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Edeka Wir lieben Selbständigkeit

 ·  Andreas Nolte führt mehrere Edeka-Lebensmittelläden. Mit seinen Einkaufsgenossen bestellt er jedes Jahr Waren im Wert von 80 Milliarden Euro.

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Das Weinregal? Möglichst groß soll es natürlich sein, findet Andreas Nolte. „Schließlich habe ich hier in der Region genügend Winzer, die ich unterbringen will.“ Das Standardmaß ist jedoch viel zu klein, also wird mal eben ein größeres eingeplant. Das ist nicht die erste Änderung, die Nolte an seinen Architekten durchgibt. Mittlerweile hat der 43 Jahre alte Geschäftsführer den vierten Entwurf für einen neuen Einkaufsmarkt vor sich auf dem Tisch liegen. „Wir gestalten da schon kräftig mit.“

Das Original stammte von der Edeka-Gruppe, deren Mitglied die Nolte GmbH ist. Weil Nolte aber ein selbständiger Unternehmer ist, kann er seine Läden prinzipiell so gestalten, wie er es für richtig hält. Und so wird die Blaupause aus Hamburg tüchtig verändert: Die Frischetheke kommt in die Ecke, und die Tiefkühlkost wird direkt vor den Kassen plaziert, damit auch während längerem Warten die Ware nicht antaut. Außerdem werden noch ein paar Kühltruhen verschoben, damit es sich besser mit dem Wagen manövrieren lässt.

Mehr Freiheiten als ein Marktleiter bei den Großen

Das alles sind Erfahrungswerte aus seiner langjährigen Arbeit, die Nolte in die Gestaltung seines neuen Edeka-Marktes in Wiesbaden einfließen lässt. Wäre er Marktleiter einer großen Supermarktkette, genösse er diese Freiheiten nicht. Dann bekäme er das Design komplett aus der Konzernzentrale vorgeschrieben. Ebenso könnte er sich nicht mal eben einem regionalen Handelsverband anschließen oder als Trikotsponsor des örtlichen Fußballvereins auftreten. Dies sei aber für die Kundenbindung enorm wichtig, sagt Nolte, denn oft befänden sich seine Märkte in Stadtteilen, die eher dörflichen Charakter haben und wo auf so etwas genau geschaut werde.

Nolte sitzt in seinem etwas kargen Büro, zu dem man über eine verwinkelte Treppe gelangt. Der Markt im Wiesbadener Stadtteil Klarenthal wurde in den achtziger Jahren eröffnet. Das Gebäude wirkt eher schlicht und zweckmäßig, die 900 Quadratmeter Verkaufsfläche sind überschaubar. Die neue Generation der Edeka-Märkte bringt es schon mal auf das Doppelte.

Gelb und Blau sind Pflicht

Bestimmten Vertriebsvorgaben unterliegt aber auch Nolte, etwa bei der Verwendung der typischen Edeka-Farben Gelb und Blau. Es sei aber auch nicht sinnvoll, sagt er, seinen Laden grünweiß anzustreichen. Dann verlöre die Marke Edeka den Sinn. Ende des 19. Jahrhunderts entstand die Gruppe nach einem Zusammenschluss regionaler Einkaufsverbände und aus der früh gewonnenen Erkenntnis heraus, dass ein einzelner Unternehmer am Markt wenig Chancen hat. Heute repräsentiert das Genossenschaftsmodell auch dank Kooperationen mit dem Ausland eine Einkaufsmacht von rund 80 Milliarden Euro im Jahr und ist damit nach der amerikanischen Supermarkt-Kette Wal-Mart die Nummer zwei auf der Welt. Außerdem ist die Gruppe auch im Discount-Markt engagiert. Erst vor kurzem erwarb Edeka vom Wettbewerber Tengelmann dessen Plus-Niederlassungen, die nun mit den eigenen Netto-Filialen verschmolzen werden sollen.

Im Gegensatz zur globalen Einkaufspolitik legen die Märkte Wert auf eine möglichst regionale und lokale Ausrichtung. Zwar bezieht Nolte rund 90 Prozent der Ware zentral aus Hamburg. Das sind vor allem Markenartikel, die so gut wie keinen Spielraum für Preisgestaltung bieten. Den Rest wählt Nolte aber selbst aus. So kommen die Erdbeeren von Bauern aus der Umgebung, weil er es für „unsinnig“ hält, das Obst über Hunderte Kilometer per Lastwagen ankarren zu lassen. Und ein Metzger seines Vertrauens aus der Nähe von Kassel liefert hessische Wurstspezialitäten, die im Standard-Sortiment von Edeka schlichtweg fehlen.

BWL, Bank und Börse

Nolte hat nach dem Abitur eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen, anschließend BWL studiert. Nach verschiedenen Stationen – unter anderem bei einem Börsenmakler und als Banker – entschied er sich 1993 dafür, gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern die elterliche Edeka-Kette aus derzeit sieben Läden zu übernehmen. Bei allen Vorteilen bringt die Konstruktion natürlich auch die üblichen Risiken des Unternehmertums mit sich. „Wir wissen am Monatsanfang nie genau, ob am Ende auch Geld auf das Konto fließt.“

Wie gut die Nerven der Noltes sind, wird sich in den kommenden Jahren zeigen, wenn neben dem neuen Markt in Wiesbaden noch ein zweiter im Taunus gebaut wird. Laufen beide nicht gut an, könnte der Schuldendienst erdrückend werden. „Da kommt schon Druck auf“, glaubt Nolte. Auch ein Fleischskandal wie beim Wettbewerber Real vor einigen Jahren, der heute noch die Ertragskraft des Metrokonzerns mindert, würde für viele Edeka-Unternehmer wohl den finanziellen Ruin bedeuten. Dennoch ist Nolte davon überzeugt, dass das Modell Edeka in den vergangenen schwierigen Jahren im deutschen Lebensmitteleinzelhandel bewiesen hat, dass es „ein Erfolgsmodell“ ist: „Wer selbständig aus Überzeugung sein will, der soll zu Edeka gehen.“

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