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Elsbeth Stern, Professorin an der ETH Zürich : „Studieren heißt auch verzichten lernen“

  • Aktualisiert am

Elsbeth Stern Bild: Archiv

Wer im Studium gut sein will, sollte sich voll darauf konzentrieren, sagt die Züricher Lernforscherin Elsbeth Stern. Der ideale Master-Student muss verzichten können.

          Frau Stern, welche Veränderungen hat die Umstellung auf das Bachelor-Master-System mit sich gebracht?

          Geändert hat sich ja, dass jetzt in jeder Lehrveranstaltung ein Leistungsnachweis erworben wird und es keine alles entscheidenden Abschlussprüfungen mehr gibt. Am unteren Ende kann das zu Problemen mit der Qualität führen. Studierende, die alle Prüfungen ganz knapp bestanden haben, erhalten einen Abschluss.

          Viele klagen über das neue System. Können Sie das verstehen?

          Für gute Studenten, die ihr Studium ernst nehmen, ist es egal, wie das Studium aufgebaut ist. Sie gucken sich die Spielregeln an und handeln danach. Aber für Leute, die nicht genau wissen, was sie wollen, macht es natürlich einen Unterschied. Wer zum Beispiel nicht weiß, ob er studieren soll oder nicht oder ob er heute in die Uni gehen oder lieber für seine Wohngemeinschaft kochen will, lässt sich stärker durch Äußerlichkeiten beeinflussen. Aber die Gesellschaft muss sich auch fragen: Was verlangen wir von Leuten, die eine Hochschule besuchen?

          Was sollten wir denn von ihnen verlangen dürfen?

          Ich sage meinen Studenten immer: Wenn ihr regelmäßig in die Vorlesung kommt und den Stoff nacharbeitet, dann braucht ihr euch nicht mehr drei Tage vor der Prüfung hinzusetzen und zu büffeln; ihr werdet die Klausur auch so bestehen. Es kann zu unglücklichen Strukturen kommen, dass man etwa fünf oder sieben Klausuren in der Woche schreibt. Aber das lässt sich organisieren.

          Bei Ihnen an der Hochschule gibt es also keinen Stress mit Prüfungen?

          An der ETH ist es in meinem Studiengang, der Lehrerausbildung, so geregelt, dass man 60 Creditpoints erreichen muss. Ob man diese allerdings in einem Jahr oder in sechs Jahren sammelt, bleibt den Studierenden überlassen. Da kann jeder schauen, wie er sich die Zeit einteilt.

          Wie erklären Sie sich die andauernd hohe Nachfrage nach psychologischer Beratung an den Hochschulen?

          Ich glaube, dass das Ziel eines Hochschulstudiums noch nicht klar genug kommuniziert wird. Hochschulen und Forschungsinstitutionen nehmen in unserer Gesellschaft eine zentrale Stellung ein, und nicht nur eine Minderheit sollte wissen, wie diese funktionieren. Deshalb fand ich den Bachelor-Abschluss eine gute Sache. Wir mussten loskommen von dem Fünf-Jahres-Studium für alle. Das sollte einer kleineren leistungsbereiten Gruppe vorbehalten sein. Das Problem ist aber, dass bislang nicht genügend Leute die Uni mit einem Bachelor verlassen. Es ist noch nicht gelungen, den Bachelor als einen sinnvollen Abschluss zu gestalten.

          Und wie ist der ideale Master-Student?

          Er muss bereit sein, langfristig zu denken, sein Leben zu planen und auf vieles zu verzichten. Man darf während der Studienzeit nicht sein Privatleben an die erste Stelle rücken, wenn man wirklich top werden will. Wir können und sollten als Uni auch Ansprüche stellen und müssen nicht Rücksicht nehmen auf alles Mögliche.

          Und wenn Studenten nebenher Geld verdienen müssen?

          Für Studenten gibt es viele Möglichkeiten, an der Uni Geld zu verdienen, etwa als Hilfskraft. Man muss aber auch sagen: Man sollte möglichst wenige Verpflichtungen nebenher eingehen, damit man sich voll auf das Studium konzentrieren kann. Man muss als Student nicht dreimal im Jahr in den Urlaub fahren. Studieren heißt eben auch verzichten lernen.

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