Der sozialpädagogische Verein Frankfurt betreibt mehr als 60 Kindertagesstätten in der Stadt. Zur Zeit kommen immer wieder neue dazu. Doch es kam auch schon vor, dass eine Kita bezugsfertig war, aber nicht eröffnet werden konnte. Dem Verein fehlte schlicht das Personal. Elisabeth Strüber, Geschäftsführerin des Vereins, sagt: „Wir können zwar gute Arbeitsplätze anbieten, aber wenn es keine Fachkräfte gibt, können wir die nicht besetzen.“
Zu denen, die Elisabeth Strüber braucht, gehören Eva Liebe, Jennifer Schlitzer und Katja Reichert. Die drei sind Studentinnen der Berta-Jourdan-Fachschule in Frankfurt am Main. Jede von ihnen repräsentiert einen eigenen Weg zum Ziel. Jennifer hat nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Sozialassistentin gemacht und sich direkt im Anschluss an der Schule in Frankfurt beworben. Katja ist gelernte Pharmakantin, hat aber nach sechs Jahren umgesattelt. Eva wiederum hat schon viele Jahre in der Touristikbranche gearbeitet und macht nun eine Umschulung. Drei Wege, die alle zum Traumziel der drei Frauen führen sollen - staatlich anerkannte Erzieherin.
Bis zu 24.000 Erzieherinnen könnten nächstes Jahr fehlen
Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz, sieht die Probleme, die der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für unter Dreijährige bereitet, als hausgemacht. Für ihn sind die 750 000 Krippenplätze, die bis zum Stichtag am 1. August 2013 neu geschaffen werden müssten, illusorisch. Und nicht nur an Plätzen mangele es, sondern auch an Fachkräften. Bis zu 24.000 Erzieherinnen könnten nächstes Jahr fehlen. Das Lieblingsprojekt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, das sie sich nach einigen Startschwierigkeiten im Amt als besonders prestigeträchtig auserkoren hat, drohe zu scheitern. „Das kann man nur als Politikversagen bezeichnen“, sagt Sell.
Die Bundesregierung, formal nicht für den Kita-Ausbau zuständig, auch wenn die Initiative für den Rechtsanspruch von ihr ausging, hat zumindest die Notwendigkeit erkannt, dass gegen den Mangel etwas getan werden muss. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat in den vergangenen Wochen eine Kampagne gestartet, die junge Leute ansprechen soll. Die Aktion heißt „Profis für die Kita“ und richtet sich an Schüler, denen eine Ausbildung zum Erzieher schmackhaft gemacht werden soll. Sie soll zeigen, dass der Beruf viel Spaß mit sich bringe, aber auch viele Herausforderungen und Chancen, sich zu verwirklichen biete. Das würden Eva, Jennifer und Katja unbesehen unterschreiben. „In der Kita kommt ganz viel zurück von den Kindern, die sind einfach ehrlich“, erzählt Katja unter dem enthusiastischen Nicken ihrer Klassenkameradinnen. Jennifer ergänzt: „Da kann man noch etwas verändern und den Kleinen etwas für das Leben mitgeben.“
In der Männlichkeitsfindungsphase wird kaum einer Erzieher
Das Bildungsministerium unterstützt außerdem das Modellprojekt „Mehr Männer in Kitas“, das es schon seit 2010 gibt, wie Projektkoordinator Jens Krabel erzählt. Das Projekt soll Wege finden, wie Männer für die Arbeit in Kitas begeistert werden können, und sowohl Berufseinsteiger als auch -umsteiger ansprechen. Bei Einsteigern sei die Situation aber schwierig, erzählt Michael Baumeister, Abteilungsleiter der Berta-Jourdan-Schule. Die jungen Männer befinden sich meist genau in ihrer Männlichkeitsfindungsphase, wenn sie sich für einen Job entscheiden sollen, und da wird kaum jemand Erzieher. Erst später, wenn sie sich als Mann nicht mehr beweisen müssten, kämen sie auf dem Weg der Umschulung zu dem Beruf. Bundesweit liegt der Anteil von Männern in Kitas bei 4 bis 5 Prozent, in der Schule schon bei 15 bis 20, wie Michael Baumeister nicht ohne Stolz erzählt. Seitdem die Schule sich verstärkt um Berufstätige bemüht, kämen auch mehr Männer, erzählt er weiter. Die Schule gehe jedoch nicht gezielt auf Männerfang und auch von Quotenregelungen halte er nichts. Man wisse nie, was für Leute darüber in den Beruf kämen.
Jens Krabel sagt, dass er sich langfristig 20 bis 30 Prozent Männer in Kitas wünscht, er ist sich aber sicher, dass es dafür Zeit braucht. Auch wenn in Ländern wie Hamburg und Schleswig-Holstein schon Werte von knapp 10 Prozent erreicht werden, gibt es jedoch auch bayerische Landstriche, in denen es nur 1 Prozent ist. Seiner Meinung nach könne man erst in 10 bis 20 Jahren bemerkbare Steigerungen erreichen. Dass ein ausgeglichenes Verhältnis sehr schwer zu verwirklichen sein wird, zeigen die skandinavischen Länder. Obwohl dort die Gleichberechtigung in den Kitas schon wesentlich weiter vorangeschritten ist als in Deutschland, sind auch dort nur 30 Prozent des Personals männlich.
Als Arbeitskollegen „locker und entspannt“
Mit Männern als Arbeitskollegen haben auch Eva, Jennifer und Katja gute Erfahrungen gemacht. „Die sind einfach lockerer und entspannter“, erzählt Katja. Besonders wenn es darum gehe, Konflikte zu lösen, sei die Präsenz eines Mannes oft hilfreich. Die würden einfach unproblematischer mit vielen Situationen umgehen, sind sich die drei einig. Michael Baumeister erzählt, dass Männer die Atmosphäre auflockerten und den Kindern Handlungsalternativen zeigten. In Zeiten, in denen über das fehlende Engagement von Männern in der Erziehung geklagt werde, sei es umso wichtiger, männliche Rollenvorbilder in den Kitas zu haben. Dass es zur Zeit genug Interessenten, männlich wie weiblich, gebe, zeige die Bewerbungssituation an der Schule - regelmäßig gebe es mehr Bewerbungen als freie Plätze.
Momentan gibt es an der Schule 906 Studierende in drei Jahrgängen. Das sei mehr als je zuvor, denn vor drei Jahren habe man angefangen, die Klassen zu vergrößern, um dem damals schon absehbaren Mangel an Erziehern entgegenzutreten. Michael Baumeister sagt, dass die Schule das aus eigener Entscheidung getan habe, da die Politik das Problem zu spät registriert habe. Zumindest jetzt scheint es aber in der höchsten politischen Ebene angekommen zu sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat kürzlich darauf hingewiesen, dass der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz wirklich umgesetzt werden müsse. Sie schloss auch nicht aus, dass der Bund finanzschwachen Kommunen bei dem Ausbauprogramm weiterhelfen könnte.
Diese Hilfe würde die Kommunen freuen, denn die Geschichte des Fachkräftemangels für Kitas hat auch mit einem Mangel an finanziellen Möglichkeiten der Kommunen zu tun. Geplant war, dass der Bund 2,15 Milliarden Euro Investitionsmittel bereitstellt. Wie Verena Göppert, Beigeordnete für Arbeit, Jugend, Gleichstellung und Soziales des Deutschen Städtetages, erzählt, hat das bisher auch größtenteils ohne Probleme geklappt. Schwierigkeiten gebe es hingegen bei den 1,85 Milliarden Euro, die der Bund für Unterhaltskosten über die Umsatzsteuer an die Kommunen geben wollte. Da bleibe immer etwas bei den Ländern hängen.
In dieser Situation, da die Kommunen sowieso schon finanziell klamm sind, fürchten sie sich vor den Folgen, die es zeitigen könnte, wenn der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz nicht in genügendem Ausmaß erfüllt werden kann. Findige Eltern könnten sich entweder in bestehende Einrichtungen einklagen oder für ihre Kinder private Betreuungsleistungen finden. Wie Göppert sagt, ist es möglich, dass diese die Kommunen verklagen und auf dem Rechtsweg versuchen, die Betreuungskosten von den Kommunen wiederzubekommen.
Fachleute und Betroffene sind sich einig, dass der Rechtsanspruch 2013 zu früh kommt. Elisabeth Strüber sagt, man müsse „zaubern“, Stefan Sell meint es werde „sehr eng“ und Michael Baumeister ist sich sicher: „Das wird nichts.“ Für Eva, Jennifer und Katja ist das relativ egal. Wenn sie fertig sind, haben sie praktisch eine Jobgarantie. Wenn dann noch die gesellschaftliche Anerkennung steigen und die Bezahlung besser würde, wäre der Job für sie perfekt.
Daß ich das noch erleben darf, Herr Rabe, ...
Gabi Heintz (Kolma_Puschi)
- 08.06.2012, 00:59 Uhr
Warum ist die Verantwortung für Banken tausendfach mehr wert als
die Verantwortung für Kinder?
Paul Rabe (heidelpaul)
- 06.06.2012, 09:32 Uhr
@ Herr Baumann - das liebe Geld
Claudia Otlo (claudia.o)
- 06.06.2012, 07:59 Uhr
Als Sklavendienst unerkannt
Herold Binsack (Devin08)
- 05.06.2012, 14:00 Uhr
super Idee, schickt die Männer in den Bienenstock
Hans Lutz Oppermann (Roemer2010)
- 05.06.2012, 12:49 Uhr
