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Serie „Versetzt nach ...“ Im Land der Perfektionisten

01.08.2010 ·  Mit einer Mischung aus Bewunderung und Verwunderung erleben Deutsche ihre Wahlheimat Tokio. Teil 4 unserer Sommerserie.

Von Carsten Germis
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Wenn Anna Prinz aus der Verandatür ihrer Wohnung tritt, steht sie in einem der schönsten japanischen Gärten in Tokio. Vor rund 100 Jahren von einem Kaufmann angelegt, gehört der Garten heute zum Gelände der deutschen Botschaft. Inmitten der lauten Großstadt sind die Botschaft und ihr Garten so etwas wie eine Oase der Stille. Anna Prinz ist die Gesandte der Bundesrepublik Deutschland in Japan - und damit nach dem Botschafter die wichtigste deutsche Diplomatin in dem ostasiatischen Land. Nach Tokio wurde sie 2008 versetzt, bis ins kommende Jahr wird sie wohl auf ihrem Posten bleiben.

Für Diplomaten wie Anna Prinz gehört es zum Berufsalltag, alle paar Jahre an einem anderen Ort der Welt eingesetzt zu werden. Eine tiefe Sehnsucht nach Japan - von der viele der deutschen Expats mit leuchtenden Augen in Tokio berichten - hatte sie nicht. Die selbstbewusste Frau wusste schon früh, dass sie "irgendetwas arbeiten wollte, das mit dem Ausland zu tun hat". Als Abiturientin ging sie kurzerhand in die Zentrale des Tourismuskonzerns Tui. "Ich würde gern den Personalchef sprechen", sagte sie dem überraschten Pförtner. Bald darauf betreute Prinz für Tui das Kulturprogramm in Leningrad. Hier hatte sie erstmals Kontakt zu einer deutschen Botschaft. "Und da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass die Arbeit als Diplomatin meinen Interessen am nächsten kommt." Sri Lanka, Rumänien und Indonesien sind die bisherigen Stationen ihrer Karriere beim Auswärtigen Amt.

Die selben Fragen, aber andere Antworten

Zwar ist die Gesandte, die neben Englisch, Französisch und Italienisch auch Russisch und Rumänisch spricht und Polnisch zumindest gut verstehen kann, besonders an Russland und Osteuropa interessiert, aber für Japan empfindet sie nach fast zwei Jahren eine Mischung aus Be- und Verwunderung. "Japan ist ein Land, das viele Probleme genauso hat wie Deutschland", sagt sie. Die Überalterung der Gesellschaft, die Bildungsverlierer, die exportorientierte Industrie unter Globalisierungsdruck. "Und oft haben die Japaner ganz andere Antworten als wir." Was sie bewundert ist, dass Japaner sich richtig für eine Sache begeistern können. "Wenn Japaner etwas mögen, wenn sie sich ernsthaft mit etwas beschäftigen, dann gehen sie mit einer Begeisterung und Perfektion an die Sache, die mich beeindruckt", sagt Prinz.

Ganz anders als Anna Prinz, für die Tokio eine Stufe auf der Karriereleiter des Auswärtigen Amtes ist, wusste Heinrich Menkhaus schon früh, dass Japan seine zweite Heimat werden würde. Der Juraprofessor unterrichtet an der Meiji-Universität in Tokio Deutsches Recht. Das japanische Rechtssystem hat seit dem 19. Jahrhundert viel aus Deutschland übernommen. Für die Jura-Studenten an der Meiji-Universität sind Menkhaus' Vorlesungen deshalb durchaus spannend. Japanisch hat Menkhaus in den vergangenen Jahrzehnten so gut gelernt, dass er in der Sprache auch unterrichten kann.

„Manchmal ist es mir hier einfach zu voll“

Seine Beziehung zu dem Land hat ihre Wurzeln schon in der Zeit, in der Menkhaus noch in Münster Rechtswissenschaften studierte. Als Mitarbeiter am Institut für Internationales Wirtschaftsrecht hatte er damals zufällig eines der größten Arbeitszimmer. Eines Tages kam sein Chef und sagte: "Hier kommt jetzt ein Japaner mit rein." Der Japaner hat Menkhaus am Ende nach Japan geholt. Als Student war Menkhaus 1980 zum ersten Mal in dem ostasiatischen Land, als Rechtsreferendar arbeitete er 1984/85 bei der deutschen Auslandshandelskammer, und von 1987 an studierte er japanisches Recht an der Chuo-Universität.

Nach einem Zwischenspiel als Leiter eines Instituts für Japanforschung in Marburg ist Menkhaus seit zwei Jahren abermals in Tokio. "Für mich ist das mittlerweile so etwas wie die zweite Heimat", sagt er. "Mich fasziniert hier das, was ich in der Bundesrepublik immer häufiger vermisse, zum Beispiel, dass man sich auf eine Aussage auch hundertprozentig verlassen kann." Was ihm in seiner zweiten Heimat auf die Nerven geht? Menkhaus blickt auf die Hauptstraße: "Manchmal ist es mir hier einfach zu voll." Aber das gehe vielen Japanern genauso.

Im Herbst kommt die Familie nach

Den Bankmanager Andreas Schwung reizt gerade das Weltstädtische an Japans Hauptstadt. "Das Kulturangebot ist hier in Tokio so vielfältig, wie ich es zuletzt in New York gesehen habe", sagt er. Der Reiz beginnt morgens schon, wenn Schwung sein Büro im 40. Stockwerk betritt. Dann sieht er von seinem Schreibtisch aus den Tokio-Tower, eine der Sehenswürdigkeiten der asiatischen Metropole. Schwung ist erst seit einigen Wochen in Tokio und leitet die Niederlassung der Commerzbank. Die Bank bedient deutsche Unternehmen, die in Japan aktiv sind, sowie japanische Unternehmen, die in Deutschland aktiv sind. Rund 50 Mitarbeiter hat die Commerzbank in Tokio, die meisten von ihnen sind Japaner. "Reizvoll ist, dass ich hier in ein Land komme, in dem die Strukturen gar nicht so anders sind als in Deutschland, das aber kulturell ganz anders ist."

„Verstehen, wie die Japaner ticken“

Die Commerzbank hat Schwung erstmals 1996 ins Ausland geschickt. Firmenbetreuer in New York war er damals. Seitdem war er in Moskau, in Schanghai und jetzt in Tokio. "Ich habe mir damals die Commerzbank auch deswegen ausgesucht, weil ich bei einer internationalen Bank arbeiten wollte", sagt er. Im Ausland zu leben, darauf hat er sich immer eingestellt, auch wenn das manchmal für die Familie anstrengend ist. Drei Kinder hat Schwung, nach Tokio folgt ihm die Familie im Herbst.

Der Manager beschäftigt sich derweil intensiv mit seiner neuen Heimat. In der freien Zeit durchstreift er die Stadt, lernt Japanisch und arbeitet sich durch das fast 900 Seiten dicke Buch "The Making of Modern Japan" des Harvard-Geschichtsprofessors Marius Jansen. "Ich möchte verstehen, wie die Japaner ticken, wie sie denken", sagt er. Seine Wurzeln bleiben aber trotz der vielen Auslandsaufenthalte und der Faszination, die Tokio auf ihn ausübt, weiter in Deutschland. "Ich gehöre nicht zu denen, die jetzt unbedingt die besseren Japaner werden wollen."

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