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Existenzgründung Mit Enthusiasmus und Überbrückungsgeld

11.07.2005 ·  Wer den Schritt in die Selbständigkeit wagt, muß viele Hürden nehmen und Durchhaltevermögen zeigen. Oft hilft die richtige Beratung, um langfristig erfolgreich zu sein.

Von Andrea Freund
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Er wurde nicht entlassen. Er ging freiwillig, weil er es nicht mehr aushielt. Die miese Stimmung, die in der Werbeagentur herrschte, seit der wichtigste Kunde weggebrochen war. Seit den Massenentlassungen, denen auch sein achtköpfiges Team zum Opfer fiel. Daß sich die, die übriggeblieben waren, mit zuviel Essen, zuviel Alkohol, trösteten.

"Entweder, du gibst dir die Kugel, oder baust etwas eigenes auf", sagte sich Jürgen Karcher und kündigte im Sommer 2002. "Mutig, aber dumm", sagte einer seiner Kunden. Dabei tat Jürgen Karcher doch nur, wozu Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement auf seiner Homepage aufruft:

Überbrückungsgeld gibt Sicherheit

"Wir brauchen in unserem Land mehr Menschen, die den Schritt in die Selbständigkeit wagen, die ein eigenes Unternehmen tatsächlich als Alternative zur abhängigen Beschäftigung verstehen (...) Dazu braucht es Mut und Risikobereitschaft, Einsatzbereitschaft, Eigeninitiative und - nicht zu vergessen - Leidenschaft (...)."

Jürgen Karcher würde dazu wohl "Begeisterung" sagen. Das ist seine Lieblingsvokabel, wenn der Neununddreißigjährige die Philosophie seines im März 2003 gegründeten Unternehmens umreißt: eine kleine Werbeagentur mit inzwischen sechs Angestellten. Tendenz steigend.

Nach gerade zwei Jahren ist Jürgen Karcher am Ziel. Er ist sein eigener Chef, sein Unternehmen "Excite" floriert und er hat Arbeitsplätze geschaffen. Die Basis dazu gelegt haben nicht nur sein Enthusiasmus, sondern auch der sechsmonatige Bezug von Überbrückungsgeld. "Damit konnte ich Anfangsinvestitionen tätigen und die Büromiete zahlen. Es gab mir ein Stück Sicherheit", erinnert sich der studierte Volkswirt.

Etwa ein Fünftel gibt auf

Er gehört zu den insgesamt 1,25 Millionen "Förderfällen" in Deutschland, deren Unternehmensgründungen von 1986 bis Ende 2004 nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit mit rund 9.020 Millionen Euro unterstützt wurden. Von Januar bis Ende April 2005 haben weitere 61.000 Menschen die Förderung begonnen.

In einer Zeit wachsender Arbeitslosigkeit haben zugleich von Januar 2003 bis Ende April dieses Jahres allein 30.9000 weitere Existenzgründer einen auf drei Jahre befristeten Zuschuß für ihre "Ich-AG" erhalten. Etwa ein Fünftel mußte wieder aufgeben - nicht zuletzt aufgrund falscher Vorstellungen. Sie glaubten etwa, die monatlich 600 Euro zusätzlich zum Arbeitslosengeld zu erhalten oder übersahen, daß davon allein 429 Euro für Sozialabgaben zu zahlen sind.

Einen Businessplan müssen Ich-AGler erst seit November 2004 anfertigen. Die Abbrecher-Analyse vom Februar 2005 des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt zu dem Ergebnis, daß rund 54 Prozent derjenigen, die ihre Ich-AG aufgaben, wieder arbeitslos wurden. Eine endgültige Statistik über die langfristige Selbständigkeit von Ich-AGlern und Beziehern von Überbrückungsgeld soll in Kürze veröffentlicht werden.

Herzblut ist unabdingbar

In einer eigenen Studie kommt das 1999 gegründete Frankfurter Existenzgründer-zentrum "Kompass" zu dem Ergebnis, daß sich von den Arbeitslosen, die sich in einem ihrer Programme seit 2000 auf eine selbständige Tätigkeit vorbereiteten, nur jeder Fünfte nicht dauerhaft selbständig machen konnte.

Die übrigen profitierten erfolgreich von sechswöchigen Trainings, Gründungsseminaren, Markterprobungsphasen oder Einzel-Coachings. Auch Jürgen Karcher nahm daran teil, ließ endgültig los "vom Angestelltenstatus im Kopf" und erstellte einen realistischen Businessplan für sein Vorhaben. Vor allem brachte er mit, was Ellen Bommersheim, Geschäftsführerin bei "Kompass", als unabdingbar für Existenzgründer beschreibt: "Es muß Herzblut dabeisein!"

3000 Arbeitslose hat "Kompass" jeweils in den vergangenen beiden Jahren beraten. Jeder Dritte macht sich selbständig. Wer diesen Schritt wagt, auch wenn er zuvor immer fest angestellt war, hat zumindest eigenverantwortlich gearbeitet. Ihm kommt neben der finanziellen Unterstützung der von "Kompass" praktizierte sozioökonomische Beratungsansatz zugute, der biographische und soziale Faktoren im Leben der Betreffenden berücksichtigt: "Je besser beraten im Vorfeld, desto länger erfolgreich am Markt", lautet daher das Credo von Ellen Bommersheim.

Die drei „F“ als Geldgeber

Dabei zeigt sich dann schon, ob jemand sich nur selbst verwirklichen will oder ob seine Idee auch Aussichten auf wirtschaftlichen Erfolg hat. "Viele kommen mit Klischeevorstellungen, etwa, daß sie 200000 Euro als Startkapital benötigten. Das ist abstrus. Die meisten Gründungen sind im Dienstleistungsbereich und solche Summen sind in der Regel dann nicht nötig", sagt Bommersheim.

Ein gängiges Mißverständnis ist auch, den Umsatz für den Gewinn zu halten. Damit die Lebenshaltungskosten nicht in Vergessenheit geraten, enthält der Businessplan neben Darstellung des Vorhabens oder Marktanalyse auch eine Finanzierungsübersicht.

"Einmal kam eine junge Frau und sagte: ,Meine Liquidität ist meine Oma', andere gehen davon aus, ,mein Mann zahlt das'." Benötigen sie Geld, greifen, so Bommersheim, viele Existenzgründer gerne auf die berühmten drei "F" zurück: "Family, Friends and Fools", also Familie, Freunde und gutmütige Bekannte.

Familie nicht über die Maßen nutzen

Auf seine Familie als Geldgeber verlassen hatte sich Johannes Ziffer und sie damit in eine schwierige Lage gebracht. Vor Jahren hatte er sich zum ersten Mal mit einem Call-Center selbständig gemacht, ohne vorherige Beratung und mit einem Kompagnon, der ihn überredete, Büros anzumieten, die für sie viel zu teuer waren. Als dann noch ein Partner in einem geplanten Geschäft absprang, mußte das Unternehmen liquidiert werden.

Ziffer verlor "sehr viel Geld" und war gezwungen, das Häuschen seiner Eltern zu beleihen. "Diese Erfahrung kann mir niemand nehmen", sagt der Achtunddreißigjährige heute. "Ich weiß, wie wichtig das familiäre Umfeld ist und daß man sich darauf verlassen können muß, aber auch, daß man den Rahmen sieht und einhält."

Er hat sich wieder selbständig gemacht, diesmal mit mehr Bodenhaftung und einer 4+4-Maßnahme von "Kompass". In vier Wochen Theorie eignete sich der Jurist fehlende Kenntnisse in BWL und Marketing an, "es war sehr gut für mich, noch mal zurückzugehen." In vier Monaten praktischer Markterprobung konnte er - unterstützt mit einem Budget für Fahrten zu Kunden, dem Drucken von Flyern und einem Übungsbüro im Haus von "Kompass" - anschließend überprüfen, ob seine Geschäftsidee diesmal mehr Bestand hat: der Vertrieb von kanadischer Visualisierungssoftware in Deutschland und Osteuropa.

Networking ist wichtig

Seit April 2003 ist seine "Ziffer Consulting" am Markt, hat für ihr Nischenprodukt inzwischen bundesweit Kunden und wird dieses Jahr zum ersten Mal kostendeckend arbeiten. Das Unternehmen gehört Ziffer und seiner Partnerin und beschäftigt zwei Mitarbeiter. Den erneuten Schritt in die Selbständigkeit hat er nicht bereut: "Ich habe mehr Verantwortung, aber ich habe auch mehr Freiheiten als ein Angestellter", sagt Ziffer, "nachmittags kann ich mich mit dem Diktiergerät in die Wiese setzen und die strategische Planung machen."

Neben der Unterstützung durch das Gründerberatungszentrum ist Ziffer auch selbst aktiv geworden. Er fand einen ehemaligen Banker, der sich einen Nachmittag Zeit für ihn nahm: "Das war für mich eine wichtige Erfahrung, jemanden fragen zu können und von dessen Know-how zu profitieren."

Wie wichtig Networking ist, hat auch Martina Schirmer gerade erlebt. Vor gut zwei Jahren hat sich die 43 Jahre alte Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie selbständig gemacht, um sich ganz ihrem speziellen Ansatz, der Behandlung psychischer und psychiatrischer Erkrankungen mit homöopathischen Mitteln widmen zu können.

Manchmal geht der Plan nicht auf

"Kompass" half ihr dabei, einen bankfähigen Businessplan zu erstellen, so daß ihr ein Kredit zur Gründung einer Praxis - groß, hell, freundlich - in Friedrichsdorf im Taunus bewilligt wurde. Für ihren Businessplan hatte Martina Schirmer herausgefunden, daß der Standort im Hochtaunuskreis gut gewählt war: Fast jedes vierte Kind hier ist privat versichert; die Ambulanz der Psychiatrischen Klinik, in der sie zuvor tätig war, hatte eine Wartezeit von bis zu vier Monaten.

Trotzdem entwickelte sich der Zustrom an Privatpatienten anders als geplant. Um finanziell über die Runden zu kommen, nahm sie einen Halbtagsjob in einer Klinik an, später arbeitete sie an einer Studie mit. Die Anfang April dieses Jahre zusätzlich erlangte Kassenzulassung sollte ihr helfen, nur noch von den Einnahmen aus der Praxis leben zu können.

Just zu diesem Termin jedoch änderten sich die Abrechnungsmodalitäten, so daß sie pro Kassenpatient im Quartal nur noch etwa 82 Euro abrechnen kann. Zuwenig, wenn man bedenkt, daß es in der Regel nicht bei einem Erstgespräch bleibt.

Nicht aufgeben bei Schwierigkeiten

Also tat sie, was sie nicht gerade für ihre Stärke hält: Sie begann, Marketing in eigener Sache zu betreiben und Kinderärzte in der Umgebung zu kontaktieren: "Kaum jemand kannte mich, obwohl ich seit zwei Jahren hier bin, das hat mich überrascht." Seither hat sie mehr Patienten, der Schnitt fürs erste Quartal ist gut. Noch kann sie "gerade überleben, einen Urlaub kann ich mir erst mal nicht leisten". Aber ans Aufgeben denkt Martina Schirmer nicht: "Ich werde es schaffen."

Existenzgründer brauchen diesen Mut und die Kraft, bei Schwierigkeiten nicht zu verzagen. Dann kommt nicht selten das nötige Glück dazu. Als Jürgen Karcher vor einiger Zeit mit seiner Agentur ins Frankfurter Westend umzog, fand er einen Vermieter, der ihm einen moderaten Preis machte - inklusive Nutzung des im Gebäude vorhandenen Konferenzraums.

An diese Fügung erinnert Jürgen Karcher eine gerahmte Schwarzweißfotografie auf der Fensterbank in seinem kleinen Büro: Eine Kuh mit Kälbchen vor einer schottischen Burg. Für Karcher ein Symbol für den Moment des Glücks, den man genießen können muß. Auch zwischen zwei Anrufen, bei denen der Chef ganz selbstverständlich selbst ans Telefon geht.

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