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Veröffentlicht: 08.02.2013, 08:00 Uhr

Doktorarbeiten Als ich einmal Ghostwriter war

Akademiker mit wenig Zeit, aber viel Geld können ihre Dissertation schreiben lassen. Unser Autor hat für eine spezielle Agentur gearbeitet und fragt sich nun, wem er zum Doktortitel verholfen haben könnte.

© dpa Bücher in der Bibliothek der Gerd Bucerius Law School in Hamburg

Seit Deutschlands ehemaliger Verteidigungsminister zu Guttenberg aufgrund seiner nicht korrekten Doktorarbeit die Flucht ins Ausland antrat und sich auch die akademischen Meriten des ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt und des rumänischen Ministerpräsidenten Victor Ponta als nicht sattelfest erwiesen haben, bin auch ich ins Nachdenken gekommen. Wer hat eigentlich diese Arbeiten geschrieben? War ich es vielleicht?

Nun ja, ich bin Wirtschaftswissenschaftler, Ponta und Guttenberg Juristen und Schmitt Sportwissenschaftler - da bin ich wohl nicht Schuld. Aber möglicherweise habe ich ja mal jemand anderem zu einem Doktortitel verholfen, so genau weiß ich das nicht. Alles fing damit an, dass mein fünfjähriger, befristeter Arbeitsvertrag auslief, nicht verlängert wurde und es mir nicht gelingen wollte, anderswo Fuß zu fassen. Der Spruch „Ich war jung und brauchte das Geld“ beschrieb meine Situation damals zunehmend besser: Zwei Kinder im Vorschulalter, eine Wohnung die bald zu klein werden würde, eine Frau ohne qualifizierten Bildungsabschluss - Sorgen genug.

Alles begann mit einer Kleinanzeige

Irgendwo las ich dann eine Kleinanzeige: Autoren mit Erfahrung in wissenschaftlichen Arbeiten gesucht. Nun, Bewerbungen waren sowieso immer fertig, da kam es auf die Briefmarke nicht an. Es dauerte nicht lange, da klingelte das Telefon. Dran war der Inhaber eines Beratungsunternehmens aus Nordrhein-Westfalen. Nach einem kurzen Gespräch hatte ich einen Auftrag. Nicht für eine Dissertation, bewahre. Aber für eine wissenschaftliche Arbeit just in einem Umfang wie ihn Dissertationen üblicherweise haben. Betriebswirtschaft war zwar nicht meine starke Seite und von betrieblichen Netzwerken hatte ich gar keine Ahnung. Der Zeithorizont von wenigen Monaten war auch dazu etwas ehrgeizig, aber die rund 1000 Mark würden der Familienkasse gut tun - immerhin das Arbeitslosengeld eines ganzen Monats.

Kurz darauf traf ein Paket ein: eine Beschreibung des Themas, ein etwas konfuses Manuskript, das eher eine Stoffsammlung war, dazu ein paar fotokopierte Texte und eine Literaturliste. Das war immerhin eine ganz brauchbare Ausgangsbasis, aber ein bisschen Arbeit würde es schon werden. Aber irgendwie würde ich das hinkriegen. Schließlich konnte mir ja egal sein, wie das Werk bewertet würde - mein Name würde ja nicht draufstehen. Hauptsache, der Agentur-Chef würde es abnicken und zahlen. Letztlich hieß die Devise also nur: fertig werden. Ein bisschen eingelesen und immerhin hatte ich dann eine gewisse Ahnung, worum es gehen könnte. Oder was ich in die Arbeit reinschreiben könnte. Heute erinnere ich mich nur noch an die horizontalen Netzwerke von Textilunternehmen in der italienischen Emilia Romagna. Na ja, ich hatte eben nicht so viel Zeit, mich damit zu beschäftigen.

Auch das Schreiben einer Dissertation ist irgendwo Handwerk

Vor allem aber hatte ich keine Zeit noch großartig Literatur zu suchen und zu lesen. Aber ich hatte noch ein paar alte Manuskripte zu meiner eigenen Doktorarbeit. Kapitel, die geschrieben und nicht verwendet wurden, Studien für meinen Doktorvater und so weiter. Auch das Schreiben einer Dissertation ist irgendwo Handwerk. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Das konfuse Manuskript und meine Sachen mussten nur mit ein paar Passagen zusammengefügt werden. Und was gar nicht reinpasste - nun, das konnte man ja immer noch zitieren. „Unveröffentlichtes Manuskript“ heißt es, wenn ein Akademiker mal was runtergeschrieben hat, in dem auch mal ein gescheiter Satz steht.

Wer verlangt, dass man bei akademischen Arbeiten selbst denken soll?

Nur eines habe ich nicht gemacht: abgeschrieben ohne zu zitieren. Zugegeben, irgendwie auch das, ich hatte ja wenig Ahnung. Aber es geht so wie im Studium: Schreibst Du einen Gedanken ab, dann guckst Du, wen der Verfasser zitiert hast und zitierst beide. Das ist gerecht, das ist nicht geschummelt. Und wer verlangt eigentlich, dass man bei akademischen Arbeiten selbst denken soll? Schöner Nebeneffekt: Die Literaturliste wächst auf imposante Größe, ohne dass man viel gelesen hat. Eines war immer bewusst: Was ich da schrieb, war nicht gut. Selbst schuld, wenn das als akademische Arbeit durchgeht, dachte ich schon damals. Das wusste wohl übrigens auch der Agenturchef. Aber er würde das dem Auftraggeber schon verkaufen, sagte er und nachdem ich dann für meine eigenen Gedanken noch ein paar andere Autoren gesucht hatte, war alles gut. Zumindest für mich und die Agentur. Ich bekam später noch einmal einen Auftrag für eine Fünf-Seiten-Studie, dann hatte ich keine Zeit mehr, weil ich wieder richtige Arbeit hatte.

Und die Agentur? Die gibt es auch heute noch. Sie wirbt weiter und anscheinend immer noch erfolgreich für akademisches Ghostwriting. Natürlich nicht für das komplette Schreiben des Werks, doch unwillkürlich fragt man sich, wie weit das Unterstützungsangebot wohl tatsächlich reichen mag.

Ich habe übrigens nie erfahren, wofür ich diesen Text tatsächlich geschrieben habe. Ich habe auch nicht wirklich gefragt. Nur, ob ich ein Referenzexemplar bekommen könnte, wenn das Endprodukt einmal erschienen sei. Zugesagt wurde es, bekommen habe ich nie etwas. Und deswegen grübele ich auch heute noch nach: Habe ich eine Doktorarbeit geschrieben oder nur für den Papierkorb?

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Der Autor ist der Redaktion bekannt.

Quelle: F.A.Z.

 

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