Home
http://www.faz.net/-gyl-rf1l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dresscode Kleider machen Karrieren

05.12.2005 ·  Junge Karrieristen, aufgepaßt: Auf die Verpackung kommt es an. Kleider machen nicht nur Leute, sondern sie helfen bei Karrieren. Gescheite Selbstvermarktung ist ein Energiesparmodell und hat mit Schauspielerei nichts zu tun.

Von Ursula Kals
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Der Mensch ist gnadenlos, und es kommt keineswegs nur auf die inneren Werte an. Nur wenige Sekunden, darauf hat sich die Wissenschaft verständigt, dauert es, bevor wir jemanden einschätzen und ihn aufgrund seines Aussehens und Auftretens in eine Schublade stecken.

Ob das nun die vielzitierten sieben oder vierzig Sekunden sind, die für das Abscannen eines Unbekannten reichen, darauf kommt es dann auch nicht mehr an und ist wohl ohnehin kaum seriös zu eruieren. Fakt ist: Es geht um wenige Augenblicke.

Für den ersten Eindruck gebe es keine zweite Chance - so werben unheilvoll-drohend Businesstrainer für ihre Dienste. Gar so hart ist das Verfahren nicht. Und ob nach wenigen Sekunden das Urteil über einen bis dato Fremden wirklich felsenfest zementiert ist, das ist von Berufsmilieu zu Berufsmilieu verschieden. Und es ist zudem eine Frage der Intelligenz.

Verschwitzter Schlunzlook

Klar ist aber auch: Wer die Kleiderordnungen hartnäckig ignoriert, der macht sich das Berufsleben unnötig schwer. Verkaufe ich wirklich meine Seele, wenn die heißgeliebte, herrlich ausgebeulte Cordhose tagsüber gegen die Stoffhose getauscht wird? Das sind doch nur Äußerlichkeiten - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Wirkung des äußeren Auftretens sollte niemand leichtfertig unterschätzen. 95 Prozent aller erfolgreichen Berufstätigen tun das auch nicht. Sie haben es gelernt oder es sich abgeguckt. Auf die Verpackung kommt es eben auch an, und Kleider machen nicht nur Leute, sondern sie helfen bei Karrieren.

Einmal abgesehen davon, daß gepflegte Kleidung zwei Dinge demonstriert: Äußerlich wird dokumentiert, daß man seinen Beruf ernst nimmt und seinen Kollegen und Geschäftspartnern Respekt zollt: Sie sind mir wichtig, unser Gespräch nehme ich ernst. Zum Rendezvous mit der hoffentlich größten Liebe seines Lebens erscheint ja auch niemand im verschwitzten Schlunzlook. Was das Fatale ist: Wie viele Regeln im Berufsleben ist auch diese ungeschrieben, zumindest in den meisten Branchen. Die Fallstricke aber durch Versuch und Irrtum zu lernen, das verzeiht heute niemand mehr.

Siegfried Englert ist Fachhochschulprofessor in Ludwigshafen und zur Zeit Interimspräsident der University of Bruchsal. Persönlich und privat liebt er lässige Kleidung und hat auch keine Scheu, in Cowboystiefeln vor seine Studenten zu treten. Denen aber schärft er eines ein: Wenn es um offizielle Termine geht, dann muß ein ordentlicher Aufzug her. Hat er etwas auf seiner Bank zu regeln, dann steht der Sinologe und Ökonom im Anzug vor seinem Berater und läßt Karohemd und Jeans daheim: „Außenstehende jedesmal davon zu überzeugen, daß ich kreditwürdig bin, das ist einfach zu anstrengend.“

Problematischer Rollentausch

So betrachtet, ist die auftrittsgerechte Kleidung ein Energiesparmodell. Das beweist der Alltagstest: Skeptiker sollten sich in einem Oberklasse-Autogeschäft einmal in Jeans und dann einmal im Anzug oder Kostüm umsehen. Welche Erscheinung wird wohl intensiver beraten? Englert, der das Ostasieninstitut der FH leitet, hat selber Lehrgeld bezahlt. Unvergessen ist sein Auftritt vor Aenne Burda.

Die kürzlich verstorbene Verlegerin suchte bei dem Wissenschaftler Rat für das Asien-Geschäft ihrer Modezeitschriften. Immerhin hatte sich Englert für einen Zweireiher entschieden, dazu schlüpfte er allerdings in Clogs, „die trugen damals viele, und die sind eben bequem“. Zuversichtlich dachte der damalige Assistent an der Heidelberger Universität, die Besucherin werde „schon nicht unter den Tisch gucken“. Tat sie aber und schüttelte den Kopf: „Wenn ich nicht wüßte, daß Sie für China ein Profi sind . . . für Schuhwerk sind Sie's nicht!“

Bis heute trägt Englert mit Vorliebe Sandalen: „Ich habe es gerne bequem, aber ich habe auch Respekt vor Gepflogenheiten.“ Was er schwierig findet: „Wenn Menschen mit der Kleidung in eine andere Persönlichkeit schlüpfen. Der damit verknüpfte Rollentausch ist problematisch.“ Ein bodenständiger Kerl, der sich im Anzug verkleidet fühlt, ist mit einer sportlichen Kombination besser beraten, sonst tritt der Kommunionanzug-Effekt ein: Unglückselige Haltung verrät das Unbehagen. Attraktiv ist das nicht.

Verwegene Polohemden

Wer die Kleiderfrage besonders gut im Blick halten sollte, sind Frauen. Eine Schwitzfleckendiskussion mit einem männlichen Kanzlerkandidaten? Schwer denkbar. Frauen wird ein optischer Fauxpas viel schneller übelgenommen. Kompetenz vermutet niemand hinterm Blümchenkleid; kommt da noch das verbindliche Lächeln des Mona-Lisa-Syndroms hinzu, ist das ein Karrierekiller erster Güte. Atemberaubende Dekolletes unterm Kostüm, das kann sich erst die etablierte Managerin leisten, die wird nicht als „sexy Kleid“, sondern als tüchtige Kollegin wahrgenommen.

Zottelmähne und Edelpunk dürfen frühestens dann zum lässigen Styling gehören, wenn die oberste Etage sicher erklommen ist. Und das ist auch nur in einigen handverlesenen Branchen möglich. Erst Starmanager können ihre Exzentrik ausleben und ihre schräge Kleidung dann sogar als Marke etablieren. Für alle anderen gilt die Formel, die ein Personalmanager der Unternehmensberatung Kienbaum ausgibt: „Je jünger die Karriere, desto strikter sollte man sich an den Dresscode der Branche halten. Führungskräfte dürfen ihren individuellen Stil betonen und sich modische Freiheiten erlauben. Das unterstreicht sogar ihre Autorität.“

Je höher die Position, desto dunkler der Anzug: Großbanken und kleine, feine Privatbanken sind extrem konservativ. Vor 15 Jahren konnten Frauen, die ganz nach oben wollten, hier nur in Ausnahmenfällen Hosenanzug tragen. Bei manchen Instituten gilt schon ein heller Sommeranzug als geradezu verdächtig unseriös und ein Polohemd trotz Markenemblem als fast verwegen. Und Tennissocken gehören nun mal auf den Tennisplatz, und nur dorthin.

Mitarbeiter im Räuber-Hotzenplotz-Stil

Unbestrumpfte Frauenbeine oder kurzärmelige Hemden sollten der Freizeit vorbehalten bleiben. Aufkrempeln bringe notfalls auch Kühlung, darauf beharren Modeberater. Und sie verweisen auf Südländer, die selbst dann, wenn im mittagsheißen Madrid der Asphalt Hitzeblasen wirft, im Maßanzug eine blendende Erscheinung abgeben. Heimkehrer von Auslandspraktika sehen das vermeintlich deutsche Spießertum plötzlich mit anderen Augen.

Wie gesagt, gerade die Bankenbranche ist bis hin zur kleinsten Raiffeisen-Filiale seit Gründerzeiten von jeher besonders traditionell. In Zeiten dramatischer Bankenkrisen und Großfusionen ist bei vielen frisch Fusionierten der Dresscode des lässigen „Casual Friday“ wiederaufgehoben worden: Uns geht es schlecht, jetzt müssen wir erst recht Haltung bewahren. Was genau unter Casual zu verstehen ist, darüber herrscht hierzulande kaum Konsens. In den Vereinigten Staaten ist das klarer, da weisen Business-Casual-Schilder im Geschäft auf die Regale.

Und die Kleidungsordnung ist Bestandteil der Company Policies und steht im Vertrag. Wenn dagegen zum dritten Mal verstoßen wird, dann heißt es „Good bye“ für den Mitarbeiter im Räuber-Hotzenplotz-Stil. Manche Institutionen informieren ihre Mitarbeiter schriftlich: Im Winter sind Flanellhemden möglich, im Sommer Polohemden, dazu Chinos, also Baumwollhosen. Jeans sind grundsätzlich nicht erlaubt. Ist die Bankenaufsicht freitags im Haus, wird höchstens „Krawattenerleichterung“ gewährt, und das auch nur im Hochsommer.

Schweinslederne Spießigkeit

Was jemand als „casual“ empfindet, das ist individuell - und da liegt auch das Problem junger Mitarbeiter. Was sie unter Freizeit- oder unter Geschäftsmode verstehen, das hat mit den Vorstellungen anderer Generationen oft wenig zu tun. Schön und modisch erscheint in ihrer Wahrnehmung oft eine Kombination, die Fünfzigjährige in der Disco vermuten würden. Fünfundzwanzigjährige finden ausladende Kuriertaschen, die quer über der Brust baumeln, kleidsam und halten Aktentaschen für schweinslederne Spießigkeit, in die Mamas Pausenbrot paßt. Aber diese Meinung ist privat und nicht maßgeblich fürs Arbeitsleben.

Die Frankfurter Etikettetrainerin Lis Droste verweist gerne auf die drei Männer am Messestand: der erste in Jeans, der zweite in einer Tweed-Kombination, der dritte in dunkelblauem Anzug mit Weste. „Auf wen gehen wohl 95 Prozent der Leute zu, wenn sie den Chef suchen? - Das ist einfach in den Köpfen verankert.“

Wer die Kleiderfragen nüchtern betrachtet und von Fall zu Fall löst, der verbiegt sich nicht. Er macht sich das Leben leichter. Wir sind zu arm, uns schlechte Kleidung zu leisten, klingt leicht snobistisch, meint aber: Eine gute Grundgarderobe zahlt sich aus. Das billige Hemd sieht nach zehn Wäschen noch billiger aus. Zeit spart übrigens die Winterbügelung: In diesen Monaten wird das Jackett nicht abgelegt, eine gebügelte Vorderfront reicht. Der ungebügelte Rest entzieht sich der Öffentlichkeit.

Literaturhinweis: Mehr zu diesem und zu neun weiteren Themen findet sich in dem jetzt erschienenen Buch von Ursula Kals: „Zehn Fallstricke. Die fatalsten Fehler, die Sie aus dem Job katapultieren.“ Frankfurter Allgemeine Buch, 24,80 Euro. ISBN 389981074-0.

Quelle: F.A.Z., 03.12.2005, Nr. 282 / Seite 59
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

Jüngste Beiträge