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Freie Aufsichtsratsposten : Das Jahr der Frauen

Güler Sabanci Bild: Helmut Ficke / F.A.Z.

In diesem Jahr sind so viele Positionen in Aufsichtsräten zu besetzen wie lange nicht. Viele Unternehmen werden diese Gelegenheit nutzen, um Frauen in ihre Kontrollgremien zu berufen.

          Es ist Superwahljahr in Deutschland, das gilt nicht nur für die Politik. In den 30 Dax-Unternehmen werden in diesem Jahr nach Angaben der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) nicht weniger als 72 Aufsichtsräte der Anteilseignerseite neu gewählt, das entspricht fast einem Drittel aller Kapitalvertreter. Viele Unternehmen werden diese Gelegenheit nutzen, um Frauen in ihre Kontrollgremien zu berufen. Schließlich ist es das erklärte Ziel von EU-Justizkommissarin und Quotenbefürworterin Viviane Reding, dass in absehbarer Zeit mindestens 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein sollen.

          Julia Löhr

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Den Anfang macht kommende Woche der Münchener Elektronikkonzern Siemens. Auf der Hauptversammlung am Mittwoch soll die türkische Managerin Güler Sabanci, Vorsitzende des Mischkonzerns Sabanci Holding, in den Aufsichtsrat gewählt werden. Dort sitzt bislang auf Anteilseignerseite schon Nicola Leibinger-Kammüller, die geschäftsführende Gesellschafterin des mittelständischen Maschinenbauers Trumpf.

          Ann-Kristin Achleitner
          Ann-Kristin Achleitner : Bild: dpa

          Die Nominierung von Güler Sabanci ist ganz im Sinne von Diversity-Fachleuten. Eine Frau und noch dazu jemand aus dem Ausland - perfekt. Vielfalt steht in der Besetzung der Kontrollgremien derzeit ganz oben auf der Prioritätenliste. Unterschiedliche Kompetenzen, unterschiedliche Lebensläufe, unterschiedliche Kulturen - je gemischter, desto besser, so sehen es die Experten für gute Unternehmensführung (Corporate Governance). Was allzu einseitig besetzte Aufsichtsräte anrichten können, wird dieser Tage am Beispiel des Berliner Flughafens nur allzu deutlich.

          Derzeit sind knapp 13 Prozent der Aufsichtsräte der größten deutschen Unternehmen weiblich, die meisten von ihnen von der Arbeitnehmerseite. In den Dax-Unternehmen beträgt der Anteil 19 Prozent. Das ist nicht einmal halb so viel wie von EU-Kommissarin Reding gefordert. Auf einen Anteil von 40 Prozent kommt bislang nur die Deutsche Bank. Der Konsumgüterkonzern Henkel ist dem Ziel mit einem Frauenanteil von 37,5 Prozent recht nahe, auch in den Kontrollgremien von Allianz, Beiersdorf, Commerzbank und Deutscher Post sitzen überdurchschnittlich viele Frauen. Anders das Bild etwa bei Fresenius: Dort sind im Aufsichtsrat ausschließlich Männer vertreten.

          Nicola Leibinger-Kammüller
          Nicola Leibinger-Kammüller : Bild: Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.

          Unter Personalberatern herrscht so etwas wie Goldgräberstimmung. Ob der Frankfurter Headhunter Heiner Thorborg mit seiner Generation CEO+, die Beratungsgesellschaft Hunting Her (“Pioneers in She Placement“) oder Personalberatungen klassischen Typs - sie alle wittern Geschäft und Aufmerksamkeit. Früher wurden die Unternehmen auf der Suche nach neuen Aufsichtsräten oft in den Vorständen oder Kontrollgremien anderer Konzerne fündig. Da in diesen Gremien aber kaum Frauen vertreten sind, gilt es, den Suchradius zu erweitern. In den Mittelstand, in Unternehmensberatungen und Kanzleien, in die Wissenschaft. Oder ins Ausland, wie das Beispiel Güler Sabanci zeigt.

          Hochqualifizierte Frauen können sich über einen Mangel an Anfragen nicht beklagen. Beispiel Ann-Kristin Achleitner: Die Professorin der Technischen Universität München, zudem Mitglied der Corporate-Governance-Kommission, wurde erst kürzlich in den Aufsichtsrat der Munich Re berufen. Zudem sitzt sie in den Kontrollgremien von Metro und Linde, im Verwaltungsrat des Schweizer Bankhauses Vontobel und in dem des französischen Energiekonzerns GDF Suez. Ihr Mandat bei Vontobel wird sie allerdings abgeben.

          Mehrere Mandate haben ebenfalls die Meinungsforscherin Renate Köcher, Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, die frühere Nokia-Managerin Sari Baldauf sowie die schwedische Bankmanagerin Annika Falkengren inne. Eine Ämterhäufung, wie es sie in Norwegen nach Einführung der Frauenquote im Jahr 2008 gab, sehen Personalberater gleichwohl noch nicht. Nach Angaben der Beratungsgesellschaft Kienbaum hatten zuletzt nur 11,8 Prozent der weiblichen Aufsichtsräte auf Anteilseignerseite mehr als ein Mandat in Dax-Unternehmen. Unter den Männern betrug der Anteil der Mehrfachkontrolleure 14,1 Prozent.

          Es ist, so berichten es zumindest Personalberater, vor allem die Furcht vor den Quotenplänen von Viviane Reding, die in den Unternehmen Betriebsamkeit auslöst. Geht es nach ihrem Willen, sollen in 5000 börsennotierten Unternehmen Europas bis zum Jahr 2020 Frauen 40 Prozent der Aufsichtsratspositionen innehaben. Einen entsprechenden Gesetzesvorschlag stellte Reding im November vor. Zwar ist dieser Vorschlag gegenüber Redings ursprünglichen Plänen in etlichen Punkten abgeschwächt, zudem haben mehrere Länder ihren Widerstand angekündigt. Trotzdem sind die Unternehmen misstrauisch und sichern sich die qualifiziertesten Frauen, die der Markt hergibt.

          Unternehmensberatungen wie McKinsey betonen immer wieder, dass Unternehmen mit einem vergleichsweise hohen Frauenanteil im Management eine bessere Rendite und Aktienkursentwicklung aufweisen als männerdominierte. Die Wissenschaft ist von dem Erfolg gemischter Teams dagegen noch nicht ganz so überzeugt. In einer Untersuchung von Sabine Boerner, Managementprofessorin an der Universität Konstanz, zeigte sich nur in drei von 18 Studien ein positiver Effekt von Geschlechtervielfalt auf den Erfolg der Organisation.

          Quelle: F.A.Z.

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