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Freiberufler Der Preis der Unabhängigkeit

 ·  Freiberufler fürchten die wirtschaftliche Unsicherheit, aber genießen ihre Unabhängigkeit. Wer in einem eigenen Büro als Architekt, freier Journalist oder Künstler arbeiten will, sollte seine Präferenzen kennen.

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Was für ein tolles Projekt: Einen dreißig Meter hohen Wasserturm zu schicken Ferienwohnungen ausbauen. Eine Herausforderung für die Architekten Thommes und Weißheimer, ein Segen für die Stadt Waren an der Müritz. Wieder wurde ein denkmalgeschütztes Gebäude vor dem Verfall gerettet. Doch Christian Thommes ist unzufrieden: „Wenn ich noch mal die Wahl hätte, würde ich wohl auf keinen Fall selbständiger Architekt werden.“ Seit zehn Jahren ist der Vierundvierzigjährige freiberuflich. Viermal mussten sie schon umziehen mit ihrem Büro im Berlin-Prenzlauer Berg, aber vor allem die hohe Verantwortung stehe in keinem Verhältnis zum Verdienst. Manchmal könne einem da schon der Spaß vergehen. Immerhin, die Auftragslage sei in letzter Zeit deutlich besser geworden.

Laut einer Studie des Instituts für Freie Berufe Nürnberg (IFB) ist die Zahl aller Freiberufler in den vergangenen zehn Jahren um 62 Prozent gestiegen, insgesamt sind es 1,192 Millionen - so viel wie noch nie. Die mit Abstand größte Gruppe stellen die freien Kulturberufe, dazu zählen Journalisten, Übersetzer, darstellende und bildende Künstler, gefolgt von den Ärzten, Apothekern, freien Heilberufen und Rechtsanwälten. Die Gruppe der Architekten oder Ingenieure ist im Vergleich dazu klein, wächst aber ebenfalls stetig.

“Freiberufler werden volkswirtschaftlich immer wichtiger“, sagt Petra Kleining, Pressesprecherin des Bundesverbandes der Freien Berufe (BFB). Sie entwickeln Zukunftstrends und multimediale Lösungen, erschließen neue Märkte und erfinden innovative Projekte als Antwort auf den demographischen Wandel. Wie kaum eine andere Berufsgruppe seien sie prädestiniert dafür, den Weg zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft zu gestalten, schwärmt Kleining. Freiberufler erwirtschaften 10,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und beschäftigen über drei Millionen Mitarbeiter.

Das Durchschnittsalter bei den Freien liegt zwischen 40 und 49 Jahren. Buchprüfer, Ärzte, Apotheker und Psychotherapeuten liegen deutlich darüber. Jünger sind vor allem Rechtsanwälte, Architekte und Künstler.

„Kein Dienst nach Vorschrift“

Petra Kleining betont: „Freie Berufe heißen nicht ohne Grund so. Wer einen ergreift, sollte nicht nur talentiert sein, sondern sich auch dazu berufen fühlen. Schließlich verrichtet man keinen Dienst nach Vorschrift.“ Man übernehme Verantwortung für seine Patienten, Mandanten, Klienten oder Kunden, aber auch für die Allgemeinheit.

Keinen Dienst nach Vorschrift heißt für Christian Thommes „selbst und ständig“, zehn Stunden Regelarbeitszeit sind da für ihn normal, auch samstags, manchmal sogar am Sonntag, obwohl er Familienvater ist und kleine Kinder hat. Als Architekt geht Selbständigkeit aber nicht sofort. Zunächst arbeitet man für drei Jahre in einem eingetragenen Büro. Christian Thommes rät: „Ein gutes Architektenbüro muss nicht groß sein, bei Kleineren hat man sogar den Vorteil, in jedes Aufgabengebiet mal reinzuschnuppern, erwirbt so viel mehr Wissen.“ Ratsam sei es auch, danach eine Zeit ins Ausland zu gehen, nicht allein für die Vita oder die Sprachkenntnisse. Australien sei geeignet, auch Asien oder Amerika, mal ganz andere Kreativität kennenlernen, aber auch internationale Standards erfassen, um zu wissen, wo man steht.

Laut IFB seien es vor allem vier Attribute, die einen Freiberufler auszeichnen: hohe Professionalität und Qualifikation, Verpflichtung gegenüber dem Allgemeinwohl, strenge Selbstkontrolle und Eigenverantwortlichkeit. Deshalb müsse man eine besondere Persönlichkeit mitbringen, meint Petra Kleining und betont: „Jeder Gründungswillige muss seine Marktchancen, aber auch seine Akquisefähigkeit ehrlich und realistisch einschätzen. Auch soll er sich fragen, ob er Selbständigkeit reizvoll oder doch eher riskant findet.“

Besonders die Selbstakquise fällt vielen oft schwer. Während Schauspieler oder Musiker einen Agenten beauftragen können, müssen freie Journalisten, Ärzte oder Rechtsanwälte für sich selbst werben. Der Deutsche Journalistenverband bietet seit langem Selbstvermarktungsseminare. Dort lernt man, wie man potentielle Auftraggeber anspricht, berufliche Kontakte herstellt und sich selbst präsentiert, auch im Internet.

Die Kehrseite ist die Disziplin

“Wenn du erst mal dein erstes Projekt gut gemacht hast, bekommst du auch Folgeaufträge“, sagt Architekt Thommes. „Dann kommen die Auftraggeber von ganz allein auf dich zu.“ So einfach ist es aber gerade am Anfang nicht, im Schnitt dauert es zwei bis drei Jahre, ehe man einen guten Namen hat. Vertrauen aufbauen gehört für einen Freiberufler genauso dazu wie eine eiserne Disziplin.

Viele genießen gern das Gefühl der Freiheit, dass niemand ihnen sagt, wie ihr Tag zu laufen hat. Die Kehrseite ist aber, dass sie eine enorme Disziplin aufbringen müssen, vor allem für ein selbständiges Zeitmanagement. Denn: Zeit ist Geld - und zwar buchstäblich. Wer diese Disziplin nicht aufbringt, sollte auf jeden Fall die Finger von einem freien Beruf lassen.

Gründerseminare sind ratsam

Redet man von Selbständigkeit, sind entweder Freiberufler oder Gewerbetreibende gemeint. Je nachdem, welche Gruppe man wählt, hat das Auswirkungen auf die Rechtsform, Steuer, Altersversorgung oder die Formalitäten bei der Gründung. Freiberufler müssen meistens nur eine einfache Buchhaltung beibringen. „Manchmal gibt es aber berufliche Grenzfälle“, heißt es in der Gründerbroschüre des IFB. „Wenn etwa ein Augenarzt noch Kontaktlinsen verkauft oder ein Architekt als Immobilienmakler tätig ist, dann entscheidet das Finanzamt und verlangt nicht selten getrennte Steuerklärungen.“ Ratsam ist es, im Vorfeld ein Gründerseminar beim IFB, BFB oder bei den jeweiligen Kammern zu besuchen.

Pflicht ist die Anmeldung in einer gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung. Künstler gehen in die Künstlersozialkasse (KSK), diese leitet die Beiträge dann an den Gesundheitsfonds weiter. Hier gibt es besonders günstige Konditionen, weil die KSK die Hälfte der Beiträge zur Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung übernimmt. Eine Grundvoraussetzung für die Aufnahme ist allerdings ein nachgewiesener künstlerischer Mindestverdienst, den man spätestens nach drei Jahren erwirtschaftet haben sollte. Hinzu kommen die Beiträge zu den Berufsgenossenschaften, Berufsunfallversicherung oder Berufshaftpflicht. Architekten beispielsweise geben eine Gewährleistung bis dreißig Jahre am Bau. Hier ist eine Berufshaftpflicht mehr als sinnvoll, denn ein Freiberufler haftet immer mit seinem gesamten privaten Vermögen.

Der einsame Cowboy ist ein Auslaufmodell

Ein wichtiges Thema ist auch die Scheinselbständigkeit. Wer dauerhaft für nur einen Auftraggeber tätig ist, gilt als scheinselbständig und damit von Gesetzes wegen als Angestellter. „Es ist ohnehin nicht ratsam, sich von einem Auftraggeber abhängig zu machen“, erklärt Thommes. „Zwar ist es oft schwer, mehrere Projekte parallel laufen zu lassen, aber auch damit sollte man umgehen lernen.“ Hier liegt für Freiberufler auch ein deutlicher Vorteil gegenüber Angestellten. Spätestens nach der ersten großen Kündigungswelle bei den Zeitungsverlagen lächelte keiner mehr über die freien Journalisten. Sie standen nicht als Arbeitslose auf der Straße, sondern strichen lediglich einen Namen aus ihrem Adressbuch.

Aber auch die Arbeitsformen der Freiberufler haben sich geändert. Der einsame Cowboy, der sich mit seinem Laptop im Café herumlümmelt, ist ein Auslaufmodell. Immer gefragter werden Büro-, Praxis- oder auch zeitlich begrenzte Projektgemeinschaften, sogenannte Co-Working-Spaces. Großraumbüros in denen Menschen stundenweise zu Netzwerkern werden. Austausch, Motivation und Teamgeist wirken sich positiv auf die Arbeitsleistung aus. Christian Thommes meint: „Für mich ist der wichtigste Motor aber immer noch der Spaß am Beruf, zu sehen, dass man etwas bewegt, etwas Sinnvolles macht. Wer kann das schon?“

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