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Führungskräfte „Jetzt wißt ihr, daß ihr swingen könnt. Vergeßt es nicht!“

30.05.2005 ·  Das Geschäft ist „psychologische Improvisation“: Der ehemalige Manager Michael Gold erklärt, wie Jazzmusik Unternehmen hilft. Die fünf Dynamiken des Jazz - für Führungskräfte.

Von Stefan Küpper
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Es ist ein seltener Anblick: Da ist eine Bühne in einem großen Saal, und davor sitzen ungefähr zweihundert Manager. Die Damen und Herren sind sonst dafür zuständig, sich und ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu motivieren: alles für die Firma, alles für die „Performance“.

Jetzt steht vor ihnen, hart an der Bühnenkante, Michael Gold. Er fordert von ihnen eine Kleinigkeit, verglichen mit dem, was sie sonst zu leisten haben: Sie sollen einfach singen. Und zwar folgendes: „Griiiiind that coffee - mahle diesen Kaffee“ soll das linke Viertel der Manager im Auditorium intonieren. Das zweite Viertel möchte bitte schön „Coooooffee, cooooffee, need a cup of coffee“ schmettern. Das dritte Viertel bekommt auch seinen Singsatz, bevor das letzte Viertel zum „Coffee - yeah, yeah“ ermutigt wird. Gold hat es schwer. Die Führungskräfte im Konferenzzentrum von Barcelona wollen nicht swingen. Noch nicht. Arme werden vor der Brust verschränkt, Gesichter schüchtern, fast abweisend. Der Amerikaner kennt das. Es ist der schwierigste Teil seiner „Jazz-Impact“- Vorstellung.

„Jazz-Impact“ bedeutet, die Verbindungen von „Jazz“ und Unternehmensführung aufzuzeigen. „Jazz-Improvisation und Firmengeschäftsmodelle haben mehr gemeinsam, als sie denken“, sagt der Musiker aus Minneapolis. Dieselben Fähigkeiten, die Improvisation beim Jazz funktionieren ließen, könnten auch Unternehmen zum Erfolg führen. Innovative Antworten auf Veränderungen verlange die Wirtschaft im 21. Jahrhundert. „Das Geschäft ist psychologische Improvisation“, sagt Gold.

Die fünf „Dynamiken des Jazz“

Der Amerikaner ist vom Fach, als Manager und als Musiker. Er, der von der Bühne aus die Manager auf dem Kundentreffen der Personalberatung Hay Group animiert, trägt beigefarbene Bundfaltenhosen zu blauem Sakko und hellblauem offenen Hemd. Er wirkt lässig, aber seriös. Eigentlich eine gute Mischung, um sein Macherpublikum anzusprechen. Gold war früher Führungskraft im Finanzgeschäft und macht seit dreißig Jahren als Bassist Jazz. Er ist Vater zweier Kinder, hat einen Doktor in Philosophie und ein Faible für Heidegger. Er sieht sich selbst als „Musiker, Denker und Lehrer“. Er sagt: „Ich nutze, was ich über das Geschäft und den Jazz weiß, um den Leuten zu helfen.“ Und was wirkt da besser? Bebop oder Swing? „Swing, das ist Lester Young. Bebop, das ist Charlie Parker. Ich liebe sie beide, und ich habe sie beide in meiner Vorstellung auf der Bühne“, meint er so gar nicht dissonant.

Dort oben erklärt er zum Beispiel die Verbindung von Schlagzeug und Baß im übertragenden Sinne. Tim Pleasant aus Los Angeles sitzt an den Drums, und er ist der „Manager of Time“. Er macht den Rhythmus, er bestimmt den Prozeß im Unternehmen Jazz. Gold selbst groovt am Baß. Er gibt den Operation-Manager. Die Baß-Linie, die er spielt, stellt die Verbindung her zwischen dem Schlagzeugrhythmus und dem Klang der Musik. Der wird vervollständigt durch die Sängerin Lucia Nevell. Außerdem gehören zum Ensemble ein Saxophonist, ein Posaunist und der Pianospieler.

Die Jazzer wechseln sich mit ihren Soli ab. „Im Jazz wechseln wir die Rollen. Mal übernehmen wir die Führung, mal unterstützen wir.“ Gerade wird Duke Ellington interpretiert. Gold präsentiert danach fünf Verhaltensweisen, die die Mitglieder eines Jazz-Ensembles haben, die fünf „Dynamiken des Jazz“: zunächst die Autonomie. Gemeint ist, unabhängig zu sein und trotzdem anpassungsfähig zu bleiben, interdependent mit dem größeren Ganzen.

Gold: „Ich muß mit dem arbeiten, was ich vorfinde“

Die zweite „Dynamik“ ist Leidenschaft. Gold redet von der "Qualität emotionaler Schwingung, von Begeisterung und Hingabe". Dann drittens das Risiko: die Fähigkeit, Chancen zu nutzen, unbekanntes Territorium zu erschließen, andere dabei zu unterstützen. Schließlich meint er Innovation, als Fähigkeit, neue Lösungen für Probleme zu finden und dabei andere Wege zu gehen. Und zum Schluß brauchen Jazzmusiker die Fähigkeit, zuzuhören. Sie müssen fühlen, was die anderen Mitglieder des Ensembles über den Rhythmus, die Leidenschaft, die Bedeutung ihrer Musik kommunizieren. In einer unternehmerischen Umwelt, wo sich ständig alles ändere, könne die Übertragung dieser Improvisationstechniken einen direkten Effekt aufs Geschäft haben, sagt Gold.

Den üben er und sein Ensemble auch langsam auf das Publikum aus. Wer von den aus der ganzen Welt angereisten Kunden des Beratungsunternehmens nicht ein frühes Flugzeug ins Wochenende erwischen muß, macht sich zunehmend locker. Knie fangen an zu wippen, Schnippen ist zu vernehmen. Auf der Riesenleinwand hinter der Bühne liest das Publikum die wichtigsten Sätze von Gold nach. Zu den Liedern erscheinen auch immer wieder Bilder von „Louis Armstrong & The Hot Five“, Bill Evans am Klavier, Miles Davis an seiner Trompete. Bill McHenry beendet sein Klarinettensolo. Die Musiker bekommen zunehmend Spontanbeifall.

Zu Recht, denn Gold und seine Combo leben auf der Bühne, was sie ihrem Publikum predigen. Die Technik im Saal fordert das Improvisationstalent der Truppe. Aber Gold ist da flexibel: „Jeder Auftritt ist unterschiedlich, und ich muß mit dem arbeiten, was ich vorfinde.“

Breiter Erfolg stellt sich ein

„Jazz-Impact“ wurde vor neun Jahren als Idee geboren. Gold arbeitete noch als Manager bei einem Finanzdienstleister in Minneapolis. Ein Kollege fragte ihn, ob er als Jazzmusiker nicht einen Workshop leiten wolle. Er sagte zu und hatte Erfolg. „Ein Jahr später erinnerte sich niemand mehr, wer sonst auf der Konferenz war. Aber den Jazzmusiker hatten die Leute nicht vergessen“, erzählt Gold. Er entwickelte daraus „Jazz-Impact“, sein neunzig Minuten dauerndes Seminar zur Unternehmensführung mit der Botschaft: Vom Vorstandsvorsitzenden runter bis zum Angestellten muß jeder lernen zu improvisieren, wie es Jazzer tun. Es geht um das kontinuierliche Schaffen neuer Ideen und um Flexibilität. Dabei muß jeder aber seine Grenzen kennen. Gekonnt improvisieren kann nur, wer im Harmoniegefüge bleibt. Dann springt der Funken irgendwann über, stellt sich Erfolg ein.

Wie im Konferenzzentrum in Barcelona. Langsam erheben sich Teile des linken Viertels im Auditorium. Gold singt wieder sein „Griiind that coffee“ und bekommt ein erstes, schwaches Echo. Ganz Führungskraft auf der Bühne, erhöht er den Druck: „Die Band setzt erst wieder ein, wenn ihr singt!“ ruft er und schickt dabei seine Musiker in die Ränge. Mit deren Unterstützung wird es dann besser. Die Sängerin Nevell heizt den rechten Flügel an, wirbelt ihre Lockenmähne die Treppe ins Auditorium hoch. Einige Unbeugsame bleiben immer noch sitzen. Aber dann ertönt auch von rechts tatsächlich ein vernehmbares „Cooofffee, coffeee“.

Nach zwei weiteren Durchgängen haben sich die letzten erhoben. Breiter Erfolg stellt sich ein. Der Saal singt, und wie zur Belohnung setzen die Instrumente wieder ein. Das Gesicht von Gold spiegelt Zufriedenheit wider. Und halb süffisant, halb mahnend ruft er zum Abschied: „Jetzt wißt ihr, daß ihr swingen könnt. Vergeßt es nicht!“

Quelle: F.A.Z., 28.05.2005, Nr. 121 / Seite 53
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