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Veröffentlicht: 24.01.2013, 06:00 Uhr

Figurprobleme Karrierekiller Übergewicht

Figurprobleme sind eigentlich Privatsache. Aber wer zu viel auf die Waage bringt, hat oft Nachteile im Beruf. Das Thema ist in vielen Personalabteilungen tabu.

von Mareike Zeck
© Cyprian Koscielniak

Du hast aber abgenommen!“ Als Elke Schmitz nach drei harten Jahren endlich auf ihre alte Station zurückkehrte, konnten ihre Kollegen im Altenpflegeheim es gar nicht fassen: Die gelernte Krankenschwester, die in ihrer schwersten Zeit über 150 Kilo wog, hat mehr als 40 Kilo abgenommen. „Dass ich das vor allem dank einer Magenverkleinerung geschafft habe, habe ich auf der Station allerdings nicht erzählt“, gibt Elke in der vertrauten Umgebung ihrer Adipositas-Selbsthilfegruppe zu. Die anderen Teilnehmer verstehen das gut. Sie alle wissen, warum: Es ist wichtig, dass die Leute denken, Elke hätte es aus eigener Kraft geschafft.

Denn Übergewichtige gelten als faul und willensschwach. Auch wenn im Grunde jeder weiß, dass nicht jeder die ganze Zeit vor dem Fernseher liegt und Chips futtert, hat das Stereotyp im Unterbewusstsein vieler Leute Bestand. Sogar in den Köpfen von Personalentscheidern, obwohl diese in Sachen „Political Correctness“ besonders geschult werden. Wissenschaftler der Universität Tübingen haben 127 erfahrenen Personalentscheidern Bilder von Angestellten vorgelegt. Sie sollten den Personen Berufe und Positionen zuordnen. Den stark Übergewichtigen trauten die Befragten die prestigeträchtigen Berufe und Führungspositionen viel seltener zu als den schlanken Angestellten.

„Übergewichtige sind oft viel willensstärker als schlanke“

Am meisten trifft Elke und die anderen in der Selbsthilfegruppe das Vorurteil, sie seien einfach nur nicht willensstark genug, um abzunehmen. „Übergewichtige sind oft viel willensstärker als schlanke“, sagt Markus, der Programmierer, über 150 Kilo schwer. „Ich habe in meinem Leben schon tausendmal so viel abgenommen, wie jeder Schlanke“, bestätigt Elke. Doch sie nahm jedes Mal wieder zu, sogar mehr, als sie abgenommen hatte. Aufgegeben hat die 31 Jahre alte Frau trotzdem nie. Genau wie die anderen in der Selbsthilfegruppe. Ihr Alltag ist der beste Beweis für ihre Willensstärke: „Den Aufwand, den wir jeden Tag betreiben, allein um unser Gewicht zu halten, können sich die meisten gar nicht vorstellen“, sagt Markus, der drei- bis viermal die Woche aufs Laufband geht.

Schlanke können sich vieles gar nicht vorstellen. Linda, eine Bürokauffrau mit mehr als 120 Kilo, hat mehrere Wochen mit sich gerungen, bis sie sich traute, ihrem Chef zu sagen, dass die neuen Bürostühle mit den Lehnen für sie leider nicht geeignet sind. Ihrem Chef war das peinlich, ihr selbst noch viel mehr. Über starkes Übergewicht und die Folgen am Arbeitsplatz wird in den Unternehmen nicht gesprochen. Über Geschlechtergerechtigkeit oder Angestellte mit Migrationshintergrund, darüber werde im Bundesverband der Personalmanager viel diskutiert, sagt dessen Präsident Joachim Sauer. Aber Übergewicht? „Nein, das war bei uns noch nicht Thema.“

Den Personalern sind ihre Vorurteile oft nicht bewusst

Und auch die Forscher in Tübingen haben festgestellt: Bei Frauen und Migranten sind die Personalmanager schon dafür sensibilisiert, sich jeden Bewerber genau anzuschauen, bevor sie zu den üblichen Ablehnungsgründen greifen. Ihren Vorurteilen gegenüber Übergewichtigen sind sie sich dagegen nicht bewusst. Denn obwohl laut Betriebsärzteverband in einigen Branchen fast jeder vierte Angestellte krankhaft übergewichtig ist, haben die Betroffenen keine Lobby, weil sie über ihre Probleme nicht reden.

Wenn wieder eine neue Pulver-Diät auf den Markt kam, ging Elke Schmitz in den Keller. „Ich gehe mal eben die Post holen“, sagte sie dann zu den anderen Pflegerinnen im Altenheim und verzog sich in den Ankleideraum im Untergeschoss. Statt Mittagessen mit den anderen in der Kantine gab es einen Eiweißgetränk vor dem Spind. Die anderen haben nichts gemerkt. Auch nicht bei Klaus, der immer schon lange dasitzt, wenn für ihn im Elektrohandel eine Besprechung ansteht. „So vermeide ich, dass ich vor der versammelten Mannschaft herlaufen muss und die anderen für mich rücken müssen“, erzählt er in der Selbsthilfegruppe - als wäre das ganz selbstverständlich.

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