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Geisteswissenschaften Taxi fahren muss niemand

 ·  Bis Geisteswissenschaftler eine passende Stelle finden, vergehen oft ein paar Jahre. Schneller geht es, wenn sie sich schon während des Studiums Gedanken über die Zukunft machen.

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Zwei Jahre sind eine lange Zeit, besonders wenn man auf der Suche nach Arbeit ist und ständig abgewiesen wird. Doch so lange hat Tobias Andrä gebraucht, bis er eine feste Anstellung gefunden hat. Mittlerweile ist er glücklich in seinem Beruf. Er ist in Chemnitz in der Ausbildung von Erzieherinnen und Sozialassistenten Dozent für Ethik, Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie Gemeinschaftskunde. Bis dahin war es jedoch „eine ganz schöne Odyssee“, wie er sagt. Im September 2009 war er mit dem Studium fertig. Endlich hatte er seinen guten Magister der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Erwachsenenbildung und Philosophie in der Tasche und war bereit, in die Arbeitswelt einzusteigen. Doch ganz so einfach wurde es nicht.

Eine ähnliche Geschichte weiß auch Nicole Köhn zu erzählen. Sie hat ihren Abschluss als Übersetzerin für Französisch und Englisch im Sommer 2008 an der Universität Saarbrücken gemacht. Jetzt arbeitet sie für den Limousinenservice eines Autoverleihers in Rostock, mittlerweile schon im dritten Jahr. Doch auch sie musste ein Jahr warten und suchen, bis sie diese Stelle gefunden hat.

Nach dem Abschluss erst einmal arbeitslos

Für Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS) sind das keine neuen Geschichten. Wie Studien des HIS zeigen, geht es vielen Akademikern ähnlich, mehr als 70 Prozent der Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge von 2009 waren nach dem Abschluss erst einmal arbeitslos, und nach einem Jahr sind nur gut die Hälfte von ihnen in Lohn und Brot gewesen. Von den Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge waren es zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 80 Prozent und bei den Informatikern sogar gute 90. Das seien typische Startprobleme der Geisteswissenschaftler, sagt Kolja Briedis. Es dauere oftmals bis zu zwei Jahre, bis sie eine Stelle gefunden haben. Er weiß aber zu berichten, dass nach fünf Jahren bis zu 85 Prozent eines Jahrgangs eine Stelle gefunden haben oder selbständig sind.

Zwar sind viele Geisteswissenschaftler in ihren ersten Stellen nur befristet beschäftigt, doch zumindest das Stigma von der „Generation Praktikum“ stimmt nicht. Vom Abschlussjahrgang 2009 absolvierten in den ersten 12 Monaten nur bis zu 15 Prozent der Absolventen ein Praktikum. Zwar kann das für den Einzelnen bedeuten, dass er mehrere Praktika machen muss, bevor er engagiert wird, doch von einer flächendeckenden Systematik kann nicht geredet werden.

Späte Stellensuche

Tobias Andrä gehört zu den 15 Prozent. Nachdem er schon ein paar Monate arbeitslos war, fand er das Programm IdA (Integration durch Austausch), welches jungen Leuten die Chance bietet, ins Ausland zu gehen. Aufgrund seines Studiums fand er eine Stelle in Wien, in einem Unternehmen, das sich mit Bildung beschäftigte. Dort war es seine Aufgabe, Bildungskonzepte für junge Leute zu entwickeln. Er sei „direkt ins kalte Wasser“ geworfen worden, erzählt er. Im Nachhinein meint er, dass das Praktikum ihm genutzt habe. Das internationale Flair und die interkulturellen Kompetenzen, die er sich angeeignet habe, schätze er besonders.

Die Schuld daran, dass er nach dem Studium nicht direkt eine Anstellung gefunden hat, findet er teilweise bei sich selbst. Einerseits habe er eine Stelle sicher gehabt, bei einem Bundestagsabgeordneten. Dieser habe jedoch 2009 den Wiedereinzug ins Parlament nicht geschafft. Andererseits habe er sich während des Studiums zu wenig darum gekümmert, was nach dem Abschluss mit ihm werden könnte. Er habe die Berufsplanung immer auf die lange Bank geschoben, sagt er.

Auch das sei typisch für Geisteswissenschaftler, sagt Kolja Briedis. Die Untersuchungen des HIS haben gezeigt, dass, im Gegensatz zu den Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern, der Großteil der Geisteswissenschaftler erst nach dem Abschluss anfängt, nach einer Stelle zu suchen. Nach Briedis’ Meinung sollten Studierende jedoch schon wesentlich früher beginnen, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen. „Am Anfang des Studiums sollte man sich auf jeden Fall ausprobieren. Doch es ist notwendig, dass man sich irgendwann für einen Schwerpunkt oder ein Berufsfeld entscheidet, auf das man sich dann gezielt vorbereitet“, sagt er. Praktika und die Belegung von Veranstaltungen seien ein guter Weg, das zu tun. Problematisch werde es für den, der viele verschiedene Sachen ausprobiert habe, jedoch kein Ziel erkennen lasse.

Florian Krüpe, Studienberater am Fachbereich Geschichte der Universität Marburg, und Sarah Schwarz, Projektmitarbeiterin des dortigen Career Centers, sehen das genauso. Es nütze nichts, stimmen sie überein, viele Praktika anzuhäufen. Vielmehr solle man zielgerichtet vorgehen, wenn man weiß, was man will. Das herauszubekommen fällt den Studenten oft nicht leicht, und deshalb hat besonders das Career Center viele Projekte im Angebot, die Studenten dabei unterstützen, ihre Stärken und Schwächen selbst herauszufinden und so ihre späteren Berufswünsche zu präzisieren.

Ruth Girmes, Beraterin des Career Service der Universität Duisburg-Essen, sieht jedoch auch Schwierigkeiten, die heutzutage damit verbunden sind. Dadurch, dass ein Bachelor-Studium nur noch drei Jahre dauere, sei die Zeit sehr knapp, Erfahrungen zu machen, und der Druck sehr hoch, mit einem Praktikum sofort das Richtige für die Zukunft zu finden. „Der Spielraum ist nicht mehr so groß wie früher“, sagt Girmes.

Einzigartige Lebensläufe - mit Brüchen

Praktikumsbüros, Zeitfenster im Studium, die für Auslandsaufenthalte offengehalten werden, Career Services, die Einbindung der Alumni oder die virtuelle Beratung in einem Internet-Chat: All das sind Leistungen, die von den Hochschulen angeboten werden. An vielen Universitäten gibt es darüber hinaus Veranstaltungen oder Institutionen, die sich speziell an Geisteswissenschaftler wenden. In Duisburg-Essen wurde vor vier Jahren eine Veranstaltung des Career Service ins Leben gerufen, wo Studierende Kontakte knüpfen und sogar Stellenangebote bekommen können. Der Career Service an der Universität Bochum ist nach den Worten von Beraterin Astrid Knott sogar explizit mit dem Gedanken gegründet worden, Geisteswissenschaftler zu beraten. Dort gibt es ein Praxisprogramm Wirtschaft, in dem studienbegleitend ein IHK-Zertifikat erworben werden kann und das fachfremden Studierenden die Möglichkeit bietet, wertvolle betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikationen für den Arbeitsmarkt zu sammeln. In den Programmen Sprungbrett, Kickstart und Catapult wiederum werden Praktika vermittelt; sie sind auf die Studierenden der drei philosophischen Fakultäten der Humboldt-Universität in Berlin spezialisiert, erklärt Katrin Schütz, die Koordinatorin der drei Programme.

Auf die direkte Information durch Betroffene setzt der Fachbereich Geschichte der Universität Marburg. So gibt es im Bachelor Geschichte ein Modul „Arbeitsfelder“, in dem unter anderem Absolventenreportagen erstellt werden. Ziel sei es, sagt Florian Krüpe, den Studenten zu zeigen, in welchen Berufsfeldern Historiker überall arbeiten können - wobei er aber darauf hinweist, dass jeder Lebenslauf einzigartig sei, seine eigenen Brüche habe und nicht nachgelebt werden könne.

Einen einzigartigen Lebenslauf mit Brüchen haben auch Tobias Andrä und Nicole Köhn. Beide sind, nachdem sie einige Zeit suchen mussten, mittlerweile fest angestellt und zufrieden mit ihren Stellen. Beide sagen, dass sie im Rückblick kaum etwas anders machen würden. Denn schließlich hätten sie - wie die meisten Geisteswissenschaftler - ein Fach studiert, das sie interessierte und das ihnen Spaß gemacht habe.

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