http://www.faz.net/-gyl-71zst

Kolumne „Expat“ : Zu Hause in der Tube

Londoner Tube: Allzu oft wird’s allzu eng. Bild: dpa

Die U-Bahn ist vielen Londonern Frühstücksraum und Badezimmer zugleich. Orangen schälen, Lidstrich ziehen, selbst der Einsatz von Zahnseide wurde schon gesichtet. Dabei gilt eigentlich die eiserne Regel: nicht reden, nicht starren.

          Wer in London lebt, hat gewöhnlich zwei Zuhause: seine Wohnung und die Tube. Mehr als acht Millionen Einwohner zählt die britische Metropole mittlerweile, und es werden immer mehr. Das macht Wohnraum dort zu einem der teuersten der Welt und den Weg zur Arbeit zu einem der längsten. Wohl dem, der sich schon frühzeitig mit den Feinheiten der Tube auseinandersetzt, Londons weitläufigem U-Bahn-System.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die Jubilee-Linie zum Beispiel ist für ihre Signalstörungen und die daraus resultierenden Verspätungen berüchtigt, die Circle-Linie für ihr Schneckentempo. Wer in der Nähe dieser Linien Quartier bezieht, sollte morgens ein entspanntes Gemüt haben - oder einen entspannten Arbeitgeber. Erfahrene Londoner empfehlen dagegen etwa die von Nord nach Süd verlaufende Victoria-Linie, deren Züge im Vergleich zu den anderen geradezu durch die Stadt rauschen.

          So kommt es, dass inzwischen selbst so mancher Akademikerhaushalt nach Brixton zieht, obwohl dieses Viertel im Süden Londons bis vor kurzem noch als sozialer Brennpunkt und Unruheherd verschrien war. Heute ist Brixton immer noch ein ordentliches Stück davon entfernt, eine angesagte Gegend zu sein, aber lange kann es nicht mehr dauern, denn logistisch betrachtet ist es unschlagbar: Dort beginnt die Victoria-Linie, was dazu führt, dass meistens noch jeder einen Sitzplatz bekommt, während schon eine Station später in Stockwell das übliche sardinenbüchsenartige Gequetsche einsetzt.

          Wegen der mitunter weiten Pendelstrecken haben sich viele Londoner angewöhnt, einen Teil ihrer morgendlichen Verrichtungen von der Wohnung in die Tube zu verlagern, um nicht noch früher aufstehen zu müssen. Mit einem Kaffeebecher von Caffe Nero, der allgegenwärtigen Kaffeehauskette, und einer langsam durchfettenden Muffintüte geht es Richtung Untergrund, wo sich jeder noch schnell aus einem der mannshohen Kästen ein Exemplar der Gratiszeitung „Metro“ fischt. Derart ausgerüstet, wird sich in der Tube - wenn möglich im Sitzen, ansonsten eben an einer Stange klammernd - häuslich eingerichtet. Orangen schälen, Joghurts löffeln, alles eine Frage der Balance.

          Nach Frühstück und Zeitungslektüre zücken die Frauen ihr Schminktäschchen und ziehen angesichts des steten Gerumpels durch das Tunnelsystem erstaunlich zielsicher Lidstriche und Lippenkonturen nach. Bleibt genügend Zeit, kommt mitunter auch noch die Nagelfeile zum Einsatz - willkommen im öffentlichen Badezimmer. Selbst der Einsatz von Zahnseide wurde in der Tube schon gesichtet.

          Das alles löst unter den Umstehenden keinerlei Erstaunen oder gar Unmutsbekundungen aus, weil in der Tube zwei eiserne Regeln gelten. Erstens: Es wird nicht gesprochen außer einem genuschelten „Sorry“ beim unvermeidlichen Körperkontakt. Zweitens: Es wird nicht gestarrt, höchstens in die Zeitung oder ins Leere, aber keinesfalls in ein fremdes Gesicht. Ein bisschen Privatsphäre muss schon sein - man ist ja schließlich zuhause.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Zuhause im Wolkenkuckucksheim Video-Seite öffnen

          Neue Häuser : Zuhause im Wolkenkuckucksheim

          Ein Haus, in dem Urlaubsstimmung aufkommt und das trotzdem alltagstauglich ist: Eine Familie aus dem Schwarzwald hat sich ihre Wohnwünsche erfüllt – mit einem Architekten aus London.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Geschickter Händler: AfD-Abgeordneter Peter Boehringer

          Peter Boehringer : Goldjunge der AfD

          Peter Boehringer soll Vorsitzender des Haushaltsausschusses werden. Der Abgeordnete gilt als geschickter Finanzfachmann – besonders wenn es um Gold geht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.

          Folgende Karrierechanchen könnten Sie interessieren: