http://www.faz.net/-gyl-7h8p8

Gemeinsame Stellensuche : Abteilung findet Autokonzern

Bild: Pilar, Daniel

Vor rund vier Jahren meldete das Familienunternehmen Karmann Insolvenz an. In der Not formierte sich eine Gruppe von rund 100 Mitarbeitern, die eine besondere Idee hatte: Mit Hilfe einer Stellenanzeige suchten sie gemeinsam als ganze Abteilung einen neuen Arbeitgeber.

          Vor wenigen Jahren waren sie zu Tode betrübt, wissen sich aber mittlerweile wieder integriert in die große deutsche Automannschaft. So geht es Tausenden früheren Mitarbeitern des traditionsreichen Autozulieferers Karmann in Osnabrück. Vor rund vier Jahren, als das Familienunternehmen Insolvenz anmelden musste, schien es für die noch rund 7000 verbliebenen Mitarbeiter von Karmann dort und in der Region keine Zukunft zu geben.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die Hallen drohten zur Industrieruine zu werden; Mitarbeiter bangten um ihre berufliche Existenz. Managementfehler, eine zu üppige Bezahlung der Belegschaft, aber auch die Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise wurden als Gründe ausgemacht.

          Keine Stelle für’s Leben

          Dabei gab es bei Karmann auch viele gut ausgebildete Ingenieure, die händeringend gesucht werden. Für sie brach die intakte Berufswelt gleich in zweifacher Hinsicht zusammen: Das Gehalt kam nicht mehr, und ihr Wissen drohte plötzlich wertlos zu werden.

          Christian Zurhorst etwa, einer von ihnen und damals erst 25 Jahre alt, hatte sich bei Beginn seiner Lehre vor zehn Jahren noch ganz sicher gewusst, er habe nun eine „Stelle fürs Leben“. Damals galt Karmann als so sicherer Arbeitgeber wie ein Finanzamt.

          Bild: dpa

          Als das Schiff sank, formierte sich in der Belegschaft eine Gruppe von rund 100 meist hochqualifizierten Mitarbeitern, die in ihrer Verzweiflung eine besondere Idee hatte: Mit Hilfe einer Stellenanzeige suchten sie gemeinsam als ganze Abteilung einen neuen Arbeitgeber. Denn das Fachwissen jedes Einzelnen war nur in der Gruppe wertvoll. Sie zeigten sich also bereit, künftig ihre Fertigungsanlagen für Karosserieteile irgendwo anders zu bauen - notfalls auch in Stuttgart, Ingolstadt oder Dresden.

          Gute Referenzen

          Denn sie hatten einige Referenzen aufzuweisen. Ihre Fertigungsanlagen hatten sie bis zur Krise für die großen Namen der Automobilbranche gebaut: für BMW, Daimler oder den nun mit Volkswagen verschmolzenen Luxuswagenhersteller Porsche. Mit diesem Pfund hofften sie wuchern zu können, schließlich war der Bedarf durch die Insolvenz nicht einfach verschwunden.

          „Als Team mit über 100 Mitarbeitern bedienen wir die gesamte Prozesskette des automobilen Karosserieanlagenbaus, sind aber offen für neue Aufgabenstellungen“, stand in der Team-Anzeige. Die Mitarbeiter waren sogar bereit, eigenes Kapital in eine Neugründung einzubringen.

          Motivationsschub durch Stellenanzeige

          Die gemeinsame Stellenanzeige wirkte wie ein Motivationsschub: „Wir alle saßen auf einmal wieder mit erhobenem Kopf da. Vielleicht ist das eine verträumte Idee gewesen“, sagte die Mitarbeiterin Sabine Krause damals in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Weder BMW noch Daimler schickte ein Stellenangebot - aber die Annonce sorgte für Aufmerksamkeit. Auf die Annonce der „Fachgruppe Produktionssysteme“ in dieser Zeitung meldeten sich nur einige wenige, die sie trösten wollten, oder Journalisten, die die Idee originell fanden.

          Bild: dpa

          Ein seltsames und etwas dreist wirkendes Stellenangebot aus der Schweiz war auch dabei: „Wir nennen uns Effizienz-Moderatoren und arbeiten vor Ort moderierend nach dem Prinzip Return on Input von mindestens 10:1. (. . .) Bartträger lehnen wir ab. Sie müssen gesund und finanziell frei sein und die Moderationserfahrung nachweisen.“ Einen Bart hatte in der ganzen Gruppe tatsächlich niemand, aber in die Schweiz ging trotzdem keiner der Mitarbeiter.

          Versöhnliches Ende für die Karmänner

          Dennoch nahm die Geschichte für die meisten der 102 früheren „Karmänner“, wie sie sich in Osnabrück einst nannten, ein versöhnliches Ende. Wenig später bediente sich der Wolfsburger Autokonzern Volkswagen aus der Insolvenzmasse und stellte einen Großteil der Mitarbeiter wieder ein, allerdings meist für ein reduziertes Gehalt. Mittlerweile wehen große VW-Fahnen über den Werkshallen aus Backstein, und wo es noch vor vier Jahren für die Belegschaft unerträglich still war, fahren wieder Gabelstapler kreuz und quer. Die Roboterarme rotieren in den Hallen, zum Beispiel um den Porsche Boxter oder den Golf Cabriolet zu fertigen.

          Von der Fachgruppe Produktionssysteme, sagt heute die frühere Betriebsrätin Petra Schubert, seien „die meisten, vielleicht gut 70 oder knapp 80 Prozent“ übernommen worden. Andere seien auf anderem Wege wieder im Unternehmen, etwa als Leiharbeitnehmer. Auch sie klingt wieder selbstbewusst und mit ihrer Arbeit zufrieden, ganz anders als in den Wochen nach der Insolvenz, als ungewiss blieb, was aus Karmann wird und die Mitarbeiter gemeinsam zum letzten Strohhalm griffen.

          Vor vier Jahren glaubten sie nicht, dass es weitergeht. Dann kam der Volkswagen-Konzern.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          GTI-Gefühl für graue Panther Video-Seite öffnen

          Fahrbericht : GTI-Gefühl für graue Panther

          Er soll Volkswagen in die Oberklasse katapultieren: der Arteon R-Line. Das Design erinnert an den Passat, aber mit den breiten Radhäusern macht er auf dicke Hose. Volkswagen startet in eine neue Zukunft und demonstriert Mut und Können.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          SPD und Regierungsbildung : Stabile Gedanken

          Die Union blockt Forderungen der SPD schon jetzt ab. Das wird nicht einfach für Schulz. Immerhin vereint ihn ein stabiler Gedanke – ausgerechnet mit der CSU. Ein Kommentar.
          Schon das Software-Update aufgespielt?

          Diesel-Affäre : Zeit für Mogel-Volkswagen läuft ab

          Wer einen manipulierten Volkswagen besitzt, muss seine Ansprüche schnell geltend machen. Etliche auf Massenverfahren spezialisierte Kanzleien mahnen deshalb zur Eile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.