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Kolumne „Expat“ : Billige Busfahrten zur Volksberuhigung

  • -Aktualisiert am

Viele Busfahrer verwechseln ihr Fahrzeug mit einem Formel-1-Rennwagen Bild: dpa

Eine Fahrt im „Micro“ ist in Buenos Aires fast immer ein Abenteuer. Fahrpläne gibt es nicht, meist kommen drei Busse auf einmal und dann sehr lange gar keiner. Dafür fährt man fast zum Nulltarif.

          Die hohe Inflationsrate, von der Regierung geleugnet und tabuisiert, treibt in Argentinien seltsame Blüten bei den öffentlich Verkehrsmitteln. Beim Taxi läuft marktwirtschaftlich alles „normal“ ab: Wer in der Hauptstadt Buenos Aires das Taxi nimmt, muss in regelmäßigen Abständen Tarifsprünge von mehr als 20 Prozent verkraften. Vor einem halben Jahr erst ist ein eigener Tarif für die Nacht eingeführt worden (20 Prozent mehr als tagsüber). Für Ende dieses Jahres ist eine generelle Erhöhung um 26 Prozent beschlossene Sache. Der Preis für eine Fahrt vom Zentrum bis kurz vor die Stadtgrenze steigt dann umgerechnet von etwa 6 auf 7,50 Euro, nachts von 7 auf 9 Euro.

          Bus und Bahn fahren die Porteños, wie die Bewohner der argentinischen Hauptstadt heißen, dagegen fast zum Nulltarif. Ein Ticket für die „Subte“ (U-Bahn) kostet 20 Cent, eine Fahrt auf einer der 135 privaten Omnibuslinien innerhalb des Stadtgebiets 22 Cent, auch die Vorortzüge sind ähnlich billig. Das ist möglich, weil die Tarife dieser drei Transportsysteme - wie auch jene von Gas, Strom und Wasser - von der Nationalregierung verordnet werden und aus populistischen Gründen seit längerem nicht mehr erhöht werden durften. Dafür werden die Betreibergesellschaften mit hohen Staatszuschüssen unterstützt.

          Die niedrigen Tarife sollen (Schein-)Beweis dafür sein, dass von inflationären Tendenzen nicht die Rede sein kann. Aber gerade die hohen Staatssubventionen heizen die Inflation an und reichen doch nicht für Investitionen zur Modernisierung des Fahrzeugparks. Die Subte-Bahnen sind deshalb ein museumsreifes Sammelsurium, die ältesten Modelle stammen noch von 1913, dem Jahr der Eröffnung der ersten Linie A, die Vorortzüge gleichen Viehtransportwagen. Die Omnibusse („Colectivos“ und „Micros“) sind moderner, ihr Erhaltungszustand hängt aber vom Engagement der Betreiberfirma ab. Eine Fahrt im „Micro“ ist fast immer ein Abenteuer. Regelrechte Fahrpläne gibt es nicht, meist kommen drei Busse einer Linie auf einmal und dann sehr lange gar keiner. Im Gegensatz zu Subte und Zügen verkehren viele Busse immerhin auch nachts. Viele Busfahrer verwechseln ihr Fahrzeug mit einem Formel-1-Rennwagen, ein Irrtum, der bei schweren Unfällen Jahr für Jahr viele Todesopfer fordert.

          Vor kurzem noch konnte man nur mit Münzen fahren, die in einen Automaten hinter dem Fahrersitz geworfen werden müssen. Das führte zu einem dramatischen Mangel an Münzgeld, weil clevere Busunternehmer die Münzen aus dem Verkehr zogen und sie mit einem Aufschlag wieder in Umlauf brachten. Inzwischen haben aufladbare elektronische Karten dem Münzschwund den Garaus gemacht.

          Quelle: F.A.Z.

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