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Kolumne „Expat“ Amerika spüren im Greyhound-Bus

Es gibt wenig, was mehr über die Vereinigten Staaten und ihre Bewohner verrät als eine Fahrt im Greyhound-Bus. Nach Atlantic City etwa, die fast vergessene Zockerstadt am Atlantikstrand.

© REUTERS Vergrößern Im Halbdunkeln des Greyhound

Nur wer Pech hat, gerät auf Amerikas ausladenden Highways außerhalb der Städte in einen Stau. Wer noch mehr Pech hat, sitzt dabei in einem Greyhound. Nicht nur die Buslinie existiert in Ermangelung eines ausgebauten Schienennetzes seit beinahe 100 Jahren, auch die Busse sind in die Jahre gekommen. Die Fahrer, die täglich auf 13 000 Fahrten quer durch das riesige Land tingeln und dabei jährlich 25 Millionen Fahrgäste transportieren, sind notorische Raser oder Trödler, entweder mundfaul oder allzu mitteilungsbedürftig über das Bordmikrofon. Und seitdem Ladestationen in der Rückenlehne des Vordermannes den Handyakku auffüllen, sinkt der Geräuschpegel während der Fahrt kaum noch - Gesprächsfetzen und Telefonklingeln mischen sich mit dem rhythmischen Schnarchen erschöpfter Reisender. Es gibt wenig, was mehr über die Vereinigten Staaten und ihre Bewohner verrät als eine Fahrt im Greyhound.

Von New York nach Atlantic City etwa, von der pulsierenden Metropole in die fast vergessene Zockerstadt am Atlantikstrand. Von der man glatt glauben könnte, sie ruhe im Dornröschenschlaf, wenn man nicht wüsste, dass niemand mehr kommt, um sie wach zu küssen. Die Frischverliebten, gerade 21 geworden und damit endlich alt genug, um in den Kasinos von Atlantic City zu spielen und zu trinken, sitzen neben den Pensionären, die alle vier Wochen versuchen, ihre spärliche Rente aufzubessern und doch immer wieder scheitern. Die Spielsüchtigen gesellen sich zu den Yuppies im Pokerfieber, die staunenden arabischen Einwanderer zu den verbitterten Army-Veteranen aus dem Korea-Krieg, die alleinerziehende Mutter aus dem Wohnwagen zur afroamerikanischen Großfamilie, die längst Hoffnungslosen zu den Glücksrittern. Der Roundtrip kostet 35 Dollar. 25 Dollar gibt es als Gutschein für die einarmigen Banditen zurück - einlösbar ausschließlich in dem Kasino, in dessen Busbahnhof der Reisende vom Greyhound ausgespuckt wird. Schnell ist eine Mitarbeiterin zur Stelle, die den Fahrgast mit der Bonuskarte ausstattet, an der man hier den wahren Zocker erkennt. Wer lange genug spielt, darf umsonst übernachten.

Safe Cities-Poll © dapd Vergrößern Der Boardwalk samt Rentnerpaar in Atlantic City

Auf dem Weg zurück lassen die langen Gesichter in der Schlange am Busbahnhof erahnen, dass wieder niemand den Jackpot geknackt hat. Lediglich die Boxfans, die bei einem der großen Kämpfe in der historischen Halle am Boardwalk, der langen Strandpromenade, waren, strahlen und unterhalten sich rauchend über die zwölf Runden vom Vorabend. Auch sie fragt der hagere Mann, vermutlich Inder, nach den Gutscheinen von der Hinfahrt. Die gesamte Schlange schreitet er ab - alle haben sie eingelöst. Da biegt der Greyhound um die Ecke.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 24.01.2012, 11:57 Uhr

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