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Veröffentlicht: 15.03.2012, 06:00 Uhr

Gehälter in der Wissenschaft Unbezahlbare Freiheit

Wissenschaftler verdienen weniger als Hochqualifizierte in der Wirtschaft. Vier Forscher berichten, warum sie dennoch nicht tauschen wollen.

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© Peter von Tresckow

Seit ein Marburger Chemieprofessor vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die W-Besoldung geklagt und Recht bekommen hat, wird das Thema wieder heiß diskutiert: Wissenschaftler verdienen weniger als hochqualifizierte Kräfte in der Wirtschaft.

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Die Antwort auf die Frage, was nach der Habilitation kommt, nimmt einem das Urteil aber nicht ab. Denn abseits vom Finanziellen machen andere Faktoren die Wissenschaft attraktiv.

Habilitation und Kinder

Katja Patzel-Mattern hat ihre beiden Kinder bekommen, während sie an ihrer Habilitationsschrift gearbeitet hat. Nach der Geburt des ersten Kindes nahm sie neun Monate Elternzeit, nach der Geburt des zweiten sechs. Dann stieg sie jeweils wieder in Vollzeit ein. „An manchen Tagen habe ich 75 Prozent gearbeitet, an anderen 150 Prozent“, erklärt die 41 Jahre alte Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Heidelberg.

Die Kinder betreuten dann ein Tagesvater und ihr Mann, der seine Arbeitszeit etwas reduzieren konnte. Patzel-Mattern hatte ein Stipendium. Sie lehrte immer wieder, besuchte Konferenzen und koordinierte Archivarbeit mit den Urlauben der Familie. Die meiste Zeit konnte sie aber zu Hause arbeiten und sich ihre Zeit einteilen. „Das war ein guter Zeitpunkt, um eine Familie zu gründen“ sagt sie - auch wenn es ihr oft schwergefallen sei, die private von der beruflichen Sphäre zu trennen.

18951665 © Privat Vergrößern Katja Patzel-Mattern ist Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Heidelberg.

Dass ihr Mann eine unbefristete Stelle hat, entlastet sie stark. „Im Notfall wäre ich über ihn versorgt.“ Sie selbst muss bis heute mit Zeitverträgen zurechtkommen. Auch ihre im Rahmen der Exzellenzinitiative geförderte W3-Professur ist befristet. Bald steht die Vertragsverlängerung an. Länger als bis 2014 läuft die Förderung jedoch nicht. Wie es dann weitergehen wird, weiß sie nicht. „Ich habe mich an prekäre Verhältnisse gewöhnt“, sagt sie. „Ich mache mir inzwischen erst Gedanken, wenn ich sie mir machen muss.“

Auf fünfzig bis sechzig Stunden in der Woche schätzt Patzel-Mattern ihre Arbeitszeit. „Mit vierzig Stunden würde ich das notwendige Pensum nicht schaffen.“ Professoren hätten heute eine „Produktionsverpflichtung“. Regelmäßig werde evaluiert, wie viel und wo sie veröffentlicht hätten. Daneben sei das Einwerben von Drittmitteln eine „zentrale“ Tätigkeit. Für die Forschung blieben oft „nur noch die Stunden nach den vierzig Stunden“.

Doch warum nimmt sie eine überdurchschnittliche Arbeitszeit bei nur durchschnittlichem Verdienst in Kauf? „Die meiste Zeit kann ich meine Freiheit unglaublich genießen“, sagt die Professorin. Es sei „ausgesprochen schön“, dass sie sich mit Themen befassen könne, die sie sich selbst aussuchen könne und die sie bewegten. „Außerdem genieße ich es, dass ich viel mit anderen Menschen zu tun habe.“ Auch die Lehre findet sie „faszinierend“.

Das Hobby zum Beruf gemacht

Einen bestimmten Zeitpunkt, zu dem er sich für die Wissenschaft entschieden hat, gab es nicht. „Es hat sich so ergeben“, sagt Matthias Groß. Im Soziologiestudium bescheinigte man ihm wissenschaftliches Gespür, ein Auslandsjahr in Kalifornien gab einen zusätzlichen Kick. Groß hat seine Entscheidung nicht bereut. Er sagt aber auch: „Es war mir klar, dass es ein Weg mit großen Unsicherheiten werden würde.“

Wie in der Wissenschaft üblich hangelte sich auch Groß von Zeitvertrag zu Zeitvertrag. Als vor neun Jahren das erste seiner drei Kinder geboren wurde, sei er schon „sehr besorgt“ gewesen, sagt er. Doch er habe Glück gehabt; seit 2009 habe er eine unbefristete Stelle. Darauf hat er freilich zäh hingearbeitet, vor allem hat er an internationalen Standards ausgerichtet publiziert. „Der Druck zu veröffentlichen ist schon sehr stark.“

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