15.04.2006 · Schiedsrichter Markus Merk ist einer der Besten seiner Zunft. Doch nicht nur im internationalen Fußballgeschäft ist der promovierte Zahnmediziner stark gefragt. Manager und Führungskräfte können viel von Merk lernen.
Von Sebastian Flohr„Nach meiner Entscheidung konnte ich nur noch unter Polizeischutz das Stadion verlassen.“ Ungern erinnert sich Markus Merk an seine ersten Auftritte als Schiedsrichter in der Ersten Fußball-Bundesliga. Es war das Spitzenspiel der Saison: 9. September 1989, Eintracht Frankfurt gegen Bayern München, der Erste gegen den Zweiten der Tabelle. Ein emotional aufgeladenes Spiel unter den prüfenden Blicken von 55.000 Zuschauern im Frankfurter Waldstadion.
Drei umstrittene Gelbe Karten für Spieler der Eintracht. Auf den Rängen aufgebrachte Fans, die an den Zäunen der Tribüne rütteln, Pfeifkonzerte und dann, kurz vor Spielende, der Führungstreffer für die Gäste aus München. Die Stimmung explodiert. Der junge, erst 26 Jahre alte Schiedsrichter beendet die Partie und muß mit Polizeischutz aus dem Stadion flüchten. „Meine Entscheidungen auf dem Rasen waren alle korrekt, wie die Fernsehanalyse später gezeigt hat. Man muß korrekte Entscheidungen aber auch richtig ,verkaufen' können, und diese Fähigkeit hat mir damals wohl noch gefehlt.“
„Nicht als Richter, sondern als Spielleiter“
Aber das ist lange her. Heute gilt Markus Merk als Experte für gute Entscheidungen, was nicht zuletzt seine vielen Auszeichnungen belegen: Weltschiedsrichter des Jahres 2004 sowie 2005; das Bundesverdienstkreuz; der Uefa Fair Play-Award 2003 und eine gemeinsame Ehrung mit Franziska van Almsick als „Sportler mit Herz 2005“.
Nicht nur im internationalen Fußballgeschäft ist der promovierte Zahnmediziner aus Kaiserslautern stark gefragt. In Stuttgart-Degerloch warten in den Veranstaltungsräumen des Straßenbahnamtes 40 Manager, Personalverantwortliche sowie Führungskräfte der verschiedensten Branchen, die der Seminareinladung der C2-Organisationsberatung gefolgt sind. Sie alle hoffen auf Ratschläge des Schiedsrichters, wie man im Unternehmensalltag besser mit Entscheidungen umgeht. „In meinem Job auf dem Fußballplatz verstehe ich mich nicht als Richter, sondern vielmehr als Spielleiter. Manager werden ja auch nicht als Unternehmensrichter bezeichnet, sondern als Firmenleiter.“
„Meine Stakeholder sind Spieler und Trainer“
Seine Situation vergleicht Merk gerne mit dem Management in einem Unternehmen. „Mein aktuelles Projekt ist das jeweilige Fußballspiel. Meine Stakeholder sind die Spieler, der Trainer und das Publikum.“ Auch die Teilnehmer des Seminars müssen täglich Entscheidungen treffen, ob sie Mitarbeiter entlassen, neue Projekte aufnehmen, Investitionen tätigen oder einfach nur mal früher Feierabend machen. Vielen von ihnen fällt es schwer, die richtige Entscheidung im richtigen Moment zu treffen. Daniel Guyer aus Zürich ist einer von ihnen. Guyer trägt Personalverantwortung bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und mußte vor kurzem eine Mitarbeiterin entlassen.
„Das war ein schwerer Schritt für mich. Plötzlich ist man nicht mehr ein einfacher Kollege, sondern muß das Unternehmen vertreten“, sagt er mit schweizerischem Akzent. Lange hat sich Guyer mit der Kündigung beschäftigt. Hier sieht Merk Risiken. Für ihn zeichnet sich eine gute Entscheidung durch drei Punkte aus: „Sie muß schnell, sicher und richtig sein. Das heißt, sie muß schnell kommen, sicher kommuniziert sein, und die Spielräume im Regelwerk, insbesondere wenn es sich um Entscheidungen in der Grauzone handelt, müssen immer dem individuellen Spiel angepaßt werden.“ Doch was bedeutet das nun für den Schweizer Daniel Guyer und die anderen 39 Manager in ihrem Berufsalltag?
„Das macht Sie souverän“
Im Tagungsraum ist das Rauschen der Straßenbahn zu hören. Schiedsrichter Merk versucht seine Thesen an einem praktischen Beispiel zu belegen. Er startet den Filmprojektor. Über die Videoleinwand flimmert ein Ausschnitt eines Spiels der Champions League. Ein Spieler köpft, der Gegner greift ein, der Ball landet plötzlich im Aus. Ein Spieler versperrt Schiedsrichter Merk den Blick. In diesem Moment bleiben dem Mann mit der Pfeife nur wenige Sekunden, über Foul, Elfmeter, Abseits, Gelbe oder Rote Karte zu entscheiden. „Hier ist Teamarbeit gefragt. Wenn ich nur kurz zögere, vermittle ich Zuschauern und Spielern den Eindruck, unsicher zu sein, und die Emotionen im Stadion kochen hoch. Ein solches Zögern untergräbt Ihre Autorität. Spannungsfelder lassen sich am besten durch schnelle Entscheidungen lösen“, erklärt Merk.
Der Spielausschnitt auf der Leinwand ist zu Ende. In dieser Situation hat ihn sein Assistent an der Linie unterstützt. Durch einen kleinen Knopf in der Fahne wird ein Funksignal abgesendet. Der Schiedsrichter auf dem Spielfeld wird durch ein vibrierendes Armband informiert und kann sofort pfeifen. Das gleiche Prinzip läßt sich auch auf das Management in einem Unternehmen übertragen. „Tauschen Sie unauffällig Informationen aus, lassen Sie sich von Kollegen beziehungsweise Ihrem Team beraten. Im Anschluß präsentieren Sie Ihre Entscheidung sicher und in aller Konsequenz, gegenüber Ihrem Kunden oder Vorgesetzten. Das macht Sie souverän“, rät der sportliche Pfälzer.
„Hören Sie auch immer auf Ihr Bauchgefühl“
Unmut macht sich im Plenum breit. „Ist es denn falsch, wenn ich bei wichtigen Geschäftsabschlüssen und Personalentscheidungen noch einmal eine Nacht darüber schlafe?“ fragt einer der Teilnehmer. Für Markus Merk heißt schnell nicht übereilt. „Beobachten Sie immer Ihr Umfeld. Nur so haben Sie zum Zeitpunkt Ihrer Entscheidung alle nötigen Informationen“, sagt der Schiedsrichter. „Ich habe immer alle Spieler einer Partie im Auge. Das hilft mir, kritische Situationen richtig einschätzen zu können.“
Für eine sichere Entscheidungskommunikation bringt der 44 Jahre alte Merk genügend Erfahrungsschatz mit. Mit zwölf Jahren hat er sein erstes Fußballspiel gepfiffen, inzwischen hat er mehr als 280 Bundesligabegegnungen, zahlreiche Länderspiele, Europa- und Weltmeisterschaften bestritten. In seinem Kopf ist eine Fülle von Spielsituationen abgespeichert. Auch das Vertrauen in die eigene Intuition ist für einen guten Entscheider wichtig. „Hören Sie auch immer auf Ihr Bauchgefühl, und entscheiden Sie nie gegen Ihren eigenen Willen“, gibt Merk zu bedenken. Dies sei dabei hinderlich, Entscheidungen schließlich sicher vertreten zu können.
Vertrauensvolle Atmosphäre unersetzbar
Eine gute Entscheidung ist auch immer eine nachvollziehbare. Mut, Begeisterung und Identifikation spielen hierbei eine wichtige Rolle. „Erklären Sie Ihren Standpunkt, und schaffen Sie sich eine vertrauensvolle Atmosphäre durch Kommunikation“, rät Merk. „Nach dem Spiel bleibt manchmal noch Zeit für einen kurzen Small talk mit den Spielern. Das schafft oft ein positives Klima. Das gleiche gilt auch für unternehmerisches Handeln. Geben Sie bei einem Vertragsabschluß Ihrem Kunden ein gutes Gefühl. Wenn Sie nach seiner Unterschrift sofort zusammenpacken, wird er sich anschließend Gedanken machen, daß er vielleicht einen Fehler gemacht hat.“ Für Markus Merk ist eine vertrauensvolle Atmosphäre unersetzbar und Basis jeder guten Zusammenarbeit.
Der Mann in Schwarz pfeift Elfmeter. Der Strafstoß landet anschließend im Tor. Eine Routinesituation für jeden Schiedsrichter. Trotzdem kommt es hin und wieder auch zu Fehlentscheidungen. „Am Spielfeldrand steht immer jemand, den ich kenne. Noch während des Spiels bekomme ich mitgeteilt, ob meine Entscheidung richtig oder falsch war“, schildert Merk den Seminarteilnehmern. „Ich darf mich auf keinen Fall davon irritieren lassen, daß jeder beim Thema Fußball ein kleiner Experte ist, der alles besser weiß.“ Vor Fehlentscheidungen ist auch Merk nicht sicher. Doch auf keinen Fall sollte man versuchen, eine Fehlentscheidung durch eine zweite auszugleichen. „Dann werden Sie unberechenbar, und das ist auf dem Fußballplatz genauso schlecht wie im Geschäftsleben.“ Ein angemessenes Selbstmanagement durch Selbstbeobachtung, Selbstkritik und Selbstzweifel gehören für ihn zweifellos zu einem guten Entscheider.
„Körperliche Fitness ist in jedem Job wichtig“
Die Veranstaltung neigt sich dem Ende zu. Die Aufmerksamkeit läßt bei einigen Teilnehmern langsam nach. Manche sind in Gedanken schon bei Kaffee und Kuchen. Für den Hobby-Marathonläufer Merk, dessen persönliche Bestzeit bei zwei Stunden und 42 Minuten liegt, ist frühzeitiges Abschalten undenkbar. „Körperliche Fitness ist in jedem Job wichtig. Bei mir sind die letzten Minuten eines Spieles die entscheidenden. Ich muß fit bis zum Schluß bleiben und darf nie kaputt vom Rasen gehen.“ Im Saal wird heftig geklatscht. Die Begeisterung beim Thema Fußball macht nun mal auch vor Chefetagen nicht Halt.
Doch der Fußball ist nicht die einzige Welt von Markus Merk. Seit Jahren entscheidet er sich dafür, notleidenden Kindern zu helfen. Drei Waisenhäuser und drei Schulen hat er in Indien - mit finanzieller Unterstützung - aufgebaut. „Berechenbarkeit und eine eigene Handschrift sind auch in dieser völlig anderen Welt wichtig, um richtige Entscheidungen zu treffen.“ Seitdem sieht der Schiedsrichter vieles mit anderen Augen. Wenn es immer heißt ,Spiel der Entscheidung' oder ,Jetzt geht es um alles', kann ich das heute einfach besser einordnen und gelassener bleiben.“