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Kolumne „Expat“ Volle Dröhnung in London

Laute Musik gehört in vielen Londoner Modeläden zur Geschäftspolitik dazu. Kein Wunder: Studien zeigen, dass die Kunden dabei die Konzentration aufs Wesentliche verlieren und ihr Kaufverhalten ändern.

© Lucas Wahl / F.A.Z. Mode mit Musik: In Deutschland ist das nur etwas leiser erlaubt.

Es ist nicht sofort verständlich, ob die neuen Sportschuhe der Tochter nun passen oder nicht. Die Musik im Geschäft von JD Sports ist so ohrenbetäubend laut, dass von der Tochter kein Wort zu verstehen ist. Mehr über Zeichensprache als über anständige Kommunikation begreift die Mutter schließlich, dass es wohl die richtige Schuhgröße ist, und zahlt an der Kasse. „Ich halte es auch nicht mehr aus“, schluchzt die junge Studentin hinter der Kasse. „Und ich muss mir das den ganzen Tag anhören. Beschweren dürfen wir uns nicht. Ich habe jeden Abend Kopfschmerzen.“ Mutter und Tochter verlassen danach fluchtartig den Laden.

Weiter geht’s. Dieses Mal zu Hollister. Da dröhnt die Musik noch lauter, ist in der dunklen Disko-Atmosphäre kaum etwas zu erkennen, es sei denn der nackte Bauchnabel von in Strandkleidung gesteckten Teenagern, die die T-Shirts zusammenfalten und das Surf-Image der Kette verkörpern. Die Mutter überwindet sich und folgt der Tochter in die dunkle Höhle des Jugendkommerzes. Kommunikation hat hier keinen Zweck. Man könnte sich nur anschreien.

Keine Konzentration mehr

„Ich kann es auch nicht mehr hören. Außerdem ist es den ganzen Tag dieselbe Musik“, stöhnt der junge Kassierer. „Aber selbst wenn sich die Kunden beschweren, dürfen wir nicht leiser stellen. Das ist hier die Politik vom Management.“ Die gleiche Antwort gibt es bei Gilly Hicks, Abercrombie & Fitch, Jack Wills und bei Läden wie Tiger, oft auch Gap und ähnlichen Jugendläden. Spätestens beim dritten Geschäft geben die Eltern entnervt auf und lassen die Jugendlichen allein einkaufen - höchstwahrscheinlich exakt das, worauf die Verkaufspolitik des Jugendkommerzes letztendlich ausgerichtet ist.

Untersuchungen an der Universität Illinois haben ergeben, dass bereits ein Musikpegel von 70 Dezibel ausreicht, um einen Kunden so abzulenken, dass er sich nicht mehr richtig konzentrieren kann und sein Einkaufsverhalten ändert. Die Musik in vielen Jugendläden in London ist vergleichbar mit einer Lautstärke von Diskotheken, deren Musikpegel deutlich über 70 Dezibel liegt. In den Londoner Shops ist es Jugendlichen ab 16 Jahren erlaubt zu arbeiten, und sie tun dies stundenlang.

Den Spieß umgedreht

In Deutschland ist dagegen nach der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung ab 80 Dezibel bereits Gehörschutz zu empfehlen und ab 85 Dezibel sogar vorgeschrieben. Wer sich geistig konzentrieren will, braucht an seinem Arbeitsplatz Ruhe mit maximal 55 Dezibel, für hochgeistige Arbeit gar nur 35 bis 34 Dezibel. Ab 70 Dezibel können auf Dauer gesundheitliche Beeinträchtigungen auftreten wie nervöse Störungen, bei Diskotheken-Lärm ab 90 Dezibel können langfristig Gehörschäden entstehen.

Das Londoner Luxuskaufhaus Selfriges hat in dem ganzen Getöse nun allerdings eine Marktlücke entdeckt und dreht den Spieß einfach um. Dort gibt es seit Anfang des Jahres endlich eine ausgewiesene Ruhezone, in der die Kundinnen sogar ihre Schuhe ausziehen und ihre Mobiltelefone abgeben müssen. Zu der Zone gehört der „Quiet-Shop“, in dem Kleidung ohne Markennamen angeboten wird, damit sich die Kundin nun also in Ruhe auf ihre wirklichen Einkaufswünsche konzentrieren kann - und nicht kurzerhand von unpassender Musik wieder aus dem Geschäft gejagt wird.

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Quelle: F.A.Z.

 
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