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Die zweite Karriere Wechselfreudige Wolperdinger

19.08.2006 ·  Malaika Krüger und Meinhard Griesser betreiben ein Café und ein Graphikbüro unter einem Schwabinger Dach. Damit beweisen die beiden Mut zur Patchworkkarriere. Ein Spagat zwischen gelebtem Traum und harter Arbeit.

Von Ursula Kals
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Hoch über der Theke sitzt ein Wolperdinger. Ein bayrisches Fabelwesen in Gestalt eines gehörnten Hasen mit Fasanenfederschwanz. Ausgestopft und fürchterlich skurril. Dieses Wechselwesen ist eine Art Wappentier für Malaika Krüger und Meinhard Griesser. Die beiden nennen sich „Die Wolperdinger“ und betreiben ein Designbüro und ein kleines Café dort, wo Schwabing am schönsten ist. Unter lauschigen Baumkronen und zwischen Gründerzeitbauten in der Siegfriedstraße servieren sie neun Kaffeespezialitäten und entwerfen am Wochenende in ihrem angrenzenden Büro Faltblätter und Broschüren.

Klingt nach Lebenskünstlern und herrlicher Was-ich-immer-schon-mal-im-Leben-machen-wollte-Boheme, hat aber viel mit harter Arbeit zu tun. Den Putzlappen schwingen sie selbst, kochen Cappuccino, belegen Ciabattas, backen Mandelkuchen, erledigen Großeinkauf und Buchhaltung und rechnen wie die Maikäfer, um ihr kleines Unternehmen solide aufzubauen. „Wir haben uns gegenseitig ein Gehalt in Aussicht gestellt“, grinst Griesser. Noch wirtschaften sie vom Ersparten. Geöffnet ist das Café von 9 bis 18 Uhr, gearbeitet wird von früh morgens bis 22 Uhr. Mindestens. „Das ist schon eine Kräftegeschichte“, sagt die 39 Jahre alte Schweizerin.

„Ich habe das Ding hier ganz alleine gestemmt“

Patchworkkarrieren gehören hier quasi zum Stadtbild, erklärt der 43 Jahre alte Meinhard Griesser: „Die Entlassungen bei Leo Kirch haben die Mediengesellschaft durcheinandergewirbelt. Es gibt hier viele Cutter oder Graphiker, die nebenbei Umzüge machen oder Autos reparieren. Das schafft hier kaum einer, von einem Job zu leben.“

Sich auf neue Situationen einzustellen, in dieser Disziplin ist auch seine Geschäftspartnerin geübt. „Sie ist ein Sonnenschein“, sagen Mutter und Großmutter, die gerade zu Besuch sind. Malaika Krüger hat mit Hardy Krüger einen prominenten Vater, „das Verhältnis ist aber mehr als distanziert. Ich habe das Ding hier ganz alleine gestemmt.“ Die Jugend verbringt sie in Starnberg, dann zieht die Familie ins Glockenbachviertel. Als Sechzehnjährige macht Malaika ein Praktikum in einer Werbeagentur, das gefällt ihr so gut, daß sie sich an der Fachhochschule für Design bewirbt. Das klappt nicht, aber sie besteht die dreitägige Aufnahmeprüfung an der Meisterschule für Mode.

„Uns ist schlicht das Geld ausgegangen“

Nach drei Jahren hat sie ihr Diplom in Modegraphik. Ihren ursprünglicher Plan, nach Barcelona zu ziehen, durchkreuzt ein netter Neurologe am Bogenhausener Krankenhaus, der sich mit 33 Jahren entschlossen hatte, in Neapel ein Pharmaziestudium draufzusatteln. Während der Semesterferien lernt sie ihn in München kennen und überredet ihn später, nach Rom zu ziehen. Sie arbeitet bei der Tageszeitung „Il Manifesto“ und macht ein Praktikum bei einem Graphiker, der Buchtitel gestaltet. Italienisch spricht die in Lugano Geborene ohnehin fließend.

Schließlich kehrt das Paar zurück nach Bayern, „uns ist schlicht das Geld ausgegangen“. Dort wird Malaika Krüger eine „wahnsinnig schlecht bezahlte“ Praktikantin in einem Graphikbüro. „Trotzdem habe ich mir den ersten Mac geleistet und mir die Graphikprogramme beigebracht.“ Kurz arbeitet sie in Festanstellung bei einem Unternehmen, das Druckvorlagen für Etiketten herstellt, dann wird sie schwanger und löst den Vertrag in beidseitigem Einvernehmen.

„Voll Mutter, Ehefrau und Hausfrau“

1994 wird ihre Tochter Naima June geboren, „wenn man selbst exotische Namen hat, dann kann man sein Kind nicht Petra nennen“. Eine glückliche Phase folgt. Sie ist „voll Mutter, Ehefrau und Hausfrau“ und kümmert sich um das Heim in Unterföhring. Vier Jahre später kommt Sohn Pablo auf die Welt. Wann immer es ihre Zeit zuläßt, macht sie Graphikjobs für Freunde und näht, um ihre Leidenschaft für gestalterische Dinge auszuleben.

Vor vier Jahren geschieht dann das, was vielen widerfährt: Das Paar trennt sich. Heute haben sich beide so gut arrangiert, daß die Kinder die halbe Woche beim Vater und den Rest der Zeit bei ihr verbringen. „Natürlich war es alles schwierig, aber jetzt ist es okay. Ich bin halb alleinerziehend.“ Nach der Trennung taucht Malaika Krüger „in die Realität ein“, wie sie sich ausdrückt, kellnert und designt unter dem Künstlernamen „Loocy Lane“ Wendetaschen, deren Mustermix Käuferinnen anzieht. Um ihre Marke aber zu etablieren, fehlt die Zeit. „Da muß man von morgens bis abends rocken, mit zwei kleinen Kindern geht das schwer.“

„Aus Langeweile und jugendlichem Leichtsinn“

Schließlich wird ihr das Schwabinger Lokal angeboten: „Genehmigungsfreie Kleingastronomie“ heißt das im Behördendeutsch und bedeutet, daß kein Alkohol und keine offene Milch serviert werden darf, andererseits müssen so auch keine getrennten Toiletten oder Stellplätze angeschafft werden. „Ursprünglich haben wir eine Vollexistenzgastronomie gesucht. Hier hängt viel am Glück des Raumes. Unser Patchworkgeschäftsprinzip ist aus dem großen zweiten Raum geboren“, sagt Meinhard Griesser. „Wir sind Mixmenschen“, nickt seine Kollegin.

Griesser stammt aus Mülheim an der Ruhr und hat sich vom Siebdruck bis zu den Finessen des Layouts das Graphikerhandwerk erarbeitet „durch learning by doing und Praktika“. Einen Sommer wollte er „aus Langeweile und jugendlichem Leichtsinn“ nach München gehen, um hier zu jobben. Das tut er auch im Café und aktualisiert die Speisekarte. Seine schöne Handschrift fällt einem Art Director auf, der dort Stammgast ist und den damals 23 Jahre alten Aushilfskellner für den Gong-Verlag abwirbt. Bei dessen Publikumszeitschriften arbeitet Griesser sieben Jahre lang als Layouter und lobt noch heute „die wunderbare Betriebsatmosphäre“. Als er nach Jahren keine Möglichkeit sieht, sich „karrieremäßig weiterzuentwickeln“, zieht er 1992 nach Leipzig und gründet mit zwei Freunden die Werbeagentur „KGB“. „Mut hatte ich, Geld nicht, die Gelegenheit war da, es war eben so das Übliche.“ Einen Partner, ein Leipziger, zieht es dann nach München.

„Hauptsache, ich darf mich nicht langweilen“

„Jetzt wird es wirklich abenteuerlich. Ich habe den Quereinstieg in ein anderes Milieu vollzogen und bin ins mittlere Management einer Gießpulverfabrik gewechselt.“ Die Verbindung entsteht durch einen Verwandten, der für das Unternehmen in der Nähe von Bautzen einen Marketingfachmann sucht. Griesser bereist Stahlwerke in Osteuropa und China. „Nach fünf Jahren fand ich das komplexe mineralogische Thema nicht mehr so interessant.“ Zumal der Halbösterreicher München vermißt. Dorthin kehrt er mit einer Abfindung zurück und arbeitet zwei Jahre lang als Edelsteinhändler. Er liebt das Reisen, ist jetzt aber zwei Drittel seiner Zeit auf Kundentour. Das ist zuviel. Er möchte seßhafter werden und auch seine Beziehungen nicht mehr den Umzügen opfern. Durch einen Zufall lernt er Malaika Krüger kennen - ausgerechnet in einem Café.

Im November haben „Die Wolperdinger“ dann eröffnet und bis heute den Umsatz verdreifacht. Er sagt: „Wenn mich ein Projekt anmacht, dann kann ich Berge versetzen. Hauptsache, ich darf mich nicht langweilen.“ Sie sagt: „Ich bin so ein Duracell-Männchen und weiß, daß ich für meine Kinder sorgen muß. Bei mir spielen auch Existenzängste eine Rolle.“ Beide Singles sagen: „Wir verbringen hier jede freie Minute.“ Und das immer öfter im Graphikatelier, das sie stärker etablieren möchten, „wir wollen uns da langsam reingrooven“. Aber zufriedene Kunden ziehen andere nach, um Kataloge und Logos gestalten zu lassen, darunter Musikproduzenten, Modeunternehmen, eine Konzertkartenagentur. Netzwerken gehört zum Konzept, bei der Plauderei mit den Gästen ergibt sich der eine oder andere Auftrag. Aber unangestrengt. „Wir Wolperdinger reden einfach gern mit anderen.“

Quelle: F.A.Z., 19.08.2006, Nr. 192 / Seite 53
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