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Führung heute : Per du mit dem Chef

Neue Entwürfe für den Google-Hauptsitz in Mountain View: in Amerika ist das Du zwischen Chef und Mitarbeiter quasi Standard - aber die Hierarchien sind glasklar. Bild: Google

Die moderne Führungskraft gibt sich aus guten Gründen volksnah. Distanzlose Kumpanei ist aber gefährlich. Eine Analyse.

          Es ist an der Zeit, mal eine Lanze für den modernen Chef zu brechen. Der ist nämlich in der Regel viel besser als sein Ruf. Sicher, es gibt sie immer noch, die alten Haudegen, die den Laden mit eiserner Hand zu führen gedenken. Wie etwa bei Volkswagen, wo seit dem Abgang von Martin Winterkorn behauptet wird, der ganze Skandal habe nur dank eines unheilvollen Regimes aus Furcht und Duckmäusertum überhaupt erst gedeihen können.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Erwähnt sei auch der mittlerweile geschasste Trainer des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt, Armin Veh, der nach einer neuerlichen Niederlage das unzufriedene Publikum anmaulte, es soll doch lieber zu Hause bleiben. Das wäre ungefähr so, als würde Apple-Chef Tim Cook nach einem Software-Fehler seinen aufgebrachten Kunden raten, sie könnten ja wieder analog telefonieren, wenn ihnen das nicht passe.

          Doch solche Fossilien aus der Führungsetage sind auf dem Rückzug. Immer häufiger steigen die Vorgesetzten von ihrem Thron herab. Sie geben sich betont volkstümlich, und viele haben Spaß am neuen Führungsstil. Mittlerweile werben Firmeninhaber schon in Online-Netzwerken damit, dass sie allen zigtausend Mitarbeitern das Du anbieten.

          Der moderne Chef ist einer von uns, lautet das neue Credo für die digitale Arbeitswelt. Die Management-Gurus besingen ja schon seit längerem das Ende des starken Mannes auf dem Chefsessel, der zu Alleingängen neigt und sein Personal züchtigt wie der Dompteur seine Raubkatzen in der Manege. Denn auf Dauer kostet das Schwingen der Peitsche den Dompteur eben viel Kraft.

          Nicht rebellischer veranlagt

          Dazu kommt, dass junge Mitarbeiter heute längst nicht mehr so viel mit sich machen lassen wie ihre älteren Kollegen. Sie sind dabei nicht per se rebellischer veranlagt als ihre Vorgänger, sondern können sich diese Haltung schlichtweg leisten.

          Während die Babyboomer noch darauf getrimmt waren, bloß nicht aus der Reihe zu tanzen, weil sonst sofort ein anderer ins Glied nachrücken würde, und die Generation X der siebziger und achtziger Jahre ohnehin froh war, wenn der Start ins Berufsleben nicht mit Hartz IV gleichbedeutend war, steht heutigen Absolventen die Arbeitswelt vielfach offen - der Demographie und einer starken Wirtschaft sei Dank.

          Die Talente wissen in der postindustriellen Gesellschaft aber nicht nur über ihren Marktwert ganz genau Bescheid, sondern auch darüber, was sie von ihrem Berufsleben wollen: Eine sinnstiftende Tätigkeit soll es häufig sein, die mehr ist als nur reiner Broterwerb. Viele weigern sich, Dinge nur deshalb zu tun, „weil das halt schon immer so gemacht wurde“. Statt Dienst nach Vorschrift fordern sie Feedback und Rückmeldung auf ihre Arbeit. Die Nachwuchskräfte von heute können ziemlich anstrengend sein.

          Die moderne Führungskraft hat sich an diese veränderten Anforderungen aber nicht nur - zwangsläufig - angepasst, sie ist auch selbst auf den Geschmack gekommen. So mancher Chef ist längst ins Grübeln geraten: Warum sollen nur Mitarbeiter den Segen der Elternzeit erfahren oder ihre Work-life-Balance optimieren? Warum nicht selbst mal wieder samstags auf dem Fußballplatz den eigenen Sohn anfeuern, statt zum x-ten Mal die aktuellen Bilanzen auf Unstimmigkeiten zu durchforsten? Montag ist schließlich auch noch ein Arbeitstag.

          Auch haben sich viele Führungskräfte von der Vorstellung frei gemacht, auf dem Platz an der Sonne dürfe man keine Schwäche zeigen. An der Burnout-Diskussion mag vieles übertrieben und interessengeleitet sein. Zweifelsohne hat sie aber das Thema Stress und Belastung auf die Agenda gehievt und Manager dazu gebracht, offen damit umzugehen. Wenn Chefs über den Umgang mit ihren Krankheiten reden, ist das ein wichtiges Signal an die Belegschaft.

          Keine distanzlose Kumpanei

          Dass Führungskräfte von ihrem Sockel heruntersteigen, ist in der modernen Arbeitswelt ein notwendiger Schritt. Zumal es die Digitalisierung der Arbeit mit sich bringt, dass der Vorgesetzte seinen Führungsanspruch immer seltener über Fachwissen untermauert. In einer zunehmend von Spezialisierung geprägten Arbeitsteilung obliegt ihm künftig noch stärker die Aufgabe, aus dem vielen Speziellen ein größeres Ganzes zu machen: die einzelnen Bausteine zum Wohle des Unternehmens zusammenzufügen. Dazu müssen moderne Chefs vor allem Teamspieler sein.

          Hier birgt die Entwicklung aber auch ihre größte Gefahr: Denn bei aller notwendigen Annäherung an die Belegschaft darf die Führungskraft ihre Funktion innerhalb der Organisation nicht verlieren. Ihre wichtigste Aufgabe ist und bleibt es, Entscheidungen zu treffen. Daran hat sich nichts geändert. Mehr Nähe, um einzelne Sachargumente der Mitarbeiter besser verstehen zu können, ist die eine Sache; kritische Distanz, um sie gegen andere Ansichten abzuwägen, die andere.

          Auf keinen Fall darf die Tuchfühlung zu den Untergebenen in distanzlose Kumpanei ausarten, die Entscheidungsprozesse intransparent werden lässt. Wer sein Urteil nicht gut begründen kann, büßt als Führungskraft gerade in flachen Hierarchien rasch Legitimität und Rückhalt ein. Da hilft es auch künftig wenig, wenn der Chef mit jedem per du ist.

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