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Gesundheit Strategisch klug mit den eigenen Kräften umgehen

09.11.2005 ·  Gerade im Management kümmern sich bedenklich wenige um ihren Kräftehaushalt. Doch der überlegte Umgang mit den eigenen Energiepotentialen steigert die Belastbarkeit und die berufliche Standfestigkeit spürbar.

Von Hartmut Volk
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Der Wettbewerb gewinnt unter dem Druck schwindender Arbeitsplätze erheblich an Schärfe. Und das verlangt nach einer überlegten Anpassungsstrategie, soll die Gefahr gebannt werden, ausgebrannt den beruflichen Anforderungen nicht mehr gerecht werden zu können.

Der Psychologe und Burnout-Experte Matthias Burisch, Professor am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg, weist auf diese Gefahr hin, wenn er feststellt, das Burnout von heute stamme unter anderem „von dem Druck, die eskalierenden Ansprüche anderer zu erfüllen, oder von der intensiven Konkurrenz, besser als andere in der derselben Organisation oder Firma zu sein“.

Leistungs- und Stimmungstiefs

Mit anderen Worten: Nicht nur die direkten und kontinuierlich steigenden beruflichen Anforderungen verlangen immer mehr Kraft. Auch die kollegiale Rivalität sorgt dafür, daß die Energietanks deutlich stärker beansprucht werden. „Deshalb ist es bedenklich, daß gerade im Management die wenigsten wirklich wissen, wie sie sich energetisch richtig verhalten“, stellt Verena Steiner, Züricher Beraterin für bessere Denk-, Lern- und Arbeitsstrategien, fest.

Ärzte wie Psychologen sind sich einig: Gerade im Management kümmern sich bedenklich wenige im notwendigen - strategischen - Maß um ihren Kräftehaushalt. Damit sägen sie kräftig an dem Ast, auf dem sie sitzen. Dabei ließen sich die gefürchteten Leistungs- und Stimmungstiefs trotz der komplexer werdenden Beanspruchung durch überlegteren Umgang mit den eigenen Kräften durchaus vermeiden. Zumindest aber reduzieren.

Als „Hamster im Laufrad“ bezeichnet der Arzt und Psychologe Michael Kastner, Professor für Organisationspsychologie an der Universität Dortmund und Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin und Arbeitspsychologie (IAPAM) in Herdecke, dieses Verhalten: „Immer mehr Manager schaffen ihre Work-Life-Balance, das heißt die Quadratur des Kreises von höchster Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Lebensqualität, nicht.

Entspanntes Innenleben

Sie verschwenden zuviel Energie an den falschen Ecken und bringen ihre PS an den richtigen Stellen nicht auf die Straße. Sie müssen lernen, Balancen zwischen Anforderungen, Ressourcen und Puffern zu finden und in Rhythmen zu verwirklichen.“

Mit Blick darauf rät Verena Steiner, sich als selbstschützende Anpassungsstrategie mehr mit dem eigenen Kräftehaushalt zu beschäftigen und sich, wie sie es nennt, „Energiekompetenz anzueignen“. Mehr Energiekompetenz bedeute nicht allein eine wesentlich stabilere Leistungsfähigkeit und damit eine sicherere, belastungsfähigere berufliche Standfestigkeit.

Das Lebensgefühl insgesamt werde dadurch nachhaltig verbessert. Dank eines entspannteren Innenlebens stelle sich deutlich mehr Frustrationstolerenz, Gelassenheit, Aufgeschlossenheit und Kreativität sowohl im Führungsalltag als auch im Umgang mit Kollegen und Außenstehenden ein. Und, was entscheidend zum Wohlbefinden beitrage: Die innere Bereitschaft, die allgegenwärtigen Veränderungen nicht ausschließlich als Bedrohung des Erreichten, sondern auch als Chance zur persönlichen Weiterentwicklung zu begreifen, nehme zu.

Natürliche Regenerationsphasen

Statt aber einen Gang herunterzuschalten, so beobachtet Steiner, begehen viele Führungskräfte den Fehler zu meinen, sie müßten den ganzen Tag auf Hochtouren laufen. Ein gefährlicher Irrtum. Wer ihm verfällt, sieht Pausen als unproduktive Zeit, als Zeichen fehlender Leistungsbereitschaft. Kein Wunder für Steiner, daß Stress aufkommt, wenn die natürlichen Regenerationsphasen fehlen, wenn sozusagen permanent gegen den eigenen Körper gearbeitet wird, der signalisiert: Achtung, Energiemangel, für kurze Erholungsphase sorgen.

Dabei ist Energiekompetenz nun wahrlich keine Geheimwissenschaft. Sie ist schlicht und einfach das Wissen, wie mit den eigenen Kräften haushälterisch umzugehen ist. Wer das kann, betont Verena Steiner, „kann auch unter den heutigen Arbeitsbedingungen ohne auszehrenden Dauerstress leben, bleibt besser gelaunt und gelassener und ist damit produktiver und erzielt bessere Ergebnisse“. Übrigens in der Sache ebenso wie in der Menschenführung, wo Verbissenheit mehr frustriert als motiviert. Energiekompetenz nutzt also nicht nur dem und den Menschen, sie zahlt sich auch für den Betrieb mehr als aus.

Wichtig im Bestreben um diese (überlebens)strategisch wichtige persönliche Energiekompetenz sind zwei Elemente oder Bausteine: erstens eine geschärfte Selbstwahrnehmung und zweitens Wissen über die unterschiedlichen Energiezustände in Gehirn und Körper und ihre kurz- und längerfristigen Auswirkungen. „Energie kann nicht gemessen werden wie der Blutdruck oder die Körpertemperatur“, erläutert Steiner.

Die wichtigsten Energiebausteine

„Wir müssen lernen, unsere Zustände der Energie und der Anspannung, das ist der negative Gegenpol der Energie, wahrzunehmen und zu unterscheiden. Wichtig ist zudem, ihre Auswirkungen auf unser Denken und Entscheiden und auf unsere Stimmung zu kennen.“ Nicht nur im Management oder überhaupt im Berufsleben, auch im Privaten ist dieses Wissen von größtem Nutzen. Was sind nun die wichtigsten Energiebausteine?

Zunächst die inneren Rhythmen mit ihren natürlichen Phasen von Anspannung und Entspannung, sprich von Arbeiten und Erholen. Zweitens körperliche Bewegung und Aktivität. Die Evolution hat den Menschen als Bewegungswesen geschaffen. Bewegt er sich zuwenig, bekommt ihm das nicht. Aber auch andere Aktivitäten geben Energie. Jedesmal, wenn wir uns zu einer Tätigkeit überwinden und die Bequemlichkeitszone verlassen, gewinnen wir an Energie.

Drittens zwischenmenschliche Kontakte. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Viertens Liebe. Ob zu anderen Menschen, zu Tätigkeiten oder zu Dingen. Was wir lieben, gibt uns Energie. Fünftens Ziele und Perspektiven. Ein Nahziel für die nächsten zehn Minuten oder die Absicht, sich in einem Fachgebiet fachlich wirklich fit zu machen, ein nächstes Karriereziel zu erreichen oder in einem Jahr den Berlin-Marathon zu laufen, mit Zielen können wir uns gewaltig energetisieren.

Aktivität und Erholung

Und worin sieht Verena Steiner die größten Energielecks im Alltagsgeschehen? Vor allem immer wieder in einem: in den mißachteten Rhythmen. Achten wir zuwenig auf unseren inneren Rhythmus von Anspannung und Entspannung, also Aktivität und Erholung, Schlaf eingeschlossen, bauen sich Belastungsgefühle und schließlich Stress auf. Beides sind enorme Energielecks.

Ein weiteres Leck sind alle Arten von mangelnder Sicherheit und die damit verbundenen Befürchtungen und Ängste: mangelnde Selbstsicherheit, mangelndes Können, Unsicherheit in sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz. Nachdrücklich erklärt sie: „Auch unsere Mitmenschen können uns Energie entziehen. So wie es wahre Energizer gibt, gibt es auch De-Energizer.“

Gerade Manager oder Vorgesetzte sollten sich dieser Tatsache sehr, sehr bewußt sein und auch sich selbst in den Blick nehmen, wenn das Leistungsklima in ihrem Bereich nicht stimmt. Auch hier sind nicht immer nur die anderen schuld.

Einfach um den Häuserblock marschieren

Nun kennt jeder Situationen, wo plötzlich auch der letzte Funken Energie weg ist. Einfach ausgepowert. Was tun in solchen Momenten? Sich Forschungsergebnisse zunutze machen, sagt Steiner. Die belegten nämlich: Zehn Minuten kräftige Bewegung mobilisieren für ein bis zwei Stunden. Sie rät zum Selbstversuch: „Es mag komisch und gewöhnungsbedürftig klingen, aber: Marschieren Sie probeweise einfach mal um den Häuserblock oder steigen Sie Treppen, wenn Sie energetisch durchhängen. Sie werden sehen, das energetisiert Sie wieder. Vorausgesetzt natürlich, Sie sind nicht derart ausgelaugt, daß Sie zunächst einfach einmal schlafen müssen.“

Wird hier der Nutzen der Bewegung nicht doch überbewertet? Keineswegs, sagt Albert Gereke, Akademischer Direktor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Hannover, „das in Bewegung und Sport enthaltene Potential an Energiegewinn und Stressausgleich, wird vor allem von den hoch beanspruchten Führungskräften viel zuwenig sowohl zur Leistungs- als auch zur Gesundheitssicherung genutzt“.

Energiekompetenz zu erwerben, so betont Verena Steiner, sei so etwas wie eine berufliche Lebensversicherung. Heute im Berufsleben standfest zu bleiben heiße doch, überlebens-, durchsetzungs- und auch noch innovationsfähig zu sein, ohne sich und andere dabei sukzessive zu verschleißen. Und der Basisbaustein dazu sei die Fähigkeit, sich im Energiebereich keine Schwachstellen zu leisten.

Quelle: F.A.Z., 05.11.2005, Nr. 258 / Seite 63
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