Das Versprechen der Bildungspolitiker des Bundes und der Länder, das diese bei der Umsetzung der Bologna-Reform gegeben haben, war mehr als gewagt. Die verpflichtend an allen deutschen Universitäten und Fachhochschulen eingeführten Bachelorstudiengänge sollten nicht nur auf einen aufbauenden Masterstudiengang vorbereiten, sondern als Abschluss selbst schon für einen Beruf qualifizierend sein. Ein Bachelorstudium in Geschichtswissenschaft, Physik oder Pädagogik sollte, so jedenfalls das Versprechen der Bildungspolitik, nicht nur die wissenschaftlichen Grundlagen vermitteln, sondern auch den Zugang zu einem Beruf ermöglichen.
Auch wenn von vielen Fachverbänden früh Zweifel geäußert wurden, ob man nach einer akademischen Ausbildung von nur drei Jahren bereits von einem wissenschaftlich ausgebildeten Historiker, Physiker oder Pädagogen sprechen kann, suggerieren die meisten angebotenen Studiengänge, dass ihren Studierenden nach dem Abschluss ihres Bachelors der Weg ins Berufsleben offensteht. In den Informationsblättern der Universitäten und Fachhochschulen wird vollmundig erklärt, dass die Studierenden nach ihrem Abschluss als Physiker in Forschungsinstituten neue Produkte entwickeln, als Historiker geschichtswissenschaftliche Expertisen erstellen oder als Pädagogen in der Erwachsenenbildung arbeiten.
Dabei kann auch von den Kritikern nicht bezweifelt werden, dass es in einer Reihe von Fachgebieten möglich ist, junge Menschen in drei Jahren für einen Beruf zu qualifizieren. Gerade das deutsche Ausbildungswesen mit seiner Kombination aus betrieblicher Ausbildung und Berufsschule hat gezeigt, dass in vergleichsweise kurzer Zeit junge Leute so zu Buchhändlern, Isolierfacharbeiten, Feinmechanikern oder Notarfachangestellten ausgebildet werden können, dass sie unmittelbar danach in Betrieben einsetzbar sind. Aber kann auch ein Studienabschluss nach einem dreijährigen Studium an einer Universität oder einer Fachhochschule für einen Beruf qualifizieren?
Bachelor statt Kaufmannsausbildung
Bei einigen Studienfächern, die auch in ihrer Diplomvariante schon immer einen engen Berufsbezug hatten, erscheint die Einführung eines berufsqualifizierenden Abschlusses nach drei Jahren plausibel. Die Betriebswirtschaftslehre, die ja noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an Höheren Handelsschulen unterrichtet wurde, bereitet in ihrer akademisierten Form mehr oder weniger umfangreich auf Tätigkeiten in der Wirtschaft vor.
Die Bachelorstudierenden können dann natürlich auch nicht viel mehr als jemand, der drei Jahre lang eine Kaufmannsausbildung gemacht hat, aber ein Studium an einer Fachhochschule könnte - jedenfalls wenn man die nicht ganz einfachen Einführungen in die Mikroökonomie weglässt - auf Tätigkeiten im Einkauf, im Vertrieb oder in der Buchhaltung eines Unternehmens vorbereiten.
Über welche Qualifikationen verfügt ein Mediziner nach drei Jahren?
Aber schon bei der Ausbildung für etablierte Professionen wie Medizin, Jura oder Theologie, die vielfach seit der Entstehung der Universitäten im Mittelalter dort unterrichtet werden, wird es schwierig. Über welche Qualifikationen verfügen Mediziner, Juristen oder Theologen nach drei Jahren? Eine Medizinerin verfügt nach dem Einpauken der biologischen, chemischen und physikalischen Grundlagen noch nicht über die gleichen Fähigkeiten wie eine Rettungsassistentin und wüsste vermutlich bei der Konfrontation mit einem Schlaganfall noch gar nicht, was zu tun ist.
Ein Jurist hätte nach einem Bachelorstudium wohl einen Überblick über die verschiedenen Rechtsfelder, kann aber vermutlich aufgrund fehlender Kenntnisse in Rechnungswesen und Vergütungsrecht nicht als Rechtsanwaltsfachangestellter eingesetzt werden. Und auch eine Theologin kann nach drei Jahren vermutlich ein Latinum, Graecum und Hebraicum vorweisen, ist aber noch lange nicht für eine Tätigkeit in einer Kirchengemeinde qualifiziert.
Besonders problematisch ist eine Berufsqualifizierung in den etablierten Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Wie viel wissenschaftlich fundierte Fachlichkeit - so der Zweifel - lässt sich in diesen komplexen Feldern in drei Jahren aufbauen? Den meisten Lehrenden der Physik, Chemie, Soziologie und Philosophie wird vermutlich mulmig, wenn sich ihre Studierenden bereits nach drei Jahren selbstbewusst als Physiker, Chemiker, Soziologen oder Philosophen bezeichnen.
Der Anspruch, innerhalb von drei Jahren ein wissenschaftlich anspruchsvolles, gleichzeitig persönlichkeitsbildendes und für einen Beruf qualifizierendes Hochschulstudium absolvieren zu können, entsprang letztlich dem Wunsch der Hochschulpolitik in Bachelorstudiengängen eierlegende Wollmilchsäue zu züchten. Nach dem Motto „All good things go together“ wurde versucht, alle irgendwie sinnvollen Ziele eines Hochschulstudiums in sehr knapper Zeit erreichbar zu machen. Herausgekommen ist letztlich die Zerstörung eines Bildungssystems, das lange Zeit weltweit als Vorbild gegolten hat.
Klassische Ausbildungsberufe drängen in die Fachhochschulen
Der Effekt der Berufsorientierung des Studiums ist letztlich eine Nivellierung des auf die Schulausbildung aufsetzenden Bildungssystems. Klassische Ausbildungsberufe wie Kranken- oder Altenpflege drängen in die Fachhochschulen, was dazu führt, dass die Grenzen zwischen betrieblicher Ausbildung mit parallelem Berufsschulbesuch und Fachhochschulen mit großem Praktikumsanteil immer mehr verschwinden. Und viele Universitäten haben mit der Verschulung ihrer Bachelorstudiengänge, der Einschränkung von Wahlmöglichkeiten und dem Verzicht auf Forschungsanteile maßgeblich dazu beigetragen, die Differenzen zwischen einem Studium an einer Universität und einer Fachhochschule einzuebnen.
Überspitzt kann man von einer von zwei Seiten kommenden „Fachhochschulisierung“ des deutschen Bildungssystems sprechen. Auf der einen Seite streben immer mehr klassische Ausbildungsberufe nach akademischen Weihen, und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Verfahrensmechaniker, Sport- und Fitnesskaufleute, Fachlageristen, Stuckateure und Diamantschleifer an Fachhochschulen ausgebildet werden. Auf der anderen Seite „entwissenschaftlichen“ viele Universitäten ihre Studienprogramme und mutieren durch den Bologna-Prozess in ihren Bachelorstudiengängen zu Fachhochschulen.
Dem Lehrpersonal fehlt es an Praxiserfahrungen
In der Regel ist dieses Studienprogramm der Universitäten dann jedoch schlechter als an den Fachhochschulen, weil das universitäre Lehrpersonal wegen fehlender eigener Praxiserfahrungen häufig weder in der Lage noch bereit ist, Studierende für einen spezifischen Beruf auszubilden. Es ist dabei eine große Ironie der deutschen Bildungspolitik, dass bei der Schulbildung trotz aller Reformen entgegen dem internationalen Trend letztlich an einer Dreigliederung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium festgehalten wird, danach aber die Bildungswege faktisch immer weiter nivelliert werden.
Die Jahrgangskohorten, die bereits nach der Grundschule gegen die Empfehlung der meisten Bildungsforscher auseinandergerissen werden, werden tendenziell durch die Annäherung des Niveaus der postschulischen Bildungswege wieder zusammengeführt. Am Ende, so die nicht allzu ferne Zukunft, treffen sich dann (fast) alle in einer nivellierten Hochschule wieder.
Das haben wir nun davon.....
gerd hodina (hodger)
- 27.12.2012, 12:44 Uhr
Ein Bachelor an einer Universität
Andreas Kirsch (A.Kirsch)
- 27.12.2012, 09:39 Uhr
