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Kolumne „Expat“ : Balconing in Katalonien

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Runter da? Balconing ist ein seltsame und zuweilen tödliche Mutprobe. Bild: ddp

Einer der wunderlichsten Bräuche ausländischer Spanien-Besucher ist zweifelsohne das „Balconing“. Es handelt sich um Mutproben im Zustand fortgeschrittener Trunkenheit. In dieser Saison sind bereits vier Todesopfer zu beklagen.

          Gar mancher Spanien-Rreisende wundert sich mit wohligem Gruseln über gewisse Sitten und Gebräuche der Einheimischen. Dazu zählt nicht nur der Stierkampf, sondern neuerdings auch die Kontroverse darüber, ob die Wildschweinjagd zu Pferd mit spitzen Lanzen wieder zugelassen werden soll. Derweil wundern sich aber auch die Einheimischen über gewisse Sitten und Gebräuche ihrer ausländischen Besucher. Und eines der wunderlichsten Phänomene der letzten Jahre ist darunter zweifellos das „Balconing“.

          Erfunden haben es die Briten. Es handelt sich dabei um Mutproben im Zustand fortgeschrittener Trunkenheit kurz vor dem Morgengrauen. Junge Männer - Frauen haben sich zumindest noch nicht mit fatalen Ergebnissen beteiligt - springen dabei von einem Balkon ihres Hotels zum nächsten oder versuchen, unten im Swimming Pool weich zu landen. Das vierte Todesopfer, das in dieser Saison ins Leere sprang und statt im Wasser auf hartem Beton aufschlug, war ein zwanzig Jahre alter Deutscher im katalanischen Lloret de Mar bei Girona.

          Lloret de Mar ist das „Mekka des Balconing“

          Das Städtchen an der Costa Brava, dessen Winterbevölkerung von 40.000 sich während der Saison auf 200.000 verfünffacht, ist, wie es die Lokalpresse nennt, das „Mekka des Balconing“. Nirgendwo, weder auf Ibiza noch in Benidorm oder Marbella, springen mehr Sauftouristen von der Verandakante. Für Soziologen ist Lloret de Mar schon zu einem Studienobjekt für Spaniens moderne Zeiten geworden. In den fünfziger Jahren, als der Diktator Franco noch regierte, am Strand nur einteilige Badeanzüge zugelassen waren und niemand in kurzen Hosen in die Kirche ging, lockerten sich dort die Mores etwas, als Ava Gardner, Kirk Douglas und Elizabeth Taylor vorbeikamen. In den siebziger Jahren der neuen demokratischen Zeitrechnung explodierte dann die Permissivität, und der Lockruf lautet bis heute: „Auf nach Lloret.“

          Die Reiseveranstalter und lokalen Hotels haben mit „Alles inklusive“-Pauschalangeboten kräftig dazu beigetragen, dass die Hauptstraße zur goldenen Meile für Discos, Sangria-Eimer, brüllenden Frohsinn und eben „balconing“ geworden ist.

          Zerschmetterte Knochen am Schwimmbadrand gelten inzwischen aber doch als „bad business“. Deshalb sagte der Bürgermeister, als er unlängst ein neues Regelwerk der Stadtverwaltung für kollektives gutes Benehmen ankündigte: „Wir sind es leid, der Auffangplatz für Westeuropas Alkoholiker zu sein.“ Dabei übersah er vielleicht, dass in Lloret längst auch die Russen gelandet sind, die sich gleichwohl sogar im Vollrausch noch nicht vom Balkon zu stürzen pflegen.

          Selbst die Pressefrau im Tourismusbüro ist es leid

          Obwohl der Knigge von Lloret nun theoretisch das Schlafen im Auto mit 750 Euro und das Spucken und Pinkeln auf der Hauptstraße sogar mit Bußgeldern von bis zu 1500 Euro belegt, ist der Ausnahmezustand als touristischer Normalfall noch immer von ungebremster Anziehungskraft. Sex, Drogen, Schnaps und elektronische Musik locken unverändert in ein ehemaliges Fischerdorf, in dem die Nackten und von Sonne und Rum Geröteten sich nächtens mit bekleideten Polizisten in bizarre trunkene Konversationen verwickeln.

          Lloret, so stöhnt mitunter die Pressefrau im Tourismusbüro, habe doch so viel zu bieten: einsame Strände, Parks und Museen, Frieden und Beschaulichkeit. Dann muss sie sich aber auf die Zunge beißen, um nicht selbst zu lachen.

          Quelle: F.A.Z.

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