http://www.faz.net/-gyl-75tmp

Kolumne „Expat“ : Zwischen Zuckerl und Fluchtachterl

Fluchtachterl - so nennt man hierzulande das letzte Glas Wein vor dem Aufbruch. Bild: Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.

Die Sprache der Österreicher lebt von der Verkleinerungsform. Was dem Deutschen sein -lein und -chen ist, ist dem Österreicher sein -erl und -li.

          Wer in Österreich lebt, muss sich mit dem Diminutiv auseinandersetzen. Die Sprache der Alpennation lebt von der Verkleinerungsform. Klar wird das spätestens beim Kulinarischen. Bonbons sind zwischen Wien und Bregenz Zuckerln. Entsprechend gibt es Zuckerlgeschäfte, wo Kinder glänzende Augen bekommen angesichts der süßen Versuchungen. Was dem Deutschen sein -lein und -chen ist (Schätzchen), ist dem Österreicher sein -erl und -li. Der Österreicher ver-erlt gerne alles und jeden. Ob Krautfleckerl, Schinkenfleckerl, Grießnockerl und schließlich Salzburger Nockerl, ob Schnitzerl oder Backhenderl, ob Kipferl und Fluchtachterl (das letzte Glas Wein vor einer Verabschiedung). Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die andern reden, hätte der österreichische Dramatiker Grillparzer vermutlich süffisant angemerkt.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          “Dem Hunderl sein Gackserl“ klingt jedenfalls anders Hundekot. Ähnlich wirkt die Gegenüberstellung der hochdeutschen Tüte und des österreichischen Sackerls. Bei Sympathiebekundungen, die einem der Österreicher zuteil werden lässt, setzt sich der Hang zum Verkleinern fort: Mausi, Pupperl, Zwergerl und Bärli. Skepsis ist hier jedoch geboten, wenn man die Intonation in die Beobachtungen miteinbezieht. Ein langgezogenes -iiiileiiiiiiin am Ende mit kreischendem Tonfall ist selten ein Zeichen des Wohlwollens, sondern dient vielmehr oft als Entschärfung der Eskalation in einem Diskurs. Je nach Verbundenheit und Herzlichkeit werden auch andere Nachsilben für die Verniedlichung herangezogen. Es ergibt sich eine Steigerung nach dem Prinzip: Je mehr Silben angehängt werden, umso größer ist die Zuneigungsbekundung. Der Komponist Gustav Mahler hat das meisterhaft beherrscht, wenn er seine nicht nur von ihm vergötterte Frau Alma mit Almschilili titulierte.

          Die Österreicher sind recht flexibel, wenn sie das Diminutiv einsetzen. In seiner Mehrdeutigkeit ist es nahezu grenzenlos anwendbar. Das -erl ist nicht dazu da, um Enthusiasmus auszudrücken, Wohlwollen, ja - aber in Maßen. Es ist nicht der Freund des Rufzeichens, sondern ein Ausgleicher, ein Relativierer. Somit ist das Gute niemals nur gut, dafür aber das Schlechte auch nur relativ schlecht. Allerdings ist das Schlechte schlechter, als das Gut jemals gut sein kann, insofern ist das -erl eher pessimistisch. Wer auf dem Vorarlberger Dreitausender Piz Buin in der Gipfelpassage den sogenannten Kamin durchsteigt, muss befürchten stecken zu bleiben, weil es sich angeblich nur um den Kaminli (die Vorarlberger bevorzugen die Verkleinerungsform -li statt -erl) handelt.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Deswegen rückt Österreich nach rechts Video-Seite öffnen

          Analyse der Parlamentswahlen : Deswegen rückt Österreich nach rechts

          Der Wahlkampf in Österreich hatte mehr Gesichter als Themen. Das spiegelt sich auch im Ergebnis wider. Worauf fußt der Erfolg der ÖVP – und wen haben die Österreicher gewählt, die ihr Land ungerecht finden? Die FAZ.NET-Wahlanalyse.

          Das war ganz bestimmt kein „Zuckerl“

          Airbus wehrt sich : Das war ganz bestimmt kein „Zuckerl“

          Gegen Airbus werden Korruptionsvorwürfe laut. Peter Gauweiler soll’s jetzt richten und wehrt sich. Er beklagt „Missbrauch der Staatsgewalt“ durch Österreich. Und prüft eine Amtshaftungsklage gegen den dortigen Verteidigungsminister.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.