London ist eine multikulturelle Stadt. Meist verhilft die der Stadtbevölkerung eigene Toleranz zum friedlichen Beisammensein. Die bewahren sich die Londoner selbst im Park, allen voran im Richmond Park. Es ist der wohl einzige Stadtpark der Welt, in dem Autofahrer, Radfahrer, Wanderer, Hundeliebhaber, Hirsche, Füchse, Rugby-Spieler, Reiter und Familien mit Kleinkindern beim Picknick ohne Zaun und ohne Ärger den Spätsommer miteinander genießen können. Da lassen Wanderer wenige Meter von Hirschen entfernt ihren Labrador frei laufen; da galoppieren Reiter auf Spazierwegen an Eltern und ihren Kleinkindern vorbei; da schnurren Rennradfahrer in Hochgeschwindigkeit durch den Park, brausen Mountainbike-Fahrer durch den Wald, tragen Rugby-Teams ihre Wettkämpfe in der Nähe des Dammwilds aus.
Nachts wird der Park geschlossen. Dann rufen die Käuze durch die Stille, und es gleiten neun unterschiedliche Arten von Fledermäusen durch die Luft - der Richmond Park ist ein seltenes Naturschutzgebiet. Seine Hirschkäfer sind bisweilen noch in den umliegenden Gärten zu finden, und schon lange haben sich die Anwohner an die Schwärme grüner Papageien gewöhnt, die im Herbst aus den Buchen mit ihren nahrhaften Bucheckern aufsteigen. Die Papageien vermehren sich „wie die Karnickel“; sie wurden schon in der Kolonialzeit eingeführt, immer wieder freigelassen und paaren sich nun in den englischen Parks mit großem Erfolg. Ihr schrilles Geschrei ist in allen grünen Oasen Londons zu hören. Aber vor allem sind sie im Londoner Süden zu finden, am Stadtrand zu Surrey, wo der Richmond Park liegt. Wissenschaftliche Schätzungen besagen, dass hier etwa 20.000 Papageien leben. Bei Sonnenuntergang erinnert der Park mit seinen Klängen mehr an einen subtropischen Garten in Indien als an einen nordmitteleuropäischen Eichenwald.
Die Londoner lieben ihren Richmond Park, dessen Palast die Könige im Mittelalter erbauen ließen, um dort der in London wütenden Pest zu entkommen. Heute suchen die Stadtbewohner dort ihre Ruhe, und wenn es den Hirschen einmal zu viel wird, verschaffen sie sich Respekt - vor allem jetzt im Oktober und November, der Brunftzeit des Rotwildes. In dieser Zeit haben die Platzhirsche äußert schlechte Laune. Ihr Röhren ist in der Abendruhe selbst in der Umgebung des Parks noch gut zu hören, und wehe, Spaziergänger, Hunde oder Pferde nähern sich einem um sein Rudel kämpfenden Vierzehnender! In der Regel reicht eine Drohgebärde des Hirsches mit seinem mächtigen Geweih, und jeder Hund ergreift mit eingeklemmtem Schwanz die Flucht.
Dennoch: Auf das Herbstspektakel der Brunft warten die Parkliebhaber, Touristen und Fotografen. Nicht selten tragen zwei ausgewachsene Zwölfender ihren Zweikampf mit krachendem Geweih aus, während Fotografen in der Nähe die Machtgebärden der Platzhirsche festhalten, Kinder über das Naturschauspiel staunen und sich der Labrador derweil ruhig im Gras ausruht.
