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Forschungsnachwuchs Junge Wissenschaftler mit hehren Zielen

06.06.2005 ·  „Hier arbeiten wir wirklich.“ Ein Gießener Institut erforscht das volkswirtschaftliche Wachstum. Das besondere: Die Mitglieder sind allesamt Studenten. Sie hoffen auf eine erfolgreiche Zukunft ihrer Forschung.

Von Florentine Fritzen
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Wissenschaftliche Projekte entstehen heute oft auf sehr pragmatische Weise. Wer Fördergeld bekommen will, rührt kunstvoll ein Expose zusammen. Wichtige Zutaten dieser Textgattung sind Interdisziplinarität und Aktualitätsbezug, Einordnung in den Forschungskontext, eine ausgewogene Mischung von Theorie und Praxis oder aber von Theorie und Empirie sowie einige fachspezifische Mode-Schlagwörter, die Gutachteraugen erfahrungsgemäß leuchten lassen.

Forschung entsteht als Antwort auf Stellenausschreibungen und auf die Anforderungen potentieller Geldgeber. Das jedenfalls ist der Regelfall. Daß ein Wissenschaftler „Heureka!“ ruft und seine beglückende Erkenntnis neugierig näher untersucht, sie aufschreibt, unterfüttert, weiterdenkt, diskutiert, revidiert - das ist ein Idealfall, der viel seltener anzutreffen ist.

„Es machte nach und nach klick“, dann gründeten sie den Verein

Die Männer und Frauen Mitte Zwanzig, die vor zwei Jahren gemeinsam das „Institut für Wachstumsstudien“ gründeten, haben den Satz „Ich habe gefunden!“ zwar nicht auf altgriechisch ausgerufen wie einst Archimedes. Ein bißchen ist es ihnen aber doch so gegangen wie dem Syrakuser, nachdem er in der Badewanne das nach ihm benannte Prinzip entdeckt hatte. „Es machte nach und nach klick“, erinnert sich Karsten Herzmann, stellvertretender Leiter des Instituts. Er und seine zwei Kolleginnen und fünf Kollegen, allesamt Doktoranden oder Studenten und nach eigenen Angaben seit der Kindheit an politische Diskussionen gewöhnt, dachten vor ein paar Jahren intensiv über Wirtschaftswachstum nach.

Das Thema berührte die Studenten unmittelbar - als künftige Arbeitnehmer, die noch nicht recht wußten, was einmal aus ihnen werden sollte. Der Inhalt des „Klicks“, den Herzmann beschreibt, läßt sich so zusammenfassen: Volkswirtschaften wachsen nicht mit konstanten Raten und damit exponentiell, sondern bloß um konstant absolute Beträge, also linear.

„Wir haben uns die Wachstumszahlen des Bruttoinlandsprodukts der Bundesrepublik seit 1950 vom Statistischen Bundesamt besorgt und sie ausgewertet“, erzählt Herzmann. Graphisch aneinandergereiht, ergaben die Zahlen eine Linie, nicht eine Kurve. Die westdeutsche Volkswirtschaft ist nach den Berechnungen der jungen Wissenschaftler seit 1950 inflationsbereinigt pro Jahrzehnt um rund 300 Milliarden Euro gewachsen. „Für die Wachstumsraten aber bedeutet dies: Was acht Prozent Wachstum in den fünfziger Jahren waren, entsprach in den neunziger Jahren einem Wachstum von noch gerade einmal 1,5 Prozent.“ Denn lineares Wachstum führt zwangsläufig zu einem Absinken der Wachstumsraten.

„Wir sind Perfektionisten.“

In der wirtschaftswissenschaftlichen Fachliteratur fanden die Studenten ihre Erkenntnisse nicht wieder. „Dort wird regelmäßig von konstanten Wachstumsraten ausgegangen“, berichtet Herzmann. „Also dachten wir zuerst, wir hätten einen Fehler gemacht.“ Aus dem Zweifel erwuchs weitere Forschung - und schließlich, Anfang 2003, ein eingetragener Verein mit Sitz in Gießen. Das Institut für Wachstumsstudien erforscht die Entwicklung des bundesdeutschen Wirtschaftswachstums seit der Nachkriegszeit und verbreitet seine Erkenntnisse über die Linearität des Wachstums. Die jungen Wissenschaftler stellen politische Forderungen nach konstanten Wirtschaftswachstumsraten in Frage. Denn sinkende Raten stehen nach Ansicht der jungen Forscher gerade für Stetigkeit, konstante Raten hingegen erfordern ein fortlaufendes Übertreffen der Zahlen früherer Jahre. Das aber könne eine Volkswirtschaft nicht leisten, und damit müßten Politik und Gesellschaft erst noch umzugehen lernen.

Das Gießener Institut ist außeruniversitär und unabhängig, es finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die acht Mitglieder studieren in Gießen, Marburg, Mainz und Leipzig Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Agrarwissenschaft, Geschichte und Buchwissenschaft oder promovieren in einem dieser Fächer. Volkswirtschaftler sind nicht dabei, aber das soll sich laut Institutsleiter Kay Bourcarde, Student der Politikwissenschaft in Gießen, vielleicht bald ändern. Es ist aber nicht so einfach, neue Mitglieder zu gewinnen. Denn die Gruppe, die sich zum großen Teil schon seit mehr als zehn Jahren kennt, hat so ihre Ansprüche.

Nicht nur, daß die jungen Wissenschaftler ihr Projekt nicht als "Spaßveranstaltung" verstanden wissen wollen und von sich sagen: „Wir sind Perfektionisten.“ Auch die Vorstellungen potentieller neuer Mitglieder passen oft nicht zu den hehren wissenschaftlichen Zielen des Instituts. Denn häufig erwarten Außenstehende, "daß es bei uns politischer zugeht". Parteipolitisch sein aber wollen die Nachwuchswissenschaftler nicht. "Es geht uns primär um die Idee, wir wollen uns die Fakten angucken", sagt der Politikstudent Torben Anschau. „Wir sind weder links noch rechts.“ Herzmann ergänzt: „Wir wollen uns nicht anbiedern.“ Es gehe nicht darum, schnelle Lösungen anzubieten oder Prognosen zu erstellen, sondern darum, ein „Problembewußtsein für unsere Kernaussage in Politik und Bevölkerung zu schaffen“.

„Da kann man sich das Gefühl abholen, die Welt zu verbessern“"

Einige Institutsmitglieder waren früher Mitglieder in Parteien oder anderen Organisationen; sie sind allesamt aus ihnen ausgetreten. „Unsere Erfahrungen mit anderen Institutionen haben uns gezeigt: Da wird viel geredet, und man kann sich das Gefühl abholen, die Welt zu verbessern“, sagt Bourcarde. „Hier aber arbeiten wir wirklich, und das seit zwei Jahren sehr intensiv.“ Er steckt „locker fünfzehn Stunden in der Woche“ in die Institutsarbeit, manchmal mehr als zwanzig. Mindestens alle zwei Wochen treffen sie sich, permanent kommunizieren sie über ihr Intranet, das „virtuelle Institut“, wie sie es nennen. Ihr Internetauftritt ist bewußt sachlich; Anschau, der eine Ausbildung als Mediengestalter gemacht hat, hält die Seiten in kühlen Farben.

Das Institut hat jetzt einen kritischen Punkt erreicht: Das Studium geht zu Ende; nicht alle Mitglieder werden in Gießen oder Umgebung bleiben. Der eine investiert schon jetzt mehr in das Institut, der andere weniger. „Wenn es uns aber nicht wichtig wäre, würden wir alle es nicht machen“, sagt die Agrarwissenschaftlerin Caroline Seibert. Nicht ob, sondern wie es weitergehe, sei die Frage, die sich ihnen jetzt stelle, bekräftigt die Buchwissenschaftlerin Viola Hübner. „Wir machen das alles nicht, um unsere Karriere zu fördern“, stellt Anschau klar. Das Institut ist für die jungen Forscher nicht eine Aktivität, die sich im Lebenslauf gut macht und die sie nach der Bewerbungsphase wieder fallenlassen wollen. Nein: Sie fahren zwar zweigleisig, streben parallel mit ihren Promotionen eine universitäre Karriere an, hoffen aber, „daß sich aus unserem Institut etwas Eigenständiges entwickelt, das sich selbst trägt.“

Quelle: F.A.Z., 04.06.2005, Nr. 127 / Seite 58
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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