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Gemeinsame Stellensuche Abteilung findet Autokonzern

 ·  Wie sich 100 Techniker auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber machten

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Vor wenigen Jahren waren sie zu Tode betrübt, wissen sich aber mittlerweile wieder integriert in die große deutsche Automannschaft. So geht es Tausenden früheren Mitarbeitern des traditionsreichen Autozulieferers Karmann in Osnabrück. Vor rund vier Jahren, als das Familienunternehmen Insolvenz anmelden musste, schien es für die noch rund 7000 verbliebenen Mitarbeiter von Karmann dort und in der Region keine Zukunft zu geben.

Die Hallen drohten zur Industrieruine zu werden; Mitarbeiter bangten um ihre berufliche Existenz. Managementfehler, eine zu üppige Bezahlung der Belegschaft, aber auch die Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise wurden als Gründe ausgemacht.

Keine Stelle für’s Leben

Dabei gab es bei Karmann auch viele gut ausgebildete Ingenieure, die händeringend gesucht werden. Für sie brach die intakte Berufswelt gleich in zweifacher Hinsicht zusammen: Das Gehalt kam nicht mehr, und ihr Wissen drohte plötzlich wertlos zu werden.

Christian Zurhorst etwa, einer von ihnen und damals erst 25 Jahre alt, hatte sich bei Beginn seiner Lehre vor zehn Jahren noch ganz sicher gewusst, er habe nun eine „Stelle fürs Leben“. Damals galt Karmann als so sicherer Arbeitgeber wie ein Finanzamt.

Als das Schiff sank, formierte sich in der Belegschaft eine Gruppe von rund 100 meist hochqualifizierten Mitarbeitern, die in ihrer Verzweiflung eine besondere Idee hatte: Mit Hilfe einer Stellenanzeige suchten sie gemeinsam als ganze Abteilung einen neuen Arbeitgeber. Denn das Fachwissen jedes Einzelnen war nur in der Gruppe wertvoll. Sie zeigten sich also bereit, künftig ihre Fertigungsanlagen für Karosserieteile irgendwo anders zu bauen - notfalls auch in Stuttgart, Ingolstadt oder Dresden.

Gute Referenzen

Denn sie hatten einige Referenzen aufzuweisen. Ihre Fertigungsanlagen hatten sie bis zur Krise für die großen Namen der Automobilbranche gebaut: für BMW, Daimler oder den nun mit Volkswagen verschmolzenen Luxuswagenhersteller Porsche. Mit diesem Pfund hofften sie wuchern zu können, schließlich war der Bedarf durch die Insolvenz nicht einfach verschwunden.

„Als Team mit über 100 Mitarbeitern bedienen wir die gesamte Prozesskette des automobilen Karosserieanlagenbaus, sind aber offen für neue Aufgabenstellungen“, stand in der Team-Anzeige. Die Mitarbeiter waren sogar bereit, eigenes Kapital in eine Neugründung einzubringen.

Motivationsschub durch Stellenanzeige

Die gemeinsame Stellenanzeige wirkte wie ein Motivationsschub: „Wir alle saßen auf einmal wieder mit erhobenem Kopf da. Vielleicht ist das eine verträumte Idee gewesen“, sagte die Mitarbeiterin Sabine Krause damals in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Weder BMW noch Daimler schickte ein Stellenangebot - aber die Annonce sorgte für Aufmerksamkeit. Auf die Annonce der „Fachgruppe Produktionssysteme“ in dieser Zeitung meldeten sich nur einige wenige, die sie trösten wollten, oder Journalisten, die die Idee originell fanden.

Ein seltsames und etwas dreist wirkendes Stellenangebot aus der Schweiz war auch dabei: „Wir nennen uns Effizienz-Moderatoren und arbeiten vor Ort moderierend nach dem Prinzip Return on Input von mindestens 10:1. (. . .) Bartträger lehnen wir ab. Sie müssen gesund und finanziell frei sein und die Moderationserfahrung nachweisen.“ Einen Bart hatte in der ganzen Gruppe tatsächlich niemand, aber in die Schweiz ging trotzdem keiner der Mitarbeiter.

Versöhnliches Ende für die Karmänner

Dennoch nahm die Geschichte für die meisten der 102 früheren „Karmänner“, wie sie sich in Osnabrück einst nannten, ein versöhnliches Ende. Wenig später bediente sich der Wolfsburger Autokonzern Volkswagen aus der Insolvenzmasse und stellte einen Großteil der Mitarbeiter wieder ein, allerdings meist für ein reduziertes Gehalt. Mittlerweile wehen große VW-Fahnen über den Werkshallen aus Backstein, und wo es noch vor vier Jahren für die Belegschaft unerträglich still war, fahren wieder Gabelstapler kreuz und quer. Die Roboterarme rotieren in den Hallen, zum Beispiel um den Porsche Boxter oder den Golf Cabriolet zu fertigen.

Von der Fachgruppe Produktionssysteme, sagt heute die frühere Betriebsrätin Petra Schubert, seien „die meisten, vielleicht gut 70 oder knapp 80 Prozent“ übernommen worden. Andere seien auf anderem Wege wieder im Unternehmen, etwa als Leiharbeitnehmer. Auch sie klingt wieder selbstbewusst und mit ihrer Arbeit zufrieden, ganz anders als in den Wochen nach der Insolvenz, als ungewiss blieb, was aus Karmann wird und die Mitarbeiter gemeinsam zum letzten Strohhalm griffen.

Vor vier Jahren glaubten sie nicht, dass es weitergeht. Dann kam der Volkswagen-Konzern.

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09.09.2013, 15:08 Uhr

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