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Gro Harlem Brundtland Aus Überzeugung gut

 ·  Seit vierzig Jahren kämpft Gro Harlem Brundtland für den Klimaschutz und die Frauenrechte. Früher war sie Regierungschefin in Norwegen, heute berät sie Politiker.

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Diesen Satz wird sie nicht mehr los. Ihre Berater warnen sie schon davor, als sie zum ersten Mal das Manuskript für die Neujahrsansprache mit ihr durchgehen. Von den tiefgreifenden Umwälzungen in Europa soll darin die Rede sein, von der hohen Arbeitslosigkeit in vielen Ländern der Welt und von der tiefsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg in der Heimat. Und dann dieser kurze Satz, als Vorschlag für ein neues nationales Motto formuliert: „Es ist typisch norwegisch, gut zu sein.“

Gro Harlem Brundtland ist Norwegens Ministerpräsidentin und Vorsitzende der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, sie steht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Dennoch hört sie sich die Einwände ihrer Mitarbeiter geduldig an: Zu großspurig werde das klingen, die Missverständnisse seien programmiert, der politische Gegner werde sich genüsslich darüber hermachen. Dann trifft sie ihre Entscheidung, sie streicht den Satz nicht. Und an Neujahr 1992 bekommt das Königreich im Norden ihn zum ersten Mal zu hören.

Ein kurzes, tiefes Glucksen

Die Kritik fiel so heftig aus wie vorhergesagt. Zwei Jahrzehnte später lacht Gro Harlem Brundtland, wenn sie sich daran erinnert. Aber sie erlaubt sich nur ein kurzes, tiefes Glucksen, dann fängt sie das Lachen wieder ein und konzentriert sich. „Die Warnungen waren ja richtig“, sagt sie. „Denn wann immer du etwas tust, was sich vom Erwartbaren unterscheidet, wirst du nachher dafür kritisiert.“ Sie kennt sich aus mit solchen Situationen. Sie war 1981 die erste Frau, die an die Spitze einer norwegischen Regierung gewählt wurde, und nach Margaret Thatcher die zweite Regierungschefin in Europa, fast ein Vierteljahrhundert vor Angela Merkels Wahl zur deutschen Kanzlerin. An Widerstand zu wachsen und an Überzeugungen festzuhalten, das hat sie seit ihrem Einstieg in die Berufspolitik oft genug geübt.

Seit acht Jahren bezeichnet Gro Harlem Brundtland sich inzwischen selbst als Rentnerin, doch ihre Interpretation dieser Rolle ist eigenwillig: Eine Prise Ruhestand gönnt sie sich nur für ein paar Wochen Sommerferien an der norwegischen Küste und zum Skifahren im Winter. Dazwischen absolviert sie Wahlkampfauftritte für die sozialdemokratische Partei, der sie seit ihrer Jugend angehört; sie wirbt als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für den Klimaschutz; sie fliegt zur Umweltkonferenz in Rio de Janeiro. Und während die nächste Politikergeneration sich dort schon achselzuckend mit dem Fehlschlag der internationalen Zusammenarbeit in Klimafragen abgefunden hat, ist Gro Harlem Brundtland immer noch kämpferisch. „Es geht um dieselben Ziele, die ich schon als junges Mädchen hatte“, sagt sie. „Und ich werde immer eine Optimistin bleiben.“

Der Vergleich mit Angela Merkels Weg drängt sich auf

Vier Stunden Bedenkzeit gab ihr der damalige Ministerpräsident, als er ihr 1974 den erst zwei Jahre zuvor geschaffenen Posten als Umweltministerin in seinem Kabinett anbot. Brundtland war gerade 35 Jahre alt und Medizinerin, aber schon seit langem ein Aktivposten in der Arbeiterpartei, etwa als Befürworterin der Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. In ihrer neuen Funktion avancierte sie zur Kontrolleurin der mächtigen Ölbranche. Schon bald nach ihrem Amtsantritt kam es auf einer Förderplattform in der Nordsee zu einem „Blow-out“, die Fernsehkameras aus aller Welt richteten sich auf die junge Ministerin, mit Bravour parierte sie die kritischen Fragen. Auch in einer hitzigen Debatte um den Bau von Stauseen schlug sie sich passabel. Trotzdem drängten sie die beiden Männer an der Parteispitze nach der nächsten Wahl unter taktischen Vorwänden aus dem Kabinett. Doch nur zwei Jahre später war Gro Harlem Brundtland wieder da - diesmal als Ministerpräsidentin und Parteivorsitzende in Personalunion.

Der Vergleich mit Angela Merkels Weg ins Kanzleramt drängt sich auf, nicht nur wegen der von beiden als Karrieresprungbrett genutzten Station im Umweltministerium. „Sobald eine Frau nach oben kommt, wird nach den Männern gefragt, die sie auf dem Weg dorthin zur Seite geschoben hat“, nimmt Brundtland die nächste Frage vorweg. „Weil alle davon ausgehen, dass es auch eine männliche Alternative gegeben haben muss. Aber das ist ja gar nicht immer so.“

In ihrem Fall habe kein geeigneter Kandidat zur Wahl gestanden, sie habe sich nur aus Pflichtgefühl zur Verfügung gestellt - diese Selbstdarstellung mag einen Schuss zu viel Heldenhaftigkeit enthalten, um glaubhaft zu wirken. Einmal an der Spitze, stellte Brundtland jedenfalls ihre Beharrlichkeit unter Beweis. Zwar fiel ihr erstes Wahlergebnis desaströs aus. Doch fünf Jahre danach nutzte sie die Chance zur Revanche. Ihre Wahlkampfhelfer versuchten sie für die im Fernsehen übertragenen Rededuelle mit ihrem deutlich älteren, staatsmännisch auftrumpfenden Kontrahenten zu mehr Spontaneität, persönlicher Wärme, modischer Eleganz zu bewegen. Sie aber blieb, wie sie bis heute ist: ernst und sachlich, selbstbewusst und entschlossen, mit einer über die Stirn toupierten Frisur und schlichten Kleidern - und kehrte auf diese Weise zurück an die Regierung. Ihr gelang das Kunststück, gleichzeitig Sparmaßnahmen im Haushalt, eine Abwertung der Währung und eine Steuersenkung durchzuboxen. Als Sensation aber galt, dass sie 1986 acht von achtzehn Kabinettsposten mit Frauen besetzte.

“Ich habe damals auch schon den deutschen Sozialdemokraten gepredigt, dass sie mehr Frauen ins Parlament holen müssen“, sagt Brundtland. „An die Diskussion mit Egon Bahr kann ich mich noch gut erinnern.“ Die Gleichstellung ist ihr Thema geblieben. Andere Länder wandeln sich langsamer als Norwegen, die Frauenbewegung hat vielerorts an Schwungkraft verloren. Gro Harlem Brundtland lässt sich davon nicht entmutigen. „Das Wichtigste sind die dramatischen Fortschritte, die wir in den vergangenen fünfzig Jahren erreicht haben“, hält sie dagegen. „Und wir wissen, dass es den Ländern am besten geht, in denen die Frauen am meisten am politischen und wirtschaftlichen Leben teilhaben.“

Der Umweltschutz ist ihr zweites großes Anliegen

Noch zäher als die Frauenrechte ist der Umweltschutz zu verhandeln, das zweite große Anliegen ihrer politischen Karriere. Unter ihrer Führung veröffentlicht eine Kommission der Vereinten Nationen in den achtziger Jahren den Bericht mit dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“, der den Begriff der nachhaltigen Entwicklung im weltpolitischen Vokabular verankert. Außerdem gibt er den Anstoß zu der bis zur Konferenz von Rio in diesem Sommer reichenden Serie von Umwelt- und Klimagipfeln. Ihre eigene Rolle in diesem Zusammenhang zu schmälern käme Brundtland nicht in den Sinn. Dass sie trotz der zuletzt immer lauter gewordenen Kritik am Nutzen der aufwendigen Gipfeltreffen die internationale Zusammenarbeit noch nicht abschreiben will, liege aber nicht an persönlicher Eitelkeit, betont sie. Dazu sei ihr die Sache zu wichtig. „Wenn wir zu keiner Lösung kommen, dann ist das doch keine Niederlage für mich persönlich, sondern eine für die Welt und für die Menschheit.“

Sie selbst ist 1996 als Ministerpräsidentin zurückgetreten, in Norwegen genießt sie inzwischen fast so eine Autorität wie Helmut Schmidt in Deutschland. Zusammen mit Staatsmännern wie Jimmy Carter berät sie in der Organisation „The Elders“ Politiker in aller Welt, um Gewalt und Armut, Umweltverschmutzung und die Unterdrückung von Frauen zu bekämpfen. Die Affäre um ausgebliebene Steuerzahlungen, die vor fünf Jahren auf den Titelseiten norwegischer Zeitungen erörtert wurde, ist beinahe vergessen. Brundtland wahrte ihren Ruf, indem sie mit der gewohnten Entschlossenheit reagierte: Um nicht länger von dem Steuerabkommen mit Frankreich zu profitieren, wo sie und ihr Mann zwischenzeitlich wohnten, zogen sie zurück nach Norwegen.

Und das umstrittene Motto? Ist es typisch norwegisch, gut zu sein? Die Wirtschaftskrise von damals ist längst ausgestanden. Öl und Erdgas haben Norwegen reich gemacht, die Arbeitslosenquote ist auf 3 Prozent gesunken. Während sich im Rest Europas die Schulden türmen, liegen rund 80.000 Euro für jeden Norweger auf der hohen Kante. Es gibt eine gesetzliche Mindestquote für Frauen in den Aufsichtsräten von Unternehmen, die andere Länder kopiert haben. Und wenn die Staaten der Erde nach Lebensstandard und Bildungsniveau miteinander verglichen werden, landet Norwegen regelmäßig auf einem Spitzenplatz. „Dahinter steckt nicht nur unser Glück, Öl gefunden zu haben“, betont Brundtland. Und den nächsten Satz sagt sie mit so viel Nachdruck, dass er wie ein Glaubensbekenntnis klingt. „Dahinter stecken Überzeugungen, die schon lange vorher verwurzelt waren.“

Ich über mich

Ein guter Arbeitstag beginnt ...

... damit, dass ich ausgeschlafen habe.

 Die Zeit vergesse ich, ...

 ... wenn etwas lustig und zugleich spannend ist.

 Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

... muss er selbst sein - und sich um andere kümmern wollen.

 Erfolge feiere ich

... indem ich mich für den nächsten Schritt motiviert fühle.

Es bringt mich auf die Palme, ...

... wenn ich zu wenig geschlafen habe.

Mit 18 Jahren wollte ich ...

... entweder Ärztin, Juristin, Ingenieurin oder Ökonomin werden; die Entscheidung fiel mir sehr schwer.

Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

... - es gibt nichts, was ich einfach so rückgängig machen möchte.

Geld macht mich ...

... weder glücklich noch traurig; es hat mir einerseits nie gefehlt, ich hatte aber auch nie besonders viel davon.

 Rat suche ich ...

... bei meiner Familie.

Familie und Beruf sind ...

... eine Ganzheit, man schafft das eine nicht ohne das andere.

Den Kindern rate ich, ...

... sie selbst zu sein und das zu tun, woran sie glauben.

Mein Weg führt mich ...

... zu weiterem Engagement.

Zur Person

  • Gro Harlem Brundtland wird am 20. April 1939 in einem Vorort von Oslo geboren. Sie studiert Medizin und arbeitet danach für den schulärztlichen Dienst der Stadt.
  • 1977 erringt sie erstmals ein Parlamentsmandat für die sozialdemokratische Arbeiterpartei, 1981 wird sie als erste Frau Ministerpräsidentin von Norwegen.
  • Als Vorsitzende der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung prägt sie den Nachhaltigkeits-Begriff, als Generalsekretärin der Weltgesundheitsorganisation kämpft sie gegen die Viruskrankheit Sars.
  • Brundtland ist verheiratet und vierfache Mutter.
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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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