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Teil 5 der „Beruf und Chance“-Sommerserie : Kunstvolle Unikate für filigrane Finger

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Nichts für unruhige Gemüter: Goldschmiedin Claudia Westhaus ist hochkonzentriert. Ein Fehler... Bild: Henning Bode

Wer aus Gold oder Silber Schmuck schmiedet, der hauchdünn wie Papier scheint, was ist er dann: Künstler oder Handwerker? Goldschmiedin Claudia Westhaus hat die Antwort in 20 Berufsjahren gefunden.

          Claudia Westhaus ist hochkonzentriert. Ein Fehler - und die Arbeit von Stunden würde dahinschmelzen. Lötpunkt für Lötpunkt setzt sie ein mattgoldenes Blatt neben das nächste. „Nur wenige löten so gut wie ich“, sagt sie. Das klingt nicht eingebildet, sondern angenehm selbstbewusst. Westhaus, eine zierliche Frau mit modischem, graumeliertem Kurzhaarschnitt weiß einfach, was sie kann: Ein letzter Punkt, gefühlt ist es Nummer 500, und der mattsilberne Ring ist fertig. Vorsichtig hebt sie ihn mit einer Pinzette von ihrem Brettzeug, ihrer Arbeitsfläche, und hält ihn ins Licht. Ein letzter prüfender Blick. Der Ring ist nicht gerade klein, am Finger seiner Trägerin wird er ein Statement sein. Dennoch wirkt er so fein, so zart. Man ist sich sicher, käme nun ein Windhauch, man hörte die Blätter rauschen wie an einem frischen Frühlingstag im Wald. Natürlich ist das pure Imagination.

          In Wahrheit erreicht die Temperatur heute 30 Grad. Es ist ein glühend heißer Sommertag, ungewöhnlich heiß für Hamburg. Die sonst so steife Brise im hohen Norden ist heute nur ein laues Lüftchen. Die weißen Gardinen vor den zwei Meter hohen, weit geöffneten Fenstern der Werkstatt der Goldschmiedin blähen sich daher nur sanft. „Heute ist kein Tag, an dem man schmilzt“, sagt Westhaus mit Blick auf den steinernen Arbeitstisch, an dem sie normalerweise in einer feuerfesten Schale mit einem Bunsenbrenner Gold- und Silberreste, die sie aus einer Metallscheideanstalt, einer Art Recyclingfirma, bezieht, in neuen Rohstoff für ihren Schmuck verwandelt. „Die Kunden würden ansonsten eine Sauna vorfinden und rückwärts wieder rausgehen.“

          Für den Verkauf wäre das schlecht. Denn die Werkstatt der Goldschmiedin in einer alten Fabrik im Herzen des Hamburger Stadtteils St. Georg ist zugleich auch ihr Schaufenster. Die 50 Jahre alte Westhaus teilt sich die etwa 40 Quadratmeter große Fläche - vorn Vitrinen, hinten die Werkbänke - mit zwei Kolleginnen. Wer den Blick über die ausgestellten Stücke schweifen lässt, stellt fest: Jede pflegt ihren eigenen Stil. Westhaus, eine gebürtige Nordrhein-Westfälin, liebt die Großstadt Hamburg. Die nahe Außenalster bezeichnet sie als „mein Wohnzimmer“. Genauso gern besucht sie jedoch ihren Bruder auf dem Land. Dann streift sie stundenlang durch den Wald und über die Wiesen, die Natur als ständige Inspiration im Blick. Man weiß sofort, dass das stimmt.

          Eine Arbeit mit fast schon therapeutischer Wirkung

          Die Formen ihrer Stücke sind organisch, Details wirken filigran und floral. In ihren Vitrinen krabbeln winzige Ameisen in Silber als Dekoration über Baumrinden und Äste, auf denen sie Colliers arrangiert, die wie ein Wasserfall aus tausend Blüten wirken. Viele ihrer Stücke bestehen aus hundert kleinen Teilen, die sie einzeln bearbeitet. Silberplättchen mit einem Durchmesser von nur wenigen Millimetern und kaum dicker als Papier, möchte man meinen, stanzt sie beispielsweise mit einem feinen Hammer und einem noch feineren Meißel in runden Formen zu gewellten Blättern.

          Die so bearbeiteten Plättchen und auch andere Einzelteile wie kleine Stäbe, die wie feinste Äste wirken, lötet Westhaus dann auf silberne oder goldene Trägerplatten, wenn etwa eine Brosche entstehen soll, oder sie appliziert sie auf Ringe. Reiht sie die winzigen Teile nur aneinander, soll eine Halskette oder ein Armband entstehen. Stunde um Stunde, Winzigkeit um Winzigkeit - der Beruf des Goldschmieds ist nichts für ungeduldige Gemüter. Dabei wirkt auch Westhaus eher quirlig und umtriebig. „Das stimmt, ich kann sehr ungeduldig sein“, sagt sie auf Nachfrage. „Ich hasse zum Beispiel Schleifen und Polieren.“ Andere Goldschmiede machten dies am Schluss, wenn das Schmuckstück vollendet sei. „Ich mache das am Anfang mit dem Rohmaterial und dann nie wieder.“

          Über Stunden und manchmal auch über mehrere Tage an einem einzigen Ring, an einem Collier zu sitzen, das sei für sie eine Art Meditation mit fast schon therapeutischer Wirkung, die alles andere in den Hintergrund treten lässt. Wenn ihre Hände irgendwann nicht mehr in der Lage seien, die Ideen in ihrem Kopf Wirklichkeit werden zu lassen, „dann schmiede ich mit den Füßen“, ist sie sich sicher. Sie lacht dabei nicht, sie meint es ernst.

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