http://www.faz.net/-gyl-8em96
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.03.2016, 10:00 Uhr

Flüchtlinge Kein Deutsch, kein Job

Amanuel durchquerte den Sudan, die libysche Wüste, sein Schiff kenterte auf dem Weg nach Italien - jetzt ist er in Deutschland. Eine Frage, die das ganze Land bewegt, lautet: Wie werden Flüchtlinge wie er zu Fachkräften? Ein Ortsbesuch.

von
© Edgar Schoepal Amanuel aus Eritrea (zweiter von links) im Praktikum bei Thyssen-Krupp

Hassan schüttelt den Kopf. Von Amanuels Geschichte habe er anfangs nichts gewusst. Der afrikanische Flüchtling sei sehr still gewesen, sagt der 19 Jahre alte Bulgare. Erst nach und nach habe er Details seiner langen Reise von Eritrea ins Ruhrgebiet preisgegeben: vom Weg durch Sudan und die libysche Wüste, von dem gekenterten alten Kahn, und davon, dass nur zwei Drittel der 600 Insassen die Küste Italiens lebend erreichten. Dass Amanuel seit acht Monaten mit anderen Flüchtlingen in einer Turnhalle lebt, findet Hassan „krass“. Im Kurs versuchten deshalb alle zu helfen. „Ich weiß, wie das ist, wenn man kein Deutsch kann“, sagt Hassan. Amanuel lächelt freundlich, er versteht nur wenig in der noch fremden Sprache.

Sven Astheimer Folgen:

Amanuel und Hassan werkeln gerade in der Duisburger Lehrwerkstatt von Thyssen-Krupp. Zwei von acht jungen Migranten, die als Praktikanten in der Stahlsparte des Industriekonzerns gelandet sind: zwei Wochen Grundkurs Mechanik, zwei Wochen Elektronik. Danach wird entschieden, wer für eine Ausbildung in Frage kommt. Kurz vor dem Ende des Praktikums weiß Amanuel genau, was er will: „Ich will Schweißer werden“, sagt der 18 Jahre alte Mann und strahlt. Das sei schon in Eritrea sein Wunsch gewesen. Damit könnte er auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gute Berufsaussichten haben, denn die meisten deutschen Jugendlichen haben andere Traumberufe. Allerdings weiß er auch, was dafür noch zu tun ist: „Ich muss Deutsch lernen“, sagt er in passablem Englisch.

 
Kein Deutsch, kein Job: Wie Flüchtlinge bei ThyssenKrupp um eine Chance ringen, beschreibt @SvenAstheimer

„Sprachniveau B2 ist für eine Ausbildung unerlässlich“, sagt Manfred Nicolaus, Leiter des Robert-Bosch-Kollegs in Duisburg. In dieser NRW-spezifischen Schulform können sowohl Berufsausbildungen als auch Sprachkenntnisse erworben werden. Dort wird bald auch Amanuel die Schulbank drücken. Auf die Frage, warum Sprachkenntnisse so wichtig sind für die berufliche Ausbildung, antwortet Nicolaus lachend: „Erklären sie mal ,Ausbildungsnachweisheft‘ einem jungen Afghanen.“ Dafür brauche man auf der gängigen Skala von A bis C eben mindestens das Niveau B2, das unter anderem besagt, dass man komplexe Zusammenhänge auch schriftlich darstellen kann. Genau daran hapert es oft. Laut Nicolaus dauert es im Schnitt fünf Jahre, um dieses Niveau zu erreichen.

Nach einem halben Jahr ist es schon zu spät

Geht es nach Frank-Jürgen Weise, würden Flüchtlinge mit einer hohen Wahrscheinlichkeit bleiben zu dürfen sofort nach ihrer Ankunft in Deutschland in Sprachkurse geschickt. „Nicht erst nach einem halben Jahr, das ist zu spät.“ Weise leitet sowohl das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als auch die Bundesagentur für Arbeit und ist damit so etwas wie Deutschlands oberster Flüchtlingsmanager. Er muss sich Gedanken machen, wie mittelfristig fast eine halbe Million Flüchtlinge in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren werden können. Offene Stellen sind dank der guten Konjunktur ja vorhanden, es hakt nur eben bei den Bewerbern: Sprache und Qualifikation sind häufig ungenügend. „Wir können nicht unsere Fachkräftelücke mit Flüchtlingen schließen“, warnt Weise vorsorglich. Die nötigen Bildungsinvestitionen in junge Flüchtlinge sind deutlich höher als bei deutschen Jugendlichen, sagt die Arbeitsagentur. Fünf bis sechs Jahre dauere es mindestens, um aus einem syrischen Flüchtling eine Fachkraft für einen deutschen Betrieb zu machen. Mittlerweile ist Ernüchterung in die Debatte eingekehrt. Sprach Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles zu Beginn der Flüchtlingswelle im Herbst noch von den „Fachkräften von morgen“, hat sich die Sozialdemokratin mittlerweile auf „übermorgen“ vertagt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tata Steel Bei Thyssen regt sich Widerstand gegen die Stahlfusion

Kaum bestätigen die Konzerne Gespräche, regt sich der erste Widerstand. Die Arbeitnehmervertreter fürchten um Standorte und Arbeitsplätze in Deutschland. Mehr

11.07.2016, 11:50 Uhr | Wirtschaft
Jobs für Flüchtlinge Große Worte, nichts dahinter?

Nicht nur die Bundeskanzlerin fordert eine schnelle Vermittlung von anerkannten Flüchtlingen in Jobs. Auch die Wirtschaft mischt sich ein – große Industrielenker wie Daimler-Chef Zetsche kündigen an, sich stärker zu engagieren. Lippenbekenntnisse gibt es reichlich. Doch was passiert tatsächlich? Wir haben bei allen 30 DAX Konzernen nachgehakt – die Ergebnisse sind bescheiden. Mehr

04.07.2016, 08:49 Uhr | Wirtschaft
Schwierige Stellensuche 131.000 arbeitslose Flüchtlinge

Noch immer gelingt nur wenigen Flüchtlingen eine erfolgreiche Stellensuche in Deutschland. Ihre Arbeitslosenquote liegt bei 44 Prozent, zeigen Juni-Zahlen. Gibt es Anzeichen, dass sich das zeitnah ändert? Mehr

16.07.2016, 13:09 Uhr | Wirtschaft
London Brexit erschüttert junge Finanzbranche

Der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU hat vielen jungen Firmengründern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mehr

03.07.2016, 15:50 Uhr | Wirtschaft
Axt-Attacke auf Regionalzug Zug-Attentäter reiste ungeprüft ein

Die Identität des Attentäters von Würzburg wurde hierzulande offenbar nie kontrolliert. Das überrascht nicht. Mehr Von Julian Staib und Albert Schäffer, München

21.07.2016, 21:21 Uhr | Politik

Gründung für die Finanzwelt Der Hedgefonds-Pionier ist noch nicht satt

Der ehemalige Investmentbanker Wolfgang Stolz lenkt Anlagegeld der Versicherer in die Realwirtschaft. Sein Unternehmen Prime Capital profitiert davon, dass Banken kaum noch langfristige Kredite vergeben. Mehr Von Hanno Mussler 13