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Fluglotsenausbildung Bloß keine Punkte in Flensburg

 ·  Fluglotsen halten im Luftverkehr die Hebel in der Hand und verdienen deshalb gut. Bewerber müssen einen harten Auswahlprozess überstehen – aber danach winkt ein schönes Leben.

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© ddp Trotz Nachtschichten: Fluglotse ist dank Spitzengehalt und sicherem Arbeitsplatz ein attraktiver Beruf.

Auf welchem Breitengrad liegt der Äquator?“, fragt Martin Fischer in die Runde. Die Antwort ist für die 16 Abiturienten, die Fischer gegenübersitzen, die leichteste Übung: „Null Grad.“ Schon geht es weiter im Unterricht. Wie werden auf der Basis des Rotationsellipsoiden Positionen bestimmt? Wie lässt sich mit Orthodromen die kürzeste Distanz zwischen zwei Punkten auf der Erdoberfläche berechnen? All dies lernen die angehenden Fluglotsen während der Einführung in die Navigationskunde an der Akademie der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Langen bei Frankfurt am Main.

Sechs Wochen sind für die Schüler erst seit dem Beginn der rund dreijährigen Ausbildung vergangen. Allerdings haben sie schon einen langwierigen Auswahlprozess hinter sich. Rund 5000 Bewerbungen gehen bei der Flugsicherung im Jahr ein; bis an die Akademie schaffen es aber nur knapp 5 Prozent.

Obwohl die Flugsicherung Nachwuchs gut gebrauchen könnte. Etwa 10 000 Flugbewegungen koordinieren die rund 1900 Fluglotsen der DFS täglich. Der Luftraum über Deutschland ist der dichteste in Europa. Um dem steigenden Bedarf an den 16 Verkehrsflughäfen und vier Kontrollzentralen bei gleichzeitig strengeren Überstundenregelungen für die Fluglotsen gerecht zu werden, plant das zu hundert Prozent dem Bund gehörende Unternehmen für dieses und die kommenden Jahre je 200 Neueinstellungen. Im Vergleich zum Jahrgang von 2008 würde sich die Zahl der Auszubildenden verdoppeln.

Bewerber werden mit 100 Multiple-Choice-Fragen durchleuchtet

Teamfähigkeit und Entscheidungsfreude, aber auch räumliches Vorstellungsvermögen nennt Heike Lenort von der DFS als die wichtigsten Anforderungen an Bewerber. Das Abitur sei zwar Voraussetzung, die Note spiele allerdings keine Rolle. „Wir testen unsere Kandidaten lieber selbst“, sagt die Personalfachfrau. Dies geschieht in einem dreistufigen Verfahren, beginnend mit einem Online-Fragebogen. In hundert Multiple-Choice-Fragen zu Schulnoten, Nebenjobs und Freizeitaktivitäten wird ermittelt, inwieweit sich die Kandidaten verantwortungsbewusst zeigen und wie sie mit Konflikten umgehen.

„Wer als Neunzehnjähriger schon Punkte in Flensburg hat, hat bei uns keine Chance“, sagt Lenort. Auf den Fragenkatalog folgt ein mehrtägiger, computerbasierter Auswahltest des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Hamburg. Wer diese Hürde genommen hat, darf zur nächsten Runde anreisen und in Gesprächen mit Psychologen seine Berufsmotivation begründen. Zum Abschluss wird noch überprüft, ob die Bewerber einwandfrei sehen und hören.

Etwa 20 Prozent der Schüler brechen die Ausbildung ab

Die Auswahlrunden überstanden hat Olgun Tunç. Der 20 Jahre alte Berliner ist durch Zufall auf die Ausbildung aufmerksam geworden: „Ein Pilot ist bei meinem Vater im Taxi mitgefahren und hat ihm erzählt, dass er seinem Sohn eher raten würde, Fluglotse zu werden als Pilot.“ Nun bereitet sich Tunç in der ersten Phase an der Akademie auf eine spätere Tätigkeit vor, entweder als Lotse im Center, der die Flugzeuge per Radar und Funk auf ihren Wegen durch die verschiedenen Sektoren im Luftraum kontrolliert, oder im Tower in Sichtkontakt mit den Maschinen, zuständig für die Starts und Landungen.

Die Aufnahme an der Flugsicherungsakademie ist jedoch kein Freifahrtschein. Zwischen fortlaufenden Prüfungen und Lernkontrollen müssen etwa 20 Prozent der Schüler die Ausbildung abbrechen.

Verantwortung für Menschenleben

Der Unterricht ist streng verschult und durchgetaktet. Beginn ist morgens um 7.45 Uhr. „Es geht nicht nur um das reine Wissen, das hier vermittelt wird“, beschreibt Martin Fischer, der neben Navigation auch Meteorologie und Luftfahrtkunde unterrichtet. „In zwei Jahren müssen wir die Abiturienten zu jemandem formen, der Verantwortung für Menschenleben trägt.“ Pünktlichkeit zum Unterricht ist dem ehemaligen Piloten besonders wichtig. Im Alltag müssten die Lotsen auch pünktlich abgelöst werden, denn sie arbeiten maximal zwei Stunden am Stück. Erst nach rund einer Stunde Pause geht es weiter, meist auf einer anderen Position.

Am Flugsimulator lässt Fischer außerdem seine Schüler in die Rolle des Piloten schlüpfen: „Dann wissen sie auch, was es für den Piloten bedeutet, wenn sie ihm sagen: ,Enter Spessart Holding’.“ Mit dieser Kennung wird der Pilot in eine Warteschleife über dem Bezugspunkt Spessart geschickt. Normalerweise geschieht dies, wenn in Frankfurt zu viele Anflüge gleichzeitig anstehen oder aufgrund eines Notfalls kein Anflug möglich ist, so dass ein Flugzeug Warteschleifen fliegt, bis es an der Reihe ist.

In Tower- und Radarsimulationen den Ernstfall proben

Für das erste Ausbildungsjahr beziehen die Schüler Quartier auf dem Campus in Langen. So auch Alana Zoller, obwohl sie aus dem nur knapp zehn Kilometer entfernten Mörfelden stammt. Zusätzlich zur Theorie trainieren die angehenden Lotsen bis zu 44 Wochen lang an Tower- und Radarsimulator. Die Simulationen sind extrem aufwendig. Während die Lotsenschüler vor den Radarbildschirmen sitzen und unter Anleitung der Trainer die Flugzeuge von einem Sektor in den nächsten schicken, übernehmen erfahrene Mitarbeiter in einem anderen Gebäudeteil den Gegenpart der Piloten, mit denen die Schüler über Sprechfunk Kontakt halten.

Den zweiten Teil der Ausbildung absolvieren die Lotsen schließlich an ihrem zukünftigen Arbeitsplatz, einem Flughafen oder Center genannten Kontrollzentrum in Langen, Bremen, Karlsruhe oder München. Dort arbeiten sie unter Aufsicht eines erfahrenen Kollegen und erlangen nach und nach die notwendigen Zulassungen.

Der Ansporn: ein sicherer Arbeitsplatz und ein Spitzengehalt

Jeder Lotse erwirbt bis zu zehn Lizenzen für verschiedene Aufgaben und Lufträume und wächst so allmählich hinein in den von Früh-, Spät- und Nachtschichten bestimmten Alltag. Der folgt wenig Gesetzmäßigkeiten - besetzt sind die Radarschirme und Tower an 365 Tagen rund um die Uhr. Nach fünf Tagen Schicht folgen drei freie Tage. Kommt ein Lotse im Center in Langen im Durchschnitt auf etwa 28 Stunden Wochenarbeitszeit, liegt sein Kollege in Saarbrücken wegen der geringeren Verkehrsmenge und Komplexität etwas darüber.

In jedem Fall können die Spezialisten nicht nur mit einem sicheren Arbeitsplatz, sondern auch mit einem Spitzengehalt rechnen. Einsteiger starten mit einem monatlichen Gehalt zwischen 6000 und 8000 Euro im Monat, nach fünf Jahren sind es inklusive Schichtzulagen rund 100 000 Euro im Jahressalär. Mit 55 Jahren ist Schluss mit der hochkonzentrierten Tätigkeit, dann scheiden die Lotsen aus dem Berufsleben aus. Wer sich für den Beruf des Fluglotsen interessiert, hat allerdings nur eine Chance. Den Lotsentest darf jeder nur einmal absolvieren.

Lotse werden

Bewerben für die Ausbildung zum Fluglotsen können sich Abiturienten das ganze Jahr über unter: www.dfs.de

Vorbereiten auf den Lotsentest können sich Interessenten hier.

Simulieren kann man die Luftfahrt auch, und zwar durchaus realistisch. Dafür muss man sich bei der Online-Community IVAO anmelden.

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