15.05.2011 · Der Donauwalzer in Dauerschleife kann Wiener wahnsinnig machen. Denn der heimlichen Hymne Österreichs entkommt man in dieser Stadt nicht. Nirgends.
Von Michaela SeiserIm Taxi in Wien. Man kommt von einer Reise zurück und will wissen, was es Neues gibt. Der Mann kann nichts aus der Politik berichten. Hingegen kennt er sich in der Oper aus und weiß, welcher Mezzosopran falsch besetzt war und welcher Bass brilliert hat. Das ist typisch für Wien, wo der neue Operndirektor aus Frankreich und der Burgtheaterdirektor aus Deutschland wichtiger sind als ein Wirtschaftspolitiker. In Wien wird Kultur noch immer hochgehalten und vor allem alles, was mit Musik als einem wichtigen Erbe zu tun hat. Die Bekanntheit österreichischer Musiker übertrifft nach Untersuchungen der Wiener Wirtschaftsuniversität diejenige von Politikern bei weitem.
An der Beschallung kommt man in dieser Stadt nicht vorbei. Ständig muss man sie konsumieren, das gilt auch für Lokale und Kaufläden. Vier Opernhäuser, etliche Konzertsäle, mit den Wiener Philharmonikern eines der teuersten Orchester der Welt, überdies ein Festival an der Salzach, das Bayreuth und Glyndebourne Konkurrenz macht. Komponisten, denen vor allem post mortem gehuldigt wird: Haydn, Mozart, Schubert, Bruckner, Strauss, Mahler, Schönberg. Der Publikumsgeschmack ist auf spektakuläre Aufführungen gerichtet, und die Menschen sind in dieser Hinsicht immer noch ebenso unersättlich wie unkritisch.
Dem Donauwalzer, der heimlichen Hymne Österreichs, entkommt man hier nicht. Das gilt nicht nur beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Man setzt diese Dreiklangbasis sogar seit Jahrzehnten im österreichischen Staatsfernsehen und im Kultursender des öffentlichen Rundfunks als Kennung für die großen Nachrichtenverkündigungen ein. Das Opus ist damals als antiphonales Gesangsstück, komponiert zum Zweck der Seelentherapie seiner Landsleute nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen, bei seiner Faschingspräsentation mit dem Wort Schlager bezeichnet worden.
Bekannt geworden ist der Fall eines Geschäftsmannes, der verrückt geworden ist, weil er es nicht mehr ertrug, dass im öffentlichen Klo der sogenannten Opernpassage, einem Labyrinth unter der Kreuzung von Ringstraße und Kärntner Straße, ununterbrochen der Donauwalzer gespielt wird. Für solche Kollateralschäden leisten sich die Österreicher Nervenheilanstalten, die euphemistisch als Guglhupf bezeichnet werden - und wo es selbstverständlich auch Musiktherapie gibt.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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