http://www.faz.net/-gyl-755s1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.12.2012, 08:00 Uhr

Gastbeitrag Erst unterscheiden, dann vereinheitlichen

Fitness-Kaufmann und Bachelor in Physik: Die „Fachhochschulisierung“ des Bildungswesens schreitet voran. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Diamantschleifer und Stuckateure eine akademische Ausbildung bekommen. Ein Gastbeitrag des Soziologen Stefan Kühl.

© ZB Immer mehr ehemalige Ausbildungsberufe wandern an die Fachhochschulen.

Das Versprechen der Bildungspolitiker des Bundes und der Länder, das diese bei der Umsetzung der Bologna-Reform gegeben haben, war mehr als gewagt. Die verpflichtend an allen deutschen Universitäten und Fachhochschulen eingeführten Bachelorstudiengänge sollten nicht nur auf einen aufbauenden Masterstudiengang vorbereiten, sondern als Abschluss selbst schon für einen Beruf qualifizierend sein. Ein Bachelorstudium in Geschichtswissenschaft, Physik oder Pädagogik sollte, so jedenfalls das Versprechen der Bildungspolitik, nicht nur die wissenschaftlichen Grundlagen vermitteln, sondern auch den Zugang zu einem Beruf ermöglichen.

Auch wenn von vielen Fachverbänden früh Zweifel geäußert wurden, ob man nach einer akademischen Ausbildung von nur drei Jahren bereits von einem wissenschaftlich ausgebildeten Historiker, Physiker oder Pädagogen sprechen kann, suggerieren die meisten angebotenen Studiengänge, dass ihren Studierenden nach dem Abschluss ihres Bachelors der Weg ins Berufsleben offensteht. In den Informationsblättern der Universitäten und Fachhochschulen wird vollmundig erklärt, dass die Studierenden nach ihrem Abschluss als Physiker in Forschungsinstituten neue Produkte entwickeln, als Historiker geschichtswissenschaftliche Expertisen erstellen oder als Pädagogen in der Erwachsenenbildung arbeiten.

Dabei kann auch von den Kritikern nicht bezweifelt werden, dass es in einer Reihe von Fachgebieten möglich ist, junge Menschen in drei Jahren für einen Beruf zu qualifizieren. Gerade das deutsche Ausbildungswesen mit seiner Kombination aus betrieblicher Ausbildung und Berufsschule hat gezeigt, dass in vergleichsweise kurzer Zeit junge Leute so zu Buchhändlern, Isolierfacharbeiten, Feinmechanikern oder Notarfachangestellten ausgebildet werden können, dass sie unmittelbar danach in Betrieben einsetzbar sind. Aber kann auch ein Studienabschluss nach einem dreijährigen Studium an einer Universität oder einer Fachhochschule für einen Beruf qualifizieren?

Bachelor statt Kaufmannsausbildung

Bei einigen Studienfächern, die auch in ihrer Diplomvariante schon immer einen engen Berufsbezug hatten, erscheint die Einführung eines berufsqualifizierenden Abschlusses nach drei Jahren plausibel. Die Betriebswirtschaftslehre, die ja noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an Höheren Handelsschulen unterrichtet wurde, bereitet in ihrer akademisierten Form mehr oder weniger umfangreich auf Tätigkeiten in der Wirtschaft vor.

Die Bachelorstudierenden können dann natürlich auch nicht viel mehr als jemand, der drei Jahre lang eine Kaufmannsausbildung gemacht hat, aber ein Studium an einer Fachhochschule könnte - jedenfalls wenn man die nicht ganz einfachen Einführungen in die Mikroökonomie weglässt - auf Tätigkeiten im Einkauf, im Vertrieb oder in der Buchhaltung eines Unternehmens vorbereiten.

Über welche Qualifikationen verfügt ein Mediziner nach drei Jahren?

Aber schon bei der Ausbildung für etablierte Professionen wie Medizin, Jura oder Theologie, die vielfach seit der Entstehung der Universitäten im Mittelalter dort unterrichtet werden, wird es schwierig. Über welche Qualifikationen verfügen Mediziner, Juristen oder Theologen nach drei Jahren? Eine Medizinerin verfügt nach dem Einpauken der biologischen, chemischen und physikalischen Grundlagen noch nicht über die gleichen Fähigkeiten wie eine Rettungsassistentin und wüsste vermutlich bei der Konfrontation mit einem Schlaganfall noch gar nicht, was zu tun ist.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gastbeitrag Der Akademisierungswahn und seine Folgen

Immer mehr junge Menschen scheitern in ihrem Studium - oder sie quälen sich durch die falschen Fächer. Gleichzeitig herrscht anderswo Mangel, und die Ausbildung wird geringgeschätzt. Das ist unverantwortlich. Mehr Von Johannes Varwick

22.08.2016, 05:47 Uhr | Beruf-Chance
Kabul in Afghanistan Tote nach Angriff auf Amerikanische Universität

Bei einem Angriff auf die Amerikanische Universität in Kabul sind mehrere Menschen ums Leben gekommen. Zu dem Angriff bekannte sich zunächst niemand. Mehr

25.08.2016, 15:40 Uhr | Politik
Perspektiven Hochqualifizierter Deutschlands beste Ausländer

In der Wirtschaft würde man uns als High-Performer bezeichnen. Und doch sind Abneigung und Ausgrenzung für uns alltäglich. Warum wir gehen. Trotz guter Ausbildung und guter Jobchancen. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Florian Martens

15.08.2016, 11:14 Uhr | Feuilleton
Nach Massaker an Soldaten 36 Extremisten im Irak hingerichtet

Im Irak sind nach offiziellen Angaben 36 Extremisten hingerichtet worden. Sie sollen im Jahr 2014 ein Massaker an irakischen Soldaten verübt haben. Die Männer seien im Gefängnis von Nasirija im Süden Iraks gehängt worden, berichtete das staatliche Fernsehen am Sonntag unter Berufung auf das Justizministerium. Mehr

22.08.2016, 08:06 Uhr | Politik
Partner fehlen Schule für Altenpflege schließt

Die Bundesregierung plant eine generalisierte Ausbildung für Pflegeberufe. Doch weil die Altenpflegeschule Bilhildis aus Mainz keinen Partner finden konnte, muss sie schließen. Mehr Von Oliver Koch, Mainz

16.08.2016, 15:49 Uhr | Rhein-Main

Gründer mit Hockern Auf Holz gebaut

Eigentlich haben sich Robert Häusl und Jürgen Klanert mit Zahlungssystemen beschäftigt. Doch mit dem „Josef“ startet das Duo nun in der Möbelbranche durch. Mehr Von Rüdiger Köhn 12