Zeitplan ist eng; Semesterferien gibt es nicht, sondern nur den im Unternehmen üblichen Urlaub - in dem man oft noch lernen muss. Andererseits bekommt man eine Vergütung, die je nach Branche zwischen 400 und gut 1000 Euro im Monat beträgt, und fast eine Arbeitsplatzgarantie: 90 Prozent bekommen ein Übernahmeangebot.
Viel Nähe zur Praxis
Die Nähe zur Praxis ist die große Stärke des dualen Studiums. Sie bekomme genau die Akademiker, die sie brauche, sagt Claudia Gläser: „Absolventen mit technischem Verständnis, betriebswirtschaftlichen Kompetenzen und vielen Erfahrungen in der Projektarbeit, die zielgerichtet arbeiten können.“ In einer Umfrage unter rund 2200 Unternehmen, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor einem guten Jahr veröffentlichte, bemängelten die Unternehmen an den Hochschulabsolventen vor allem ihre Praxisferne. Dass diese das Gelernte nur unzureichend anwenden konnten, war der wichtigste Grund, warum man sich nach der Probezeit von Mitarbeitern trennte. Die Befragten äußerten gleichzeitig großes Interesse am dualen Studium. 38 Prozent hatten schon Erfahrungen damit, 23 Prozent planten, aktiv zu werden.
Das duale Studium ist auch bei den jungen Menschen sehr beliebt. In der Regel übertrifft die Nachfrage nach den Studienplätzen das Angebot - auch bei Phoenix Contact, das 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2011 umgesetzt hat und seine Zentrale in einer Kleinstadt hat. „Wir bekommen Bewerbungen dafür aus ganz Deutschland“, sagt Trompeter. „Das duale Studium ist ein hervorragendes Instrument gegen den Fachkräftemangel.“
Für Claudia Gläser von der Gläser GmbH bleibt dennoch ein Wehmutstropfen. Die Ausbildung sei hochwertig und für einen kleineren Mittelständler eine größere Investition. Viele Absolventen suchten leider ziemlich schnell nach neuen Herausforderungen und blieben nach Studienabschluss nicht einmal drei Jahre im Unternehmen. „Das nächste Unternehmen bekommt dann toll ausgebildete Mitarbeiter“, sagt Gläser. „Eigentlich sollte man sie wie Profifußballer verkaufen.“
Dual daheim bei Mammi, aber kein Studium
Michael Meier (never1)
- 19.07.2012, 11:37 Uhr
Warum wohl?
gerd hodina (hodger)
- 19.07.2012, 11:31 Uhr
