Home
http://www.faz.net/-gyt-6yn1f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kolumne „Expat“ Amsterdamer Eisschmelze

 ·  Weil der Winter zu schnell vorbei war, müssen die Niederländer weiter auf die Elfstedentocht warten. Anstelle des Schlittschuhrennens, gehen sie jetzt andere Großprojekte an.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© AFP So viel Sonne freut nicht jeden: Die Elfstedentocht musste dieses Jahr zum 15. Mal in Folge abgesagt werden.

Mit der „Elfstedentocht“, dem legendären 200 Kilometer langen Schlittschuhlauf durch Friesland, hat es im Februar nicht geklappt. Seit 1997 warten Eislauffans im ganzen Land sehnsüchtig auf eine Neuauflage. Für dieses Jahr hat aber das frühe Tauwetter mit dem Eis auch viele Hoffnungen dahinschmelzen lassen. Auf der Amsterdamer Keizersgracht konnte immerhin zuvor - erstmals seit jenem Traumwinter vor 15 Jahren - das „Keizersrace“ stattfinden, ein Wettlauf auf Kufen.

Bei den Herren gewann Ronald Mulder, bei den Damen Annette Gerritsen das Prestigerennen. Wann es das nächste Mal stattfinden wird, steht in den Sternen. Aber nicht nur in Friesland wünschen sich viele Zeitgenossen schon jetzt inständig, dass der nächste Winter ein möglichst harter wird.

Für diese Saison ist das Eis aber erst mal gewichen. Heitere Frühlingsgefühle wollen freilich nicht so recht aufkommen. Die Handelskammer wartete mit der schlechten Nachricht auf, dass die gesamten Niederlande in eine wirtschaftliche Rezession schlittern werden. Wer dieser Tage durch Amsterdam schlendert, hat indes nicht das Gefühl, dass eine depressive Stimmung über der Stadt liegt.

Zumindest die Baubranche scheint zu florieren. Nach mehr als sieben Jahren ist endlich der Zentralbahnhof wieder über den Haupteingang zugänglich. Und der unter den Gleisen an der Westseite des Bahnhofs gebaute Tunnel für Radfahrer und Fußgänger dürfte Ende des Jahres fertig sein.

Nach derzeitiger Planung müssen sich die Amsterdamer allerdings noch bis zum Herbst 2017 gedulden, ehe die 9,7 Kilometer lange Nord-Süd-Verbindung der U-Bahn betriebsbereit ist. Über 3 Milliarden Euro verschlingt das Vorhaben. Immerhin sind Archäologen aufgrund der während der Bauarbeiten in der Erde entdeckten Gegenstände zu dem Schluss gelangt, dass das Gebiet schon vor 4600 Jahren, in der jüngeren Steinzeit, aber auch später zur Römerzeit, besiedelt war. Nach bisher gängiger Lesart begann die Geschichte der in einem Sumpfgebiet entstandenen Siedlung erst um 1000 nach Christus; in Urkunden wurde Amsterdam erstmals um 1275 herum als „Amstelledam“ erwähnt.

Mehrarbeit bedeutet all dies für das Stadtmuseum. Aber auch in manch anderen der mehr als 50 Museen Amsterdams ist man keineswegs untätig. Wegen Renovierungsarbeiten wird das Van-Gogh-Museum von Ende September an für sieben Monate geschlossen sein. 70 Werke des Künstlers werden im Winterhalbjahr am Ostufer der Amstel im Kaiserflügel des Hermitage-Museums zu bewundern sein.

Vielleicht gesellen sich dann auch abermals zugefrorene Wasserwege zum städtischen Vergnügen hinzu. Und vielleicht werden dann Eissportfreunde die Verbraucherschutzorganisation „Consument en Veiligheid“ Lügen strafen. Sie bescheinigte den Niederländern, „schlechte Schlittschuhläufer zu sein“, weil es während der jüngsten Frostperiode im Land 8600 Knochenbrüche gegeben habe - wie viele davon auf die Hauptstadt entfallen, ist nicht bekannt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1955, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in Brüssel.

Jüngste Beiträge