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Gastbeitrag : Erst unterscheiden, dann vereinheitlichen

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Immer mehr ehemalige Ausbildungsberufe wandern an die Fachhochschulen. Bild: ZB

Fitness-Kaufmann und Bachelor in Physik: Die „Fachhochschulisierung“ des Bildungswesens schreitet voran. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Diamantschleifer und Stuckateure eine akademische Ausbildung bekommen. Ein Gastbeitrag des Soziologen Stefan Kühl.

          Das Versprechen der Bildungspolitiker des Bundes und der Länder, das diese bei der Umsetzung der Bologna-Reform gegeben haben, war mehr als gewagt. Die verpflichtend an allen deutschen Universitäten und Fachhochschulen eingeführten Bachelorstudiengänge sollten nicht nur auf einen aufbauenden Masterstudiengang vorbereiten, sondern als Abschluss selbst schon für einen Beruf qualifizierend sein. Ein Bachelorstudium in Geschichtswissenschaft, Physik oder Pädagogik sollte, so jedenfalls das Versprechen der Bildungspolitik, nicht nur die wissenschaftlichen Grundlagen vermitteln, sondern auch den Zugang zu einem Beruf ermöglichen.

          Auch wenn von vielen Fachverbänden früh Zweifel geäußert wurden, ob man nach einer akademischen Ausbildung von nur drei Jahren bereits von einem wissenschaftlich ausgebildeten Historiker, Physiker oder Pädagogen sprechen kann, suggerieren die meisten angebotenen Studiengänge, dass ihren Studierenden nach dem Abschluss ihres Bachelors der Weg ins Berufsleben offensteht. In den Informationsblättern der Universitäten und Fachhochschulen wird vollmundig erklärt, dass die Studierenden nach ihrem Abschluss als Physiker in Forschungsinstituten neue Produkte entwickeln, als Historiker geschichtswissenschaftliche Expertisen erstellen oder als Pädagogen in der Erwachsenenbildung arbeiten.

          Dabei kann auch von den Kritikern nicht bezweifelt werden, dass es in einer Reihe von Fachgebieten möglich ist, junge Menschen in drei Jahren für einen Beruf zu qualifizieren. Gerade das deutsche Ausbildungswesen mit seiner Kombination aus betrieblicher Ausbildung und Berufsschule hat gezeigt, dass in vergleichsweise kurzer Zeit junge Leute so zu Buchhändlern, Isolierfacharbeiten, Feinmechanikern oder Notarfachangestellten ausgebildet werden können, dass sie unmittelbar danach in Betrieben einsetzbar sind. Aber kann auch ein Studienabschluss nach einem dreijährigen Studium an einer Universität oder einer Fachhochschule für einen Beruf qualifizieren?

          Bachelor statt Kaufmannsausbildung

          Bei einigen Studienfächern, die auch in ihrer Diplomvariante schon immer einen engen Berufsbezug hatten, erscheint die Einführung eines berufsqualifizierenden Abschlusses nach drei Jahren plausibel. Die Betriebswirtschaftslehre, die ja noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an Höheren Handelsschulen unterrichtet wurde, bereitet in ihrer akademisierten Form mehr oder weniger umfangreich auf Tätigkeiten in der Wirtschaft vor.

          Die Bachelorstudierenden können dann natürlich auch nicht viel mehr als jemand, der drei Jahre lang eine Kaufmannsausbildung gemacht hat, aber ein Studium an einer Fachhochschule könnte - jedenfalls wenn man die nicht ganz einfachen Einführungen in die Mikroökonomie weglässt - auf Tätigkeiten im Einkauf, im Vertrieb oder in der Buchhaltung eines Unternehmens vorbereiten.

          Über welche Qualifikationen verfügt ein Mediziner nach drei Jahren?

          Aber schon bei der Ausbildung für etablierte Professionen wie Medizin, Jura oder Theologie, die vielfach seit der Entstehung der Universitäten im Mittelalter dort unterrichtet werden, wird es schwierig. Über welche Qualifikationen verfügen Mediziner, Juristen oder Theologen nach drei Jahren? Eine Medizinerin verfügt nach dem Einpauken der biologischen, chemischen und physikalischen Grundlagen noch nicht über die gleichen Fähigkeiten wie eine Rettungsassistentin und wüsste vermutlich bei der Konfrontation mit einem Schlaganfall noch gar nicht, was zu tun ist.

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