09.09.2006 · Für viele Jugendliche ist Polizist ein Traumberuf. Auch Thomas Weigt schwärmt von seinem Job. Doch zuvor war er drei Jahre lang Pastor. Nur auf den ersten Blick ist es ein Wechsel zwischen völlig verschiedenen Welten.
Von Ursula KalsEine seiner „beruflich bisher schönsten Zeiten“ war das Jahr im Basispolizeidienst. Wie läuft ein Tag oder eine Nacht im Wach- und Wechseldienst ab? „Das Schöne ist, man weiß es nicht“, sagt Thomas Weigt. Da seien „die Klassiker“ wie Ordnungswidrigkeiten, Verkehrskontrollen oder Unfälle, aber eben auch die Vorfälle auf der Streifenfahrt.
„Das kommt ursprünglich von umherstreifen, ohne Ziel gucken, Augen und Ohren offenhalten. Gerade im Nachtdienst gibt es diejenigen, die einen Funkstreifenwagen sehen und plötzlich Gas geben, weil sie was verbockt haben. Dann wird es spannend.“ Inzwischen fährt Weigt nicht mehr Streife. Er ist Kriminaloberkommissar und sitzt in einem windschnittigen Büro im futuristischen Neubau der Kreispolizeibehörde Mettmann. Vor seinem Fenster erhebt sich in der Ferne der Düsseldorfer Fernsehturm.
„Ach, du hast die Seiten gewechselt“
Studiert hat er Theologie und arbeitete drei Jahre lang als Pastor. Die erste Reaktion auf seine Biographie ist „immer die des Staunens“. Dann folgt zuverlässig der Kommentar, „ach, du hast die Seiten gewechselt“. Verständlich, meint er. „Pastor und Polizei - das klingt nach komplett anderen Welten, aber es gibt eine Schnittmenge.“ Und wenn der sportliche Vierzigjährige über seinen Wechsel spricht, dann hört sich sein Werdegang auf einmal durchaus konsequent an.
Aufgewachsen ist er in Hannover als Sohn eines Pastors einer evangelischen Freikirche. Bei den Siebenten-Tags-Adventisten hat er von der Pfadfinderfreizeit bis zur Gestaltung der Jugendgottesdienste „das komplette Programm“ mitgemacht. Der Zivildienst führt ihn ins Rheinland, ins „Altenheim Neandertal“. Sein Entschluß, Pastor zu werden, festigt sich. „Das war eine reflektierte Entscheidung aus Überzeugung für die Sache der Theologie. Die große Frage nach Gott ist eine ganz spannende, existentielle Frage.“ Zum Studium geht er auf das Theologische Seminar Marienhöhe in Darmstadt. Die freikirchliche Hochschule hat einen Fachhochschulstatus, sie verleiht keinen staatlichen Abschluß, aber ein kircheninternes Diplom.
„Keine Probleme mit schwierigen Verhältnissen“
Als die kircheneigene Katastrophenhilfe Adra nach dem ersten Irak-Krieg Helfer sucht, um den kurdischen Flüchtlingen im Nordirak beizustehen, meldet er sich. Da ist er 25 Jahre alt und ausgebildete kirchliche Führungskraft. Organisieren kann er, improvisieren auch. Thomas Weigt wird verantwortlicher Leiter eines medizinischen Hilfsprojekts für 150.000 Menschen in einem Flüchtlingslager. „Ich habe keine Probleme mit schwierigen Verhältnissen und kannte das Lagerleben aus der Pfadfinderei.“
Wieder zurück in Deutschland, hat er sich längst entschieden, das dreijährige Vikariat zu beginnen. Im Bezirk Mettmann wird er Pastor. Er hält Gottesdienste, Trauungen und Beerdigungen. „Am liebsten und hauptsächlich“ stürzt er sich in die Jugendarbeit, bietet Freizeiten, Jugendwochen, Konzerte und aufwendig gestaltete Gottesdienste mit Sketchen und ungewöhnlicher Raumgestaltung an. Und ist immer im Dienst.
„Das eröffnet mehr Möglichkeiten und mehr Nischen“
„Eine gute Work-Life-Balance zu halten war schon eine große Herausforderung. Ich habe immer mehr als 50 Stunden in der Woche gearbeitet.“ Er ist noch Single. „Das eröffnet mehr Möglichkeiten und mehr Nischen. Aber man neigt dazu, zu stark in den Beruf zu investieren. Das ist eine selbständige Tätigkeit, obwohl man angestellt ist.“ Nach drei Jahren soll er einen eigenen Bezirk übernehmen und zögert. Gerade die Jugendarbeit gibt ihm „Sinnerfüllung und Freiräume, zeitgemäß und relevant Kirche zu leben“.
Diesen Schwerpunkt wird er aber verlieren. Dabei hat er gerade hier gemeinsam mit anderen jungen Pastoren kontroverse Diskussionen geführt und neue Leitlinien vorgeschlagen, die ewige Frage einkreisend: „Wie modern kann Kirche sein?“ Noch eine zweite Überlegung überschattet die Perspektive, als Pastor zu arbeiten. Wie bei allen anderen Kirchen ist die demographische Entwicklung schwierig, doch die Verwaltung hat das zu lange ignoriert.
„Ich bin bis heute mit Freude dabei“
„Für mich ist das ein Organisationsversagen.“ Für die Pastoren der Freikirche, die sich durch Spenden finanziert, kann das zur Existenzfrage werden. „Ich habe da keine sichere Perspektive gesehen.“ Mit 28 Jahren kündigt Thomas Weigt. „Ich hatte noch keinen Plan, habe mir aber gesagt, jetzt bin ich noch jung genug und kann noch etwas reißen.“ Daß er weiterhin - bis heute - engagierter Laienpastor ist, stand schon damals außer Frage für ihn. „Ich bin bis heute mit Freude dabei.“ Aber ehrenamtlich.
Zunächst weist Weigt eine Katastrophe den Weg. In Ruanda tobt der Völkermord, und das Hilfswerk seiner Kirche sucht patente Katastrophenhelfer. Mehrere Monate leitet Weigt in Zentralafrika ein Hilfsprojekt. Für ihn wird das zur „Schlüsselerfahrung im Prozeß der Neuorientierung“. World Vision, THW und Ärzte ohne Grenzen sind ebenfalls vor Ort, er trifft Helfer aus den Irak-Monaten wieder. Als Vertreter einer Nichtregierungsorganisation lernt er die Arbeit des Militärs schätzen und dessen Rolle, „ein Mindestmaß an Sicherheit zu garantieren“.
„Die wichtigsten Arbeitsmittel sind Stift und Papier“
Er trägt Verantwortung für viele ehrenamtliche Helfer und ist dankbar für die Präsenz der Soldaten. „Ich war Wehrdienstverweigerer, Pazifist durch und durch. Durch die Zusammenarbeit mit den Militärs habe ich meine Vorurteile als Vorurteile erkannt. Die einzigen, die profunde Sicherheitsinformationen hatten, waren die Militärs. Ich war plötzlich mitten im Leben, in der Realität angekommen und habe die Macht des Nichtschießens erlebt.“ Er nennt das seinen „guten Kontakt zum Blaulichtmilieu“.
Zurück in Deutschland, bewirbt er sich an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Wuppertal. Er ist auch da pragmatisch. „Ich habe mein erstes Studium selbst finanziert, das waren dünne Jahre.“ Nun ist er 30 Jahre alt und macht den „Direkteinstieg gehobener Dienst“, die Beamtenlaufbahn ist vorgezeichnet, der Arbeitsplatz sicher. Drei Jahre lang lernt er Eingriffsrecht, Kriminologie, Soziologie, Kriminaltechnik und macht Praktika im Streifendienst und in Kommissariaten. „Und ich habe gelernt, daß die wichtigsten Arbeitsmittel der Polizei Stift und Papier sind. Jeder Schutzmann draußen hat ein Notizbuch. Der Umgang mit Sprache ist ein Herzstück polizeilicher Tätigkeit, ob bei der Zeugenvernehmung oder den Akten für den Staatsanwalt.“
„Als Pastor habe ich mich auch ohnmächtig gefühlt“
Der Kontakt zu den jüngeren Kommilitonen ist gut. „Ich habe nie den Pastor heraushängen lassen, mir war wichtig, Gleicher unter Gleichen zu sein.“ Wie studieren funktioniert, das weiß er ja. „Und ich wußte auch, wenn du was lernen willst, gehst du in die Bibliothek.“ Als junger Kriminalkommissar bearbeitet er dann vor allem Wohnungseinbrüche und Alltagskriminalität, also Diebstahl, Betrug, Beleidigung bis hin zur Körperverletzung. Inzwischen arbeitet er im Stab als interner Berater fürs Management und ist in Zeiten massiven Spardrucks viel mit Organisationsentwicklung befaßt. „Natürlich wollen wir die Fallzahlen senken und die Aufklärung erhöhen. Ich bin indirekt auf Verbrecherjagd.“
Als Berufswechsler spürt er immer noch den Vorteil des „distanzierten Blickes“, den er sich unbedingt erhalten möchte. Und der Vater von zwei Töchtern, der mit einer Ökotrophologin verheiratet ist, hat neue Pläne. Gerade hat er das Okay bekommen, um an einem Masterprogramm der Bochumer Universität teilzunehmen: Ein Jahr lang wird er sich durch ein berufsbegleitendes Studium zum Kriminologen qualifizieren. Bereut hat er seinen Berufswechsel bislang nicht. „Als Pastor habe ich mich manchmal auch ohnmächtig gefühlt. Als Polizist finde ich es durchaus anziehend, etwas klar zu entscheiden. Jetzt ist Schluß, und dann ist wirklich Schluß.“
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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