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Veröffentlicht: 28.01.2013, 14:00 Uhr

Kolumne „Expat“ Zwischen Zuckerl und Fluchtachterl

Die Sprache der Österreicher lebt von der Verkleinerungsform. Was dem Deutschen sein -lein und -chen ist, ist dem Österreicher sein -erl und -li.

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© Rainer Wohlfahrt / F.A.Z. Fluchtachterl - so nennt man hierzulande das letzte Glas Wein vor dem Aufbruch.

Wer in Österreich lebt, muss sich mit dem Diminutiv auseinandersetzen. Die Sprache der Alpennation lebt von der Verkleinerungsform. Klar wird das spätestens beim Kulinarischen. Bonbons sind zwischen Wien und Bregenz Zuckerln. Entsprechend gibt es Zuckerlgeschäfte, wo Kinder glänzende Augen bekommen angesichts der süßen Versuchungen. Was dem Deutschen sein -lein und -chen ist (Schätzchen), ist dem Österreicher sein -erl und -li. Der Österreicher ver-erlt gerne alles und jeden. Ob Krautfleckerl, Schinkenfleckerl, Grießnockerl und schließlich Salzburger Nockerl, ob Schnitzerl oder Backhenderl, ob Kipferl und Fluchtachterl (das letzte Glas Wein vor einer Verabschiedung). Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die andern reden, hätte der österreichische Dramatiker Grillparzer vermutlich süffisant angemerkt.

Michaela Seiser Folgen:

“Dem Hunderl sein Gackserl“ klingt jedenfalls anders Hundekot. Ähnlich wirkt die Gegenüberstellung der hochdeutschen Tüte und des österreichischen Sackerls. Bei Sympathiebekundungen, die einem der Österreicher zuteil werden lässt, setzt sich der Hang zum Verkleinern fort: Mausi, Pupperl, Zwergerl und Bärli. Skepsis ist hier jedoch geboten, wenn man die Intonation in die Beobachtungen miteinbezieht. Ein langgezogenes -iiiileiiiiiiin am Ende mit kreischendem Tonfall ist selten ein Zeichen des Wohlwollens, sondern dient vielmehr oft als Entschärfung der Eskalation in einem Diskurs. Je nach Verbundenheit und Herzlichkeit werden auch andere Nachsilben für die Verniedlichung herangezogen. Es ergibt sich eine Steigerung nach dem Prinzip: Je mehr Silben angehängt werden, umso größer ist die Zuneigungsbekundung. Der Komponist Gustav Mahler hat das meisterhaft beherrscht, wenn er seine nicht nur von ihm vergötterte Frau Alma mit Almschilili titulierte.

Die Österreicher sind recht flexibel, wenn sie das Diminutiv einsetzen. In seiner Mehrdeutigkeit ist es nahezu grenzenlos anwendbar. Das -erl ist nicht dazu da, um Enthusiasmus auszudrücken, Wohlwollen, ja - aber in Maßen. Es ist nicht der Freund des Rufzeichens, sondern ein Ausgleicher, ein Relativierer. Somit ist das Gute niemals nur gut, dafür aber das Schlechte auch nur relativ schlecht. Allerdings ist das Schlechte schlechter, als das Gut jemals gut sein kann, insofern ist das -erl eher pessimistisch. Wer auf dem Vorarlberger Dreitausender Piz Buin in der Gipfelpassage den sogenannten Kamin durchsteigt, muss befürchten stecken zu bleiben, weil es sich angeblich nur um den Kaminli (die Vorarlberger bevorzugen die Verkleinerungsform -li statt -erl) handelt.

Quelle: F.A.Z.

 

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