06.09.2004 · In Zeiten leerer Kassen an den Universitäten müssen Geisteswissenschaftler interdisziplinär denken. Mit der "Storytelling"-Methode verbessern Literaturwissenschaftler die Strukturen von Unternehmen.
Von Sabine Kieslich"Es besteht nach wie vor eine Kluft zwischen Geisteswissenschaften und Wirtschaft, die sich nur schwer überbrücken läßt", sagt Stephan Reis vom Projekt Geist und Wirtschaft der Mainzer Universität. Diese ernüchternde Erfahrung machen Studierende meistens dann, wenn sie nach dem Universitätsabschluß bei Unternehmen anklopfen. "Denn das spezifische Fachwissen von Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftlern wird in der freien Wirtschaft nur wenig nachgefragt", meint Reis.
Türen zum Beruf sollen statt dessen Eigenschaften wie Querdenken, Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität und Teamfähigkeit, sogenannte Soft Skills, öffnen. Nun sollte man annehmen, daß es nicht zwingend eines kompletten Germanistik- oder Komparatistikstudiums bedarf, um diese Fähigkeiten zu erlangen. Wenn Literatur und Semiotik später einzig dafür taugen, eintönige Meetings und fade Power-Point-Präsentationen mit klugen Zitaten klassischer Autoren zu würzen, wird das den Geisteswissenschaftlern nicht gerecht.
Methoden aus Semiotik und Erzähltheorie
Daß diese Fächer mehr zu bieten haben als einen reichen Zitatenfundus oder Spielwiese für komplexes Denken und Sozialkompetenz, zeigen drei Unternehmensberater aus München. Hermann Sottong, Karolina Frenzel und Michael Müller, allesamt Literaturwissenschaftler, sind auf dem Gebiet der Semiotik, der Lehre von den Zeichen, zu Hause. "Storytelling" heißt die Methode, mit der sie Unternehmen auf die Sprünge helfen, wenn es mal hakt. Was sich anhört wie das neudeutsche Wort für Märchenstunde, ist die Analyse von unternehmensinternen Problemen mit Methoden aus der modernen Semiotik und Erzähltheorie. Michael Müller, einer der drei "Storyteller", erläutert das Prinzip: "Mitarbeiter aller Hierarchieebenen schildern uns im geschützten Raum der Anonymität ihre Arbeitsbiographien. Diese Erzählungen werden dann wie Texte analysiert."
Auf das, was in den Köpfen der Mitarbeiter vorgeht, kommt es an. Denn Unternehmensrealität wird in starkem Maße geformt durch Denkgewohnheiten, Mentalitäten, Regularitäten und Prägungen, die sich im Unternehmen herausgebildet haben. Wer hier etwas verändern will, muß vorher ernst nehmen, was bereits da ist, lautet die Erkenntnis der drei Wissenschaftler.
Rückschlüsse auf Unternehmensstruktur
Storytelling wird dann eingesetzt, wenn ein Unternehmen etwa ein neues Leitbild etablieren will, eine Fusion bewältigen muß oder die Kommunikation verbessern möchte. Ein Beispiel: In einem Unternehmen kündigte jedes Jahr der Vertriebsleiter oder mußte wegen mangelnder Akzeptanz gekündigt werden. Das stellte die Unternehmensleitung vor ein Rätsel, zumal es sich durchweg um kompetente Leute handelte. Erst die Storytelling-Analyse erhellte den Grund für den Vertriebsleiterschwund: In den Köpfen der Mitarbeiter war immer noch ein früherer Vertriebsleiter lebendig, der das Unternehmen stark geprägt hatte. An ihm wurden alle Nachfolger gemessen - und fielen durch. Nachdem das Geheimnis gelüftet worden war, konnten entsprechende Gegenmaßnahmen entwickelt werden. "Wir analysieren, coachen und beraten", nennt Müller die Leistungen seines Teams.
Die Idee für Storytelling sei Ende der neunziger Jahre bei einem Treffen entstanden. "Wir hatten das Gefühl, wenn Mitarbeiter erzählen, findet man am besten heraus, wie ein Unternehmen tickt", sagt Müller. Wie auch Romane Rückschlüsse auf eine ganze Epoche zuließen. "Wir haben uns gefragt, ob sich die Methode nicht auch auf Unternehmen anwenden läßt, und waren überrascht, wie gut das funktioniert."
Geisteswissenschaftler unter Legitimationsdruck
Dabei sei der erste Kunde, ein großer Technik-Konzern, "höchst skeptisch" gewesen. Als das Trio jedoch erste Analyse-Ergebnisse auf der Basis von lediglich vier Mitarbeitererzählungen vorlegte, sei die Leitung über deren Aussagekraft "hin und weg" gewesen. Mittlerweile sind die Münchner gut im Geschäft. Narrative Analysemethoden finden vor allem in Deutschland und Amerika immer mehr Anhänger. So sind Müller, Frenzel, Sottong nicht die einzigen, die mit Hilfe von Erzählungen Unternehmenskultur zerlegen. Das Berater-Trio hat bereits zwei Bücher veröffentlicht, in denen es Theorie, Methode und Erfahrungen beschreibt: "Das Unternehmen im Kopf" (2000) und erst kürzlich "Storytelling".
In Zeiten wachsender Konkurrenz und leerer Kassen an den Universitäten geraten geisteswissenschaftliche Fächer immer stärker unter Legitimationsdruck. Mehr Interdisziplinarität kann deshalb nicht schaden: "Geisteswissenschaftler gucken zuwenig über den eigenen Tellerrand", kritisiert Michael Müller seine Zunft. Statt dessen sei es wichtig, die Vernetzung zu suchen und geisteswissenschaftliche Methoden außer für Kunst, Literatur oder Philosophie auch für andere Bereiche nutzbar zu machen. Dabei dürfen Geisteswissenschaftler durchaus selbstbewußt sein. "Wir haben einen wirklichen Schatz zu bieten", sagt Müller, "er muß nur noch gehoben werden."