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Gesundheit Karriereberater entdecken Resilienz

10.01.2006 ·  In der Psychologie wird mit Resilienz die Stärke eines Menschen bezeichnet, innere Schutzfaktoren zu aktivieren, um Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen. Innere Robustheit schützt in Krisenzeiten.

Von Ursula Kals
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Beispiele für belastete Biographien kennt jeder: Da ist das Schlüsselkind der Alleinerziehenden, das nachmittagelang sich selbst überlassen in der winzigen Wohnung verbrachte und eine ungünstige Sozialprognose bekommt - seine Arbeitslosen-Drogen-Abrutsch-Antikarriere war gleichsam vorgezeichnet. Ist sie aber nicht.

Der kleine Kerl verfügt über eine brillante Stehaufmännchen-Mentalität. Aus dem angeblich so vernachlässigten Jungen ist ein erfolgreicher Verkaufsleiter geworden, der sein Leben meistert. Was sich über den Klassenkameraden, aufgewachsen im wohlbehüteten Beamtenhaushalt, nicht sagen läßt: Der Junge ist ausgeflippt, von Beruf Sohn und Dauerweltreisender ohne gescheite Ausbildung.

Warum die einen Leben gelingen, die anderen aber nicht, warum manche Menschen Marionetten des Schicksals werden und andere dagegen immunisiert sind, dafür hat das Führungskräftetraining ein altes Phänomen neu entdeckt: die Resilienz. Das Wort leitet sich ab vom englischen „resilience“ und bedeutet soviel wie Elastizität oder Unverwüstlichkeit. Der Begriff kommt aus der Physik und beschreibt die Eigenschaft eines Materials nach einer Belastung wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren.

Positive Grundeinstellung

In der Psychologie wird mit Resilienz die Stärke eines Menschen bezeichnet, innere Schutzfaktoren zu aktivieren, um Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen. Im Berufsleben geht es um Krisen wie Arbeitslosigkeit und Umstrukturierungen in einer sich rasant drehenden Wirtschaftswelt, in der Unternehmen zwischen Wachstum und Schrumpfung schwanken. Faktoren, die Resilienz begünstigen, sind das soziale und wirtschaftliche Umfeld einer Person, aber auch deren biologische Vitalität und die Einstellung zu Problemen. Und diese positive Grundeinstellung läßt sich trainieren, sagen Resilienz-Berater.

Das ist der Ansatz, den Lee Hecht Harrison verfolgt. Das weltweit agierende Beratungsunternehmen für Karrieremanagement hat sich mit einer Abteilung auf Veränderungssituationen in Unternehmen spezialisiert und bietet Resilienz-Seminare an. In den Vereinigten Staaten gibt es diese Angebote seit Jahren, hierzulande sind sie neu. Führungskräfte und Mitarbeiter sollen dort lernen, effektive Werkzeuge anzuwenden, um Widerstandsfähigkeit zu entwickeln.

„Uns geht es vor allem um praktische Strategien“, sagt Caterine Schwierz, Geschäftsführerin Deutschland im Frankfurter Büro. Sie ist überzeugt, „daß sich lernen läßt, sich nicht von Krisen überwältigen zu lassen“. Erfolgreiche Manager empfinden Stress nicht als Belastung, sondern nehmen ihn als sportliche Herausforderung - im vollen Vertrauen in die eigene Kraft halten sie Rückschläge besser aus und verbuchen sie unter Erfahrung. Und sie beherrschen eine kluge Strategie: Sie sind nicht gewillt, anderen viel Macht über das eigene Wohlbefinden einzuräumen.

Thema der Selbststärkung

„Diese Fähigkeiten sind auch noch im Erwachsenenalter lernbar“, erklärt Eric Wenzel, Arbeitspsychologe bei Lee Hecht Harrison. „Ein Kernaspekt ist die Weiterbildung, denn in Veränderungsprozessen von Unternehmen verhärten sich viele.“ Seine Kollegin Marianne Waltemate bekräftigt: „In den Workshops sind wir Impulsgeber und versuchen, Menschen das Thema der Selbststärkung bewußtzumachen und ihnen Handwerkszeug zu vermitteln, mit Veränderungen im Unternehmen umgehen zu können.“ Um diesen Bewußtmachungsprozeß anzustoßen - mehr scheint bei zwölf Teilnehmern und vier Stunden kaum möglich -, stellen die Trainer Fragen. „Das löst Reflexion aus. Leider machen wir das im Alltag sehr selten“, sagt Wenzel. Zum Beispiel Fragen nach der individuellen Belastbarkeit, nach der Einstellung zu persönlichen Lebenszielen.

„Und auch danach, wie jemand körperlich aufgestellt ist. Gesundheit ist ein Killerkriterium; wenn ich nicht gesund bin, dann ist alles andere schwierig. Was tue ich für meine Gesundheit? Was will ich künftig tun? Bin ich in der Lage, ein Streichholz aufzuheben oder einen Baumstamm?“ sagt Marianne Waltemate und wundert sich immer wieder über den „nebulösen Ansatz, den viele haben, wenn es darum geht, wo sie stehen. Das sind alles blinde Flecken. Sie sind dann kalt erwischt, wenn etwas schiefläuft.“

Zum Beispiel bei der Angst vor Geldproblemen, die gemindert werden kann, wenn ein stabiler Finanzrahmen für den Fall X durchgerechnet wird. Das mildere die Sorge vor Schulden und dem diffusen Gefühl, nicht mehr mithalten zu können. Wenzel unterstreicht den Wert der Standortbestimmung: „Wo habe ich früher gestanden bei Krisen? Kann ich das jetzt nutzen? So habe ich eher das Gefühl, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen.“

„Mut ist Handeln trotz Angst“

Glücklich ist, wer über ein stabiles Netzwerk verfügt. Daran erinnert die Betriebswirtin und Kommunikationstrainerin Waltemate, wenn sie die Teilnehmer auffordert, sich zu fragen: „Wer hat mir im Leben weitergeholfen? Wer ist mein Mentor?“ Außerdem läßt sich von Vorbildern profitieren. Eine Seminarübung lautet daher, drei oder vier Personen aufzuschreiben, die gut im Leben zurechtkommen: Was haben die für Charaktereigenschaften? Was kann ich von denen lernen?

Die ewigen Pessimisten, deren Glas grundsätzlich halb leer ist, lassen solche Gedankenspiele leicht an sich vorbeirauschen. Hier hilft Rückschau: Was habe ich gut geschafft? Was ist prima gelaufen, obwohl es schwierig war? Die Liste füllt sich leicht. Abitur bewältigt, den ersten Job errungen. Den Führerschein ergattert, „übrigens für viele ein Horror“, sagt Eric Wenzel: „Mut ist Handeln trotz Angst. Wer sich zurückerinnert, wie sich diese Erlebnisse angefühlt haben, der gelangt zu mehr Optimismus.“

Marianne Waltemate legt nach: „Damals hat man Dinge gemeistert, die holt man zurück. So wie das erste Treffen mit den Schwiegereltern.“ Fällt dieses Beispiel, geht ein mehr oder weniger gelöstes Lachen durch die Runde. Denn der Austausch in der Gruppe erzeugt Synergieeffekte: Der wunde Punkt schmerzt auch die anderen. Schon dieses Gefühl könne befreien. Dabei ist Diskretion selbstverständlich. „Es wird nie auf das wirklich Eingemachte eingegangen, aber man erlebt, die anderen kochen auch mit Wasser“, sagt Marianne Waltemate, die früher bei der Stadtsparkasse Düsseldorf auf die Aus- und Fortbildung spezialisiert war.

Pessimismus frißt Energien

Was für viele ein harter Schritt sei: selber handeln. „Weh tut es, wenn die Leute hören, es gibt Lösungen, aber ich muß was machen.“ So wie die Teilnehmerin, die über Zeitmangel klagt und darüber, nicht einmal eine Tasse Tee trinken zu können, die aber von Arbeitsmethodik wenig wissen wollte. Anders positioniert sich Margarete M., alleinerziehende Mutter einer 14 Jahre alten Tochter und Gruppenleiterin von zehn Kolleginnen im sogenannten „Backoffice Vertrieb“. Nach dem Seminar im September wurde ihr klar, daß sie zwar ihre Schwächen kennt, sich ihrer Talente aber nicht richtig bewußt ist.

Daß sie viel Zeit darauf verwendet, sich Sorgen über die Zukunft zu machen, aber keine Vorstellung davon hat, was ihr wichtig ist, und sie sich nicht regelmäßig über Veränderungen in ihrem beruflichen Umfeld informiert, sie kein Netzwerk pflegt und keinen Finanzplan für Krisenzeiten hat. Durch Testfragen wurde ihr klar, daß sie trotz schlechter Mathenoten ihre Wunsch-Ausbildungsstelle bekommen und trotz ihrer Schwangerschaft die Prüfung zur Industrie-Kauffrau mit Auszeichnung bestanden hatte. Das stand nur am Anfang der Stärken-Liste. So erkannte Margarete M., daß die meisten Dinge in ihrem Leben durch ihr aktives Zutun positiv verlaufen waren und ihre pessimistische Grundeinstellung unnötige Energien frißt - das will sie künftig ändern.

Humor ist eine bewährte Methode

Was aber nützt der aufgeschlossenste Mitarbeiter, wenn die Führungskräfte orientierungslos Unsicherheit verbreiten? „Unsere Beratung ist in einen Prozeß eingebunden, zu dem auch das Training von Führungskräften gehört. Denn Veränderungen haben so ein Tempo aufgenommen, daß Führungskräfte immer weniger sichere Botschaften senden können. Aber sie können ihre Ziele besser definieren und lernen, Menschen zu einer stärkeren Resilienz zu führen“, sagt Schwierz.

Eine bewährte Methode, die fast immer gute Hilfe zur Selbsthilfe bietet, ist übrigens Humor: Denn Lachen schafft Distanz zu den belastenden Dingen. „Wenn wir etwas zum Lachen finden, ist es kleiner als wir selbst, schwächer als wir selbst und bedeutungsloser als wir selbst. Und genau das ist die Basis, auf der Humor zu einer resilienten Eigenschaft wird. Er läßt uns die Dinge nicht nur mit Distanz, sondern auch noch aus einer überlegenen Perspektive betrachten“, schreibt die Münchener Wiesbadener Psychotherapeutin Katja Doubek in ihrem Buch „Was uns nicht umbringt, macht uns stark“.

Katja Doubek: Was uns nicht umbringt, macht uns stark. Wie man eine schwierige Vergangenheit überwindet. Rowohlt-Taschenbuch.

Zehn Wege zur Resilienz zeigt die amerikanische Psychologenvereinigung auf: www.apahelpcenter.org

Quelle: F.A.Z., 07.01.2006, Nr. 6 / Seite 51
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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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