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Frauen und Karriere Managerinnen unter der gläsernen Decke

05.09.2006 ·  Es ist so, als ob eine unsichtbare Hürde zwischen den Frauen und den obersten Managementplätzen liegen würde: Zwar kommen die Damen relativ leicht in untere und mittlere Führungspositionen. Doch da ist dann häufig Schluß.

Von Anna Loll
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„Frauen müssen klug sein, hübsch, gesellschaftlich in jeder Form kompatibel und dann im Job noch so tun, als wären sie ein Mann“, sagt Nannette Schliebner, Studentin der Wirtschaftswissenschaften in Berlin. „Das überfordert eine Frau natürlich.

Wenn es wirklich darum geht, professionell zu sein, dann muß man das Frausein überwinden. Paßt man sich nicht an, fällt man durchs Raster.“ - Einzelerfahrungen einer Berufseinsteigerin?

Männliche Regeln

Physikstudium in Aachen: „Ein Professor begrüßte uns Frauen im Hörsaal mit den Worten: Nach zwei Semestern werden Sie ja Ihren Doktor erreicht haben. Dann will ich Sie hier nicht mehr sehen“, sagt Katrin Suder und lacht. „Das gibt es heute zum Glück nicht mehr. Es hat sich schon sehr viel verändert.“

Es sind nicht mehr nur die Männer, die - ganz bildlich gesprochen - die Hosen anhaben. Suder, inzwischen promovierte Physikerin, ist selbst das beste Beispiel. Von den insgesamt 130 Partnern der Beraterfirma McKinsey in Deutschland ist die Vierunddreißigjährige eine von fünf Frauen.

Doch die schillernde weibliche Präsenz in der Öffentlichkeit täuscht über die immer noch bestehenden Hürden und Unterschiede in der Arbeitswelt hinweg. Es sind wenige, die es bis an die Spitze schaffen. Der Berufsweg für ambitionierte Frauen ist nach wie vor schwer in einem Arbeitsmarkt, dessen Regeln männliche sind.

„Politik für die Stärksten“

Das wird gern übersehen, vor allem in den Führungsetagen. „Frauenförderung ist kein Thema mehr in den Unternehmen. Ganz nach dem Motto: Man sieht ja, daß Frauen da sind, also müssen wir nichts mehr tun“, sagt Hildegard Maria Nickel, Professorin für Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Man habe zwar erkannt, daß gemischte Teams gut arbeiten. Trotzdem beobachtet Nickel eine „De-Thematisierung“ der Frauenfrage. „Die Einforderung der Rahmenbedingungen wird an einzelne Frauen gebunden. Wenn die Frau in der richtigen Position und durchsetzungsfähig genug ist, dann mag das funktionieren. Doch diese Politik für die Stärksten reicht natürlich nicht aus.“

Gläserne Decke zu obersten Führungspositionen

Das belegen auch die Zahlen, die jegliche Gleichstellungsillusionen vom Tisch fegen. Laut einer Analyse der Hoppenstedt-Gruppe von 2004 arbeiten nur 10 Prozent Frauen in den 80.000 größten deutschen Unternehmen in Führungspositionen.

Es ist so, als ob eine gläserne Decke zwischen den Frauen und den obersten Managementplätzen liegen würde: Zwar kommen die Damen relativ leicht in untere und mittlere Führungspositionen. Doch da ist dann häufig Schluß.

„Bei Männern geht es um Kampf“

Die Daten verweisen auf die Hürden, auf die Frauen in der Arbeitswelt treffen. Die Liste ist lang: von der Entscheidung für oder gegen Kinder bis hin zu handfesten Stereotypen. Eine schüchterne, passive Führungskraft könne man sich nun einmal schlecht vorstellen, stellt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) von den Vereinten Nationen in einem Bericht zu Frauen in Managementpositionen fest. Statt dessen werde erfolgreiche Führung mit vermeintlich typisch männlichen Fähigkeiten verbunden: Entscheidungsfreude und dominantes Verhalten. Doch arbeiten Frauen tatsächlich anders?

„Bei Männern geht es letztendlich mehr um Kampf“, sagt Gottfried Unterweger, Geschäftsführer einer eigenen Werbeagentur. „Sobald Männer eine gute Position erreicht haben, ziehen sie sich tendenziell auf ihre Macht zurück, machen sich unangreifbar.“

„Rot geworden, wenn er mit den Frauen geredet hat“

Macht und Hierarchie seien eben die Bausteine des gesellschaftlichen Systems. „Wie soll es sonst sein? Es ist unsere Tradition und funktioniert“, sagt der Einundfünfzigjährige. Doch er selbst hat diese Tradition in seinem Unternehmen durchbrechen lassen.

Bei ihm arbeiten nur Frauen. Und das mit Erfolg. Mit bekannten Preisen kann sich die Agentur schmücken, auch mit einem neuen Büro mit hübschem Blick auf die Hamburger Binnenalster. „Am Anfang waren auch noch andere Männer da. Doch der eine hat den Macho nach außen gekehrt, der andere ist immer rot geworden, wenn er mit den Frauen geredet hat“, sagt Unterweger. Beide haben sich nicht wohl gefühlt und sind gegangen.

Sie vermisse den männlichen Humor

„Inzwischen überlegen wir uns da schon, wenn wir jemanden neuen einstellen wollen, ob wir einen Mann nehmen und so die ganze Sache vielleicht aufs Spiel setzen“, sagt Kerstin Feuß, Leiterin der Beratung bei Unterweger und Partner. Dabei hat die Medienkauffrau immer gern mit Männern zusammengearbeitet.

Männer nähmen manches leichter als Frauen, sie vermisse bisweilen ein wenig männlichen Humor. „Aber wir haben hier schon etwas ganz Besonderes“, ist die hübsche blonde Frau überzeugt. Auch wenn Emotionen vielleicht traditionellerweise als störend im Berufsleben empfunden werden, sei besonders die emotionale Kompetenz der Frauen hilfreich im Beratungsgeschäft.

„Männer denken an ihren persönlichen Vorteil“

„Rationales Denken allein funktioniert nicht, wenn die Verpackung fehlt“, ist ihr Chef ebenfalls überzeugt. „Außerdem ist das Arbeitsergebnis bei Frauen häufig besser. Sie denken eher an die Aufgabe; Männer dagegen an ihren persönlichen Vorteil.“

Allerdings bleibe den Männern auch kaum eine andere Möglichkeit, als dem Beruf einen so wichtigen Platz in ihrem Leben einzuräumen. Frauen hätten nach wie vor stärker die Option des reinen Familienlebens. „Ein Mann entkommt nicht, bis er 65 Jahre ist. Frauen haben es vielleicht gar nicht so schlecht“, findet Unterweger. Bei der Karriere zurückzustecken sei nicht unbedingt schlimm, wenn man Lebensplanung nicht nur als Karriereplanung sehe.

Früh zuhören und sensibler sein

„Diese Verhaltensunterschiede werden schon in extremem Maße sozialisiert“, ist die Soziologin Nickel in ihrem mit roten Blumen geschmückten Büro in Berlin überzeugt. „Im Sozialisationsprozeß lernen die Mädchen schon früh zuzuhören, sensibler zu sein und sich ruhiger zu verhalten.

Mit Jungs wird ganz anders umgegangen.“ Die Unterschiede mögen so lange nicht problematisch sein, wie die beiden Geschlechter sich nicht in ihrer persönlichen und beruflichen Verwirklichung eingeschränkt fühlen.

Am Anfang eine Vertrauensvorschuß

Klare Benachteiligungen jedoch sind ein Problem. Die zeigen sich nicht zuletzt im Materiellen: In Deutschland verdienen Frauen bis zu 23 Prozent weniger als Männer in den vergleichbaren Positionen. Auch freut es niemanden, auf Grund seines Geschlechts als weniger kompetent eingeschätzt zu werden.

„Als Frau hat man es schwerer, ernst genommen zu werden“, sagt Feuß von Unterweger und Partner. „Bei Männern ist anfangs eine Art Vertrauensvorschuß da. Bei Frauen dagegen eher ein Mißtrauen, ob die den Job gut machen können.“

Da greift dann auch manchmal Unterweger selbst ein, der sich sonst dem Alltagsgeschäft seiner Agentur fernhält, und übernimmt die Rolle des traditionellen Chefs. „Ich spreche das dann ganz klar beim Kunden an“, sagt Unterweger. Die Herren würden die üblichen Arbeitsstrukturen einfach übertragen.

„Der Fortschritt ist eine Schnecke“

Die Soziologin Nickel kennt dafür eine einfache Erklärung. „Der Fortschritt ist eine Schnecke“, sagt die Professorin lakonisch. Lange bestehende Institutionen wie die Spielregeln des Arbeitsmarktes seien durchaus wirkungsmächtig. „Die bauen immer noch auf der Sozialgesetzgebung von Bismarck auf. Und die bezieht sich natürlich auf den männlichen Alleinverdiener.“

Um Anpassung kommen Frauen nicht herum. Das zeige sich schon an der Kleidung im Beruf. „Die Dresscodes orientieren sich daran, daß das Geschlecht verschwindet. Da Männer vermeintlich kein Geschlecht haben, sind die Vorgaben so gestaltet, daß das der Frau zurücktritt“, sagt Nickel.

Entgrenzten Arbeitszeit

Aber Anpassung um jeden Preis wollten viele nicht zahlen. Gegen die permanente Verfügbarkeit zum Beispiel, wie sie manche Führungskräfte mit einer völlig entgrenzten Arbeitszeit von 60 bis 80 Stunden die Woche praktizierten, entschieden sich viele Frauen bewußt.

Sie blieben dagegen häufig lieber in niedrigeren Positionen, beobachtet Nickel aufgrund eigener Studien. „Reflexive Karriereplanung“ sei das, wenn berücksichtigt werde, daß zur Arbeit auch das Leben gehöre.

„Mut zur eigenen Linie!“

Doch der Arbeitsmarkt wandelt sich und bietet Chancen. Laut ILO öffnet sich der Markt zunehmend den eher als feminin eingeordneten Eigenschaften wie Kooperationsfähigkeit, Sorgfalt und Verbindlichkeit. Und wo Frauen führen, können sie auch Veränderungen bewirken: „Anpassung passiert natürlich, aber trotzdem sollte man nicht einfach das übernehmen, was die männlichen Kollegen vormachen“, sagt Katrin Suder von McKinsey.

Die typisch weiblichen Stärken dürfe man nicht verlieren, sondern müsse sie vielmehr in der Arbeitswelt einsetzen. „Mut zur eigenen Linie! Man kann zum Beispiel ein Meeting auch mit einer kleinen ,Charme-Offensive' eröffnen“, sagt die Beraterin mit einem Augenzwinkern.

Aber auf Klischees wie das der Dichotomie von Herz und Verstand solle man sich gar nicht erst einlassen. Suder ist sicher: „Ohne Leidenschaft und Emotionen kann man keine Führungsposition gut ausfüllen.“

Quelle: F.A.Z., 02.09.2006, Nr. 204 / Seite 57
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