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Kolumne „Expat“ Gehen wie die Madrilenen

 ·  Ein Gehsteig in Madrid ist wie ein zu enger Büroflur. Er provoziert Machtkämpfe aller Art. Die Madrilenen zeigen, wie man sich durchsetzt.

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Die Madrilenen können – wie der einheimische Schriftsteller Javier Marías scharf beobachtet hat – nicht geradeaus gehen. Sie schwanken, tänzeln oder stöckeln auf dem Gehsteig beständig nach rechts oder links, so dass bei begrenzter Breite ein Überholvorgang zum Kunststück wird.

Weil sie dazu meist laut in ein Handy sprechen, hören sie natürlich nicht, wenn von hinten ein vorsichtiges „perdón“ kommt. Und wenn sie, was häufig vorkommt, sowohl telefonieren als auch ihren Hund an langer Leine laufen lassen, hören sie nichts und blockieren mit ihrem Liebling dazu noch das ganze Trottoir.

Wenn man sich indes den Madrilenen von vorne nähert, gehen sie unvermittelt direkt auf einen zu, schauen einem dabei herausfordernd ins Gesicht und weichen bis zur letzten Zehntelsekunde um keinen Millimeter von ihrem Kurs ab. Die Ausländer geben gewöhnlich als Erste nach.

Doch einmal beobachtete der Chronist auf der Gran Vía, dem sogenannten Broadway der spanischen Hauptstadt, ein junges britisches Muskelpaket, das von dieser lokalen Gewohnheit so aufgereizt war, dass es mit der Miene eines Terminators und einem mit vorgeschobenen Schultern laut vorgebrachten „Excuse meeeeeh!“ über mehrere hundert Meter geradeaus stürmte. Weil die Einheimischen nicht damit rechneten, dass er es wirklich krachen lassen würde, zogen sie bald verblüfft in Serie den Kürzeren.

Wenn der Madrilene nicht geht, dann bleibt er vorzugsweise abrupt und ohne erkennbaren Anlass in der Mitte des Gehsteigs stehen, als sei er dort angewurzelt. So muss jedermann um ihn einen Bogen machen, und wenn weder links noch rechts Platz ist, bleibt oft nur noch die Straße, wo ein Blick nach unten zeigt, dass hier noch regerer Hundeverdauungsdurchgangsverkehr herrscht als einen Kantstein höher. Sogar die Kinder lernen früh, niemandem aus dem Weg zu gehen und sich zu Fuß, mit den Rollschuhen, dem Dreirad oder dem Rollbrett zu behaupten.

Vor Schulen, Hotels oder Bürogebäuden bilden sich seit Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes mehrmals am Tage rauchende Pulks von Pausengruppen, die den Gehsteig als persönliche Eroberung betrachten und daher keine Anstalten machen, andere Passanten freiwillig vorbeigehen zu lassen. Dabei sind Letztere vielleicht noch nicht einmal einem echten Madrider „Chulo“ (süddeutsch: Strizzi) begegnet. Diese Spezies pflegt einem mit der Bemerkung auf die Zehen zu treten: „Was machen Sie da bloß mit Ihrem Schuh unter meinem Fuß?“

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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