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Kolumne „Expat“ Krisenabwehr im Dreivierteltakt

12.12.2011 ·  Opernball statt Fußball: Es scheint ganz so, als ob die Österreicher die Krise im Dreiviertel-Takt der Walzerseligkeit abwehren wollten.

Von Michaela Seiser
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© AP Der Wiener Opernball - von oben

Was in anderen Ländern der Fußball ist, sind in Österreich der Opernball und andere Tanzfeste. Selbst in der Krise scheint es, als ob die Bewohner zwischen Wien und Bregenz die Krise im Dreiviertel-Takt der Walzerseligkeit abwehren wollten. Noch üben die Eleven für die Ballsaison, die zu Silvester traditionell mit dem Kaiserball in der Hofburg beginnt. Dann folgt ein Marathon des bisweilen an Zwangstaumel erinnernden Zeitvertreibs.

Zum Ballvergnügen gehören elegante Anlässe der Saison wie der Ball der Wiener Philharmoniker, Technikercercle und der Exportschlager Opernball genauso wie die als „Gschnas“ bezeichneten Maskenfeste. Es muss aber nicht immer Walzer im Dreivierteltakt sein, auch Salsa und andere lateinamerikanische Tänze sind mittlerweile Garanten für rauschende Ballnächte. Mit ein wenig Taktgefühl und einer schicken Garderobe vermittelt auch ein improvisierter „L’Amour-Hatscher“ - ein langsames Liebeslied, zu dem auch getanzt wird - getanzte Sinnlichkeit. In der Ball-Metropole Wien feiern sich die Siebenbürger Sachsen im „Ball der Heimat“, aber das vielgerühmte goldene Herz der Stadt hat Platz auch für die Bälle der Zünfte.

Im Kreis der besonderen Veranstaltungen stehen die Bälle der „Jäger“ und „Kaffeesieder“ in Konkurrenz zum „Cercle der Techniker“. Schließlich ist der Wettlauf zwischen dem „Ball der Wiener Philharmoniker“ und dem Opernball erwähnenswert. Dort lassen sich gut Geschäfte abschließen, wie der Aufmarsch an geballter Wirtschaftsprominenz auch in flauen Zeiten beweist. Für den langjährigen Direktor der Oper, Ioan Holender, ist es ein Ball für die Künstler. Dies mahnte der mittlerweile Ausgeschiedene immer dann an, sobald ihm das niveauvolle Betriebsfest durch unstandesgemäße Gesellschaft in die Untiefen des Boulevards entglitten ist.

Als Hauptsündenbock der unfeinen Entwicklung gegen sein Reinheitsgebot gilt der Wiener Baumeister und Gesellschaftslöwe Richard Lugner. Von diesem Selbstdarsteller und anderen profitieren viele Unternehmen. Denn zur Ausgabe der Ballkarte kommen deutlich größere Beträge für Kleidung, Konsumation oder Friseur. Der Opernball nimmt dabei eine Sonderstellung ein und wird inzwischen in vielen anderen Städten der Welt nachgeahmt. Erstmals 1877 abgehalten, geht er eigentlich auf die Zeit des Wiener Kongresses 1814/15 zurück und steht alljährlich schon lange vor dem Tag im Blickpunkt der österreichischen Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Höhepunkt. Angesichts dieser Entwicklung ist noch immer das Aperçu zutreffend, das vor fast 200 Jahren Eingang in die Weltgeschichte gefunden hat: Der Wiener Kongress tagt nicht, er tanzt.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

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