Home
http://www.faz.net/-gyl-75tmh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Figurprobleme Karrierekiller Übergewicht

 ·  Figurprobleme sind eigentlich Privatsache. Aber wer zu viel auf die Waage bringt, hat oft Nachteile im Beruf. Das Thema ist in vielen Personalabteilungen tabu.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Du hast aber abgenommen!“ Als Elke Schmitz nach drei harten Jahren endlich auf ihre alte Station zurückkehrte, konnten ihre Kollegen im Altenpflegeheim es gar nicht fassen: Die gelernte Krankenschwester, die in ihrer schwersten Zeit über 150 Kilo wog, hat mehr als 40 Kilo abgenommen. „Dass ich das vor allem dank einer Magenverkleinerung geschafft habe, habe ich auf der Station allerdings nicht erzählt“, gibt Elke in der vertrauten Umgebung ihrer Adipositas-Selbsthilfegruppe zu. Die anderen Teilnehmer verstehen das gut. Sie alle wissen, warum: Es ist wichtig, dass die Leute denken, Elke hätte es aus eigener Kraft geschafft.

Denn Übergewichtige gelten als faul und willensschwach. Auch wenn im Grunde jeder weiß, dass nicht jeder die ganze Zeit vor dem Fernseher liegt und Chips futtert, hat das Stereotyp im Unterbewusstsein vieler Leute Bestand. Sogar in den Köpfen von Personalentscheidern, obwohl diese in Sachen „Political Correctness“ besonders geschult werden. Wissenschaftler der Universität Tübingen haben 127 erfahrenen Personalentscheidern Bilder von Angestellten vorgelegt. Sie sollten den Personen Berufe und Positionen zuordnen. Den stark Übergewichtigen trauten die Befragten die prestigeträchtigen Berufe und Führungspositionen viel seltener zu als den schlanken Angestellten.

„Übergewichtige sind oft viel willensstärker als schlanke“

Am meisten trifft Elke und die anderen in der Selbsthilfegruppe das Vorurteil, sie seien einfach nur nicht willensstark genug, um abzunehmen. „Übergewichtige sind oft viel willensstärker als schlanke“, sagt Markus, der Programmierer, über 150 Kilo schwer. „Ich habe in meinem Leben schon tausendmal so viel abgenommen, wie jeder Schlanke“, bestätigt Elke. Doch sie nahm jedes Mal wieder zu, sogar mehr, als sie abgenommen hatte. Aufgegeben hat die 31 Jahre alte Frau trotzdem nie. Genau wie die anderen in der Selbsthilfegruppe. Ihr Alltag ist der beste Beweis für ihre Willensstärke: „Den Aufwand, den wir jeden Tag betreiben, allein um unser Gewicht zu halten, können sich die meisten gar nicht vorstellen“, sagt Markus, der drei- bis viermal die Woche aufs Laufband geht.

Schlanke können sich vieles gar nicht vorstellen. Linda, eine Bürokauffrau mit mehr als 120 Kilo, hat mehrere Wochen mit sich gerungen, bis sie sich traute, ihrem Chef zu sagen, dass die neuen Bürostühle mit den Lehnen für sie leider nicht geeignet sind. Ihrem Chef war das peinlich, ihr selbst noch viel mehr. Über starkes Übergewicht und die Folgen am Arbeitsplatz wird in den Unternehmen nicht gesprochen. Über Geschlechtergerechtigkeit oder Angestellte mit Migrationshintergrund, darüber werde im Bundesverband der Personalmanager viel diskutiert, sagt dessen Präsident Joachim Sauer. Aber Übergewicht? „Nein, das war bei uns noch nicht Thema.“

Den Personalern sind ihre Vorurteile oft nicht bewusst

Und auch die Forscher in Tübingen haben festgestellt: Bei Frauen und Migranten sind die Personalmanager schon dafür sensibilisiert, sich jeden Bewerber genau anzuschauen, bevor sie zu den üblichen Ablehnungsgründen greifen. Ihren Vorurteilen gegenüber Übergewichtigen sind sie sich dagegen nicht bewusst. Denn obwohl laut Betriebsärzteverband in einigen Branchen fast jeder vierte Angestellte krankhaft übergewichtig ist, haben die Betroffenen keine Lobby, weil sie über ihre Probleme nicht reden.

Wenn wieder eine neue Pulver-Diät auf den Markt kam, ging Elke Schmitz in den Keller. „Ich gehe mal eben die Post holen“, sagte sie dann zu den anderen Pflegerinnen im Altenheim und verzog sich in den Ankleideraum im Untergeschoss. Statt Mittagessen mit den anderen in der Kantine gab es einen Eiweißgetränk vor dem Spind. Die anderen haben nichts gemerkt. Auch nicht bei Klaus, der immer schon lange dasitzt, wenn für ihn im Elektrohandel eine Besprechung ansteht. „So vermeide ich, dass ich vor der versammelten Mannschaft herlaufen muss und die anderen für mich rücken müssen“, erzählt er in der Selbsthilfegruppe - als wäre das ganz selbstverständlich.

“Das eigene Gewicht ist etwas sehr Privates“, erklärt der Arbeitspsychologe Ulrich Schübel. Deswegen sollten Vorgesetzte und Kollegen immer vorsichtig sein, wenn sie das Thema ansprechen. Die meisten Betroffenen würden nicht gerne über ihr Übergewicht sprechen, schon gar nicht im Büro. „Einerseits, um ihr Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten, andererseits, weil sie wollen, dass ihre Leistung nicht vor dem Hintergrund ihres Übergewichts beurteilt wird.“

Gibt man einmal zu, dass man Probleme wegen seines Gewichts hat, müsse man immer aufpassen, sobald man im Beruf mal einen schlechten Tag hat - da sind sich alle in der Selbsthilfegruppe einig. „Öfter mal Obst und weniger Pommes“, hat mein Chef zu meiner Kollegin über mich gesagt, als ich diesen Winter zum zweiten Mal wegen einer Grippe gefehlt habe“, erzählt Lara, die Bürokauffrau. „Ganz logisch“, findet Ulrich Schübel das Verhalten des Chefs. Denn das sei nun mal das, was ein Vorurteil mit uns macht: „Wir haben von Übergewichtigen das Bild, dass sie häufiger krank sind, und deswegen nehmen wir Krankheiten bei stark Übergewichtigen überproportional häufig wahr.“

Platte Sprüche sind fehl am Platz

Auch wenn Lara vielleicht gar nicht öfter krank ist als andere Angestellte - weil die Statistik zeigt, dass Angestellte mit Adipositas öfter und vor allem länger krank sind als andere Angestellte, muss sie mit dem Vorurteil leben. Schübel meint, wichtig sei, dass sich die Vorgesetzten eines bewusstmachen: Ist er oder sie durch das Gewicht wirklich gesundheitlich beeinträchtigt, oder sind das meine Vorurteile? „Wenn man als Arbeitgeber dann ehrlich das Gefühl hat, dem Angestellten geht es nicht gut, dann sollte man das auch ansprechen“, sagt der Psychologe. Das gebiete schon allein die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für seine Beschäftigten.

Am besten sei, man formuliere es offen, sagt Schübel: „Ich mache mir Sorgen um Sie, denn ich möchte Sie als guten Angestellten nicht verlieren. Kann es sein, dass es Ihnen gesundheitlich nicht so gut geht?“ Dann kann der Angestellte von sich aus auf sein Gewicht zu sprechen kommen, er hat aber auch die Möglichkeit auszuweichen. Sprüche wie „Meinen Sie nicht, Sie sollten mal weniger essen“ seien nicht angebracht. Genau das ist es nämlich, was Elke und die anderen befürchten.

„Niemand ist glücklich damit, übergewichtig zu sein“

Als Frau kann Elke es nicht ändern, dass sie schlechtere Karrierechancen hat. Aber ihr Gewicht, das könnte sie ändern, sollte man meinen. Sie hat sich deswegen lange Vorwürfe gemacht: „Ich habe mir gesagt: Es kann doch nicht sein, dass du zu dumm bist, um abzunehmen.“

“Niemand ist glücklich damit, übergewichtig zu sein“, sagt Markus. Alle in der Selbsthilfegruppe gäben ihr Bestes, um abzunehmen. Aber manchmal reiche das nicht. Als Elke schließlich fast 150 Kilo wog, sagten die Demenzkranken auf der Station zu ihr: „Fass mich nicht an, du fette Kuh!“ Die alten Leute zu heben, die Treppen zu steigen, das ging irgendwann nicht mehr. Elke musste ihren Beruf aufgeben.

Neustart für den Körper

Nach der nächsten Pulver-Diät, nach der sie mehr wog als jemals zuvor, ging sie zum Arzt, um sich Hilfe zu holen. Was sie bekam, war Gewissheit: Ihr Stoffwechsel sei völlig verkümmert. Der Arzt sprach davon, man müsse ihren Körper „resetten“ - quasi einen Neustart machen wie beim Computer. Er meinte eine Magenoperation. „Meine größte Angst war, dass auch danach alles so bleibt, dass auch der letzte Ausweg scheitert und ich aufgeben muss“, sagt Elke. Aber der unbedingte Wille war stärker als die Angst.

Offiziell hat Elke ihren Beruf damals wegen ihrer Kinder aufgegeben - um sich mehr um sie kümmern zu können. Dass es an ihrem Gewicht lag, dass sie drei Jahre lang nicht arbeiten konnte, wissen nur ihre engsten Vertrauten und die Freunde aus der Selbsthilfegruppe. Und auch von der Operation wird sie den Kollegen so schnell nicht erzählen, jetzt da sie mit 40 Kilo weniger endlich zurück ist. Sie braucht die Anerkennung nach all den Jahren.

(======================= Linkliste =======================)

Keine Pflicht zum Sport

Gute Ratschläge darf der Arbeitgeber erteilen, mehr aber auch nicht. Schon der Schutz der Menschenwürde verhindere, dass ein Unternehmen in das Privatleben der Mitarbeiter hineinregiere, sagt Tobias Neufeld, Arbeitsrechtler der Kanzlei Allen & Overy. Ganz im Gegenteil: Hat der Mitarbeiter als Folge der Fettleibigkeit Diabetes, muss der Betrieb ihm als Schwerbehindertem einen „leidensgerechten Arbeitsplatz“ anbieten. Allerdings kann Arbeitnehmern mit Leibesfülle gekündigt werden, wenn sie ihre Arbeit nicht mehr leisten können: So geschehen bei einem Bademeister, der niemanden mehr retten konnte, oder dem Busfahrer, bei dem die Gefahr eines plötzlichen Herzinfarktes drohte. Besonders häufig beschäftigen sich Gerichte übrigens mit Fällen von abgelehnten Bewerbern für die Beamtenlaufbahn. (cbu.)

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel