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Dienstag, 07. Februar 2012
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Die zweite Karriere „Wenn etwas total schieflief, dann habe ich am meisten gelernt“

29.06.2006 ·  „Es ist normal, wenn nichts geradeläuft“: Wie sich eine diplomierte Psychotherapeutin persönliche und berufliche Burnouts zunutze machte und nach neun Stadtwechseln zur erfolgreichen Karriereberaterin avancierte.

Von Ursula Kals
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Madelaine Leitner lebt in der neunten Stadt, in der 26. Wohnung, übt den dritten Beruf aus und sagt fröhlich: „Immer wenn etwas total schieflief, habe ich am meisten gelernt. Ich bin ein Beispiel für jede Katastrophe, die man erleben kann - Burnout, gefeuert werden von jetzt auf gleich, Karrierewechsel, da kann ich mitreden.“ Die Diplompsychologin hat sich in ihrem Schwabinger Büro auf Karriereplanung spezialisiert und kennt das mehr oder weniger harte Arbeitsleben nicht nur in der Theorie. Oft beruhigt sie ihre Klienten, die aus irgendeinem Grund beruflich unzufrieden sind: „Es ist normal, wenn nichts geradeläuft.“ Arbeitslosigkeit sei heutzutage in vielen Fällen, gerade bei Akademikern, systembedingt und liege nicht an der Person.

Im nachhinein betrachtet, seien ihre eigenen Wechsel „plausible Geschichten“. Aber, so sagt die sportliche Einundfünfzigjährige, „in der Situation selber empfindet man das oft anders“. Nach der behüteten Jugend im idyllischen Trier möchte sie Städteplanerin werden (“ich wollte die Welt verbessern“) und bekam einen Studienplatz in Braunschweig. Ihr Vater, ein Unternehmer, war keineswegs begeistert - er sah die Erstgeborene eher als Juristin oder Betriebswirtin.

Doch auch die Tochter fühlte sich alles andere als wohl, 650 Kilometer fort von daheim in einer Stadt, in der sie keinen Menschen kannte. „Ich war systematisch überfordert und habe das als Achtzehnjährige nicht verkraftet.“ Auch das Studienfach sagte ihr nicht zu. Sie sah sich weiter um. Kurz liebäugelte sie mit Ethnologie (“aber Bötchen auf dem Titicacasee, nee...“), lernte Niederländisch, tendierte zur Soziologie und zur Romanistik, „ich war orientierungslos“. Der Vater drängte: „Du mußt jetzt was machen!“

„Die Vielfalt, das war das interessante“

Schließlich bewirbt sie sich um einen Psychologiestudienplatz und wird in Freiburg angenommen. 1982 macht sie ihr Diplom und läßt sich zusätzlich zur Verhaltenstherapeutin ausbilden. Sie arbeitet als Psychotherapeutin in zwei Kliniken, unter anderem in einer psychosomatischen Klinik in Bad Salzuflen. Hier lernt sie, in Kurzzeittherapien schnell einen diagnostischen Blick zu entwickeln, „um zu gucken, was haben die Patienten, und sie dann auf den für sie guten Weg zu bringen“. Sieben Jahre arbeitet sie in der stationären Psychotherapie. Bei ihr stellen sich Patienten vor mit Depressionen, Ängsten, Zwangserkrankungen, Magengeschwüren, „alles bis auf Psychosen und Sucht“.

In dieser Zeit lernt sie viele Biographien kennen, denn betroffen sind alle, vom Arbeiter bis zum Akademiker. In Seminaren bildet sie sich weiter. „Die Vielfalt, das war das Interessante. Das war alles spannend, bis ich merkte, ich kann nichts mehr lernen. Dabei hat ein Patient das Recht darauf, daß man sich intensiv für ihn interessiert. Aber für mich gab es nichts mehr zu entdecken. Ich habe mich gelangweilt. Und mit meinem Arbeitsethos ist das nicht vereinbar.“ Ihre Stärke sei das übergreifende Schauen, „dieser breite Blick, der kommt mir jetzt zugute“.

Damals ist sie Anfang 30 und immer unzufriedener. Überdies bewegt sie sich am Rande des Ausgebranntseins, ist häufig erschöpft, denn die Personalsituation ist eng. Also entscheidet sie sich für eine Zäsur. Sie kündigt, verläßt ihren Wohnort Bielefeld und zieht nach Berlin. „Ich mußte einfach etwas ändern.“ Sieben Jahre hat sie als Therapeutin in Kliniken gearbeitet, die nächsten sieben Jahre wird sie als Personalberaterin arbeiten, das aber weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Zunächst gibt sie Volkshochschulkurse und hilft als Freiberuflerin in psychologischen Praxen aus.

Zufall als Wegweiser

„Mir wurde aber klarer, es geht nicht nur um Abstand vom Vorherigen, sondern um eine grundsätzliche Neuorientierung.“ Fort ja, aber wohin, das ist ihr da noch unklar. Dann weist ihr der Zufall einen Weg. Sie besucht das Berliner Gründungstreffen der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen. Der Besuch kostet sie Überwindung, bisher ist das nicht ihr Feld. Nach der Sitzung geht sie noch mit den Kollegen in die Kneipe, um den Tag nett ausklingen zu lassen. Das Treffen erweist sich für Madeleine Leitner als Karriereschub.

Drei Tage später erhält sie einen Anruf: In Bonn wird ein Psychologe für ein Assessmentcenter gesucht. Ob sie Interesse habe? Sie hat. Vier Jahre organisiert sie Assessmentcenter für die Telekom und entwickelt Potentialanalysen. Als Seiteneinsteigerin bringt sie sich vieles selber bei, „das ging on the job“. Drei weitere Jahre übernimmt sie Personalsuchaufträge für unterschiedliche Unternehmen und arbeitet sich in die Bedürfnisse verschiedener Branchen ein. Beispielsweise sucht sie Spezialisten für den Tagebau, „ich weiß inzwischen, wie gesprengt wird“, schmunzelt sie.

Ohnehin recht umzugsfreudig, wechselt sie wieder ihren Lebensmittelpunkt und zieht auch aus privaten Gründen nach München. Hier folgt ein Jahr in Festanstellung. Sie ist von einem Kunden abgeworben worden und arbeitet wieder als Angestellte. Diesmal vermittelt sie Stellen in der Baumaschinenbranche. Aber die Chemie zwischen ihr und dem Vorgesetzten stimmt dann doch nicht. „Ich habe gemerkt, ich bin nicht mehr chefkompatibel. Ich war dem Chef zu stark, der hat mich Knall auf Fall rausgeworfen.“

„Gezielt Aktivitäten entwickeln“

Da sie jemand ist, der an Widerständen wächst, macht sie sich in München mit einem Büro „Karriere - Management“ selbständig. Als Pionierin bereitet sie den Weltbestseller des amerikanischen Karriere-Experten Richard Nelson Bolles für Deutschland auf: „Durchstarten zum Traumjob. Das Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger“ (Campus-Verlag). In Leitners Augen gibt es Grundsatzfehler bei der Stellensuche: „Die meisten wissen nicht, was genau sie suchen, und bewerben sich auf beliebige Stellen. Dann werden sie abgelehnt und nehmen das persönlich.

Ihr Selbstwertgefühl leidet. Verzweifelt bewerben sie sich weiter, obgleich ihr Ziel immer unklarer wird, und nehmen als Desperados dann Schrottjobs.“ Klüger sei es, klar zu definieren, was man sucht, und sich zu fokussieren, statt breit zu orientieren: welche Branche genau, welche Region, ein großes oder kleines Unternehmen? Welche Werte sollen dort gelebt werden? „Und dann kann man gezielt Aktivitäten entwickeln, bevor eine Stelle ausgeschrieben ist.“

„Sie sollten ihre Sichtbarkeit steigern“

Wie der Bewerbermarkt funktioniert, das hat Madeleine Leitner in den vergangenen Jahren kennengelernt. „Denn oft mußte ich mich durch Wäschekörbe von Bewerbungen wühlen.“ All jene, die keinen schnurgeraden Einser-Diplom-Harvard-Blutjung-Lebenslauf vorweisen, landen häufig direkt auf dem Absagestapel. Haben sich Hunderte beworben, dann werden im Durchschnitt 24 Mappen näher angeschaut und sieben Kandidaten eingeladen, die anderen scheiterten schon an rein formalen Kriterien. „Ganz abgesehen davon, daß nur ein Drittel aller Jobbesetzungen über den offenen Stellenmarkt laufen.“

Zum Glück führen andere Wege zur Festeinstellung, zum Beispiel systematisches Netzwerken, um auf dem sogenannten verdeckten Stellenmarkt eine Chance zu haben. „Sie sollten Ihre Sichtbarkeit steigern, viele informelle Gespräche führen, in den Sportverein gehen. Oft geht es ja so in Unternehmen: Da wird eine Stelle frei, und der Chef fragt, wie war noch der letzte Praktikant? Hat nicht der Schwager der Frau Meier so eine Ausbildung? Wenn dabei Ihr Name ins Spiel kommt, egal, welche Handicaps Sie haben, dann sind Sie an jedem Stapel vorbei.“

Quelle: F.A.Z., 24.06.2006, Nr. 144 / Seite 67
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