14.08.2006 · Vom Kfz-Lehrling zu Berlins größtem privaten Musikschulbetreiber. Jan Hildisch hat bewegte Zeiten hinter sich. Ein Bericht von Ursula Kals über die DDR-Flucht, eine zerbrochene Ehe und den Neuanfang in Norddeutschland.
Von Ursula KalsUnd es war Sommer. „Nämlich der spektakuläre Ungarn-Tschechien-Botschaft-Sommer 89“, sagt Jan Hildisch. Damals ist er 18 Jahre alt und steht mit einem kleinen Rucksack und Notgroschen an der deutschen Botschaft in Budapest. „Mir war immer völlig klar, die erste Chance, die sich mir realistisch bietet, in den Westen zu kommen, die nutze ich.“ Die Familie sorgt sich. Besonders die Mutter, eine Lehrerin, die später von Kollegen bis zum Nervenzusammenbruch gemobbt wird, ihrem Sohn aber sagt: Du wirst drüben ein besseres Leben leben können. Irgendwie werden wir uns wiedersehen.
Als deutlich ist, daß auf Flüchtende nicht geschossen wird, verläßt der Abiturient mit einem Freund seine Heimat Mecklenburg und erreicht das Auffangla-ger der Botschaft. „Da war trotzige Entschlossenheit in uns, aber auch Angst.“ Beiden gelingt die Flucht. Über Deggendorf am Bayerischen Wald gelangt Jan Hildisch zu seinem Großvater in Lüneburg. Hier sortiert er sein Leben neu. Geboren ist der Zahnarztsohn in Greifswald, seine Familie ist in Vorpommern, Mecklenburg und Brandenburg „viel hin und her gezogen“.
„Ins Kuhkaff Köthen, da wollte so richtig niemand hin“
Da er sehr gute Zensuren in Mathematik und Physik hatte, schlug ihm der Kreisschulrat vor, Maschinenbau mit der Fachrichtung Lebensmitteltechnik zu studieren. „Da hat man sich so gefügt. Über die Berufswelt wußte ich wenig und habe mir kaum Gedanken gemacht.“ Zugewiesen wurde ihm ein Studienplatz an der Hochschule Köthen. „Ins Kuhkaff Köthen, da wollte so richtig niemand hin. Heute ist das eine Kleinstadt mit mehr Charme und hat sich wohl auch als Technologiezentrum gemausert.“
Jedenfalls sitzt Jan Hildisch jetzt nicht in Sachsen-Anhalt, sondern in Norddeutschland. Am 20. September 1989 hält er seinen westdeutschen Paß in den Händen. Gemeinsam mit dem Großvater geht er zum Arbeitsamt. Sein Ziel: „Möglichst unkompliziert eine Berufsausbildung zu machen. Denn in der DDR wurde immer die Angst aufgebaut, daß im Westen Arbeitslosigkeit droht.“ Schon in den ersten Tagen bekommt er das Angebot, als Tellerwäscher in einem Hotel anzufangen. Großvater und Enkel tippen aber Bewerbungen.
„Körperlich ist das ein schwerer Job“
Eine Woche später erhält Jan Hildisch einen Ausbildungsplatz bei Mercedes als Kfz-Mechaniker. Nicht nur, daß er die kurz in Anspruch genommene Sozialhilfe gleich zurückzahlen kann, nein, für ihn, dessen Familie einen Wartburg fuhr, erfüllt sich auch ein Kindheitstraum. „Ich habe den nie ausgesprochen, weil es in der Umgebung keine Ausbildungswerkstatt gibt. Aber Autos sind meine große Leidenschaft, und ich war der glücklichste Jugendliche auf Erden. Diese Glücksmomente waren kindlich und unbelastet. Das war ein Moment der Bescherung, weil man das Land gar nicht kannte...“
Diese Euphorie beflügelt. Er beißt sich mit großem Elan durch (“körperlich ist das ein schwerer Job“) und schließt mit dem besten Lehrzeugnis von ganz Niedersachsen ab. Während der Lehre lernt er einen Freund kennen, dessen Familie eine Tankstelle hat. Den Gedanken, seinen Meister zu machen, verwirft er. Er möchte Zeit haben für seine „zweite Leidenschaft, das Interesse für gesellschaftliche Prozesse“. So schreibt er sich fürs Studium der Politischen Wissenschaften an der Freien Universität Berlin ein. Nur die Semesterferien erscheinen ihm „so unendlich lang“.
„Im Studentenalltag waren wir bunte Vögel“
Was ein glücklicher Zufall, daß der Lüneburger Kfz-Freund anreist und vorschlägt, gemeinsam Grundstücke zu kaufen und Häuser zu bauen. Etwa 80 000 Mark verdienen sie an einem Haus, zwei, drei bauen sie im Jahr. „Im Studentenalltag waren wir bunte Vögel.“ Sie verhandeln mit den Banken, kaufen die Grundstücke. Als sie erkennen, daß es „ein sagenhaftes Geld kostet, einen Rohbau hochzuziehen“, bringen sie sich das selber bei. „Mein Freund ist ein Naturhandwerker. Jetzt kann ich das auch vom Fußboden bis zur Elektrik.“
Und wieder nimmt Hildischs Leben eine neue Richtung. Er lernt seine Frau kennen, eine Magdeburgerin, die in Berlin Musik und Germanistik studiert. Um mehr in Berlin zu sein, beschließt er, Modenschauen zu organisieren. Da rutscht er zufällig hinein. Aushilfsweise sollte er eine Kleiderkollektion bewachen und fällt den Veranstaltern durch sein Organisationstalent auf. Die neue Geschäftsidee ist geboren. Gemeinsam mit seinem Freund Arno Karge organisiert er Modenschauen für Berliner Kreateure, „wie man damals schon sagen mußte“, also für Schneider aus Hinterhofwerkstätten und hippe Modekünstler.
„Ich steckte schon zu tief im Berufsleben drin“
Die Orte machen was her, die Schauen werden am Flughafen Tempelhof und am ehemaligen Staatsratsgebäude gezeigt, „und das zu einer Zeit, als der Prenzlauer Berg noch in Schutt und Trümmern lag“. Manchmal finden sich 2000 Zuschauer ein. „Das war schon aufregend für einen jungen Menschen.“ So aufregend, daß er das Studium nach dem Vordiplom sausen läßt. Er ist eben „ein Freak“, wie seine Freunde sagen, zudem ein extrem fleißiger. „Ich steckte schon zu tief im Berufsleben drin.“
Das sollte ruhiger verlaufen und lukrativ sein, beschließt das Paar und wird in Pankow fündig. Dort übernehmen sie eine Musikschule und schließen sich an das Franchise-System von Yamaha an. Ach, das sind doch die mit den Hammondorgeln? Das Naserümpfen konservativer Klassikfreunde erlebt Hildisch häufig. Er ist von dem Konzept des Generalmanagers Asmus Hintz (“ein visionärer Kopf“) überzeugt, schätzt die Weiterbildungen und die individuellen Programme. Das Wort von der „zeitgemäßen Dienstleistung“ fällt oft. Unterrichtet wird E-Gitarre, Schlagzeug, Saxophon, Keyboard, aber auch Klavier, Geige, Querflöte oder Klarinette.
„Das ist der traurige Teil der Geschichte“
Es gibt ein Babyprojekt und Seniorengruppen für über Achtzigjährige, die sich endlich den Wunsch erfüllen, ein Instrument zu lernen. Wer kommt, hält durch. „Es geht nicht um endlose Fingerübungen. Die Schüler sind mit modernen Instrumenten konfrontiert, die ihren Hörgewohnheiten entsprechen, profitieren von tollen Playbacks, und es kommt ein Bandgefühl auf“, sagt der 35 Jahre alte Inhaber, der als Kind Cello gelernt hat, sich heute aber vor allem um die Administration kümmert.
Vom Kfz-Lehrling zu Berlins größtem privaten Musikschulbetreiber, das liest sich gut, läßt aber auch schwierige Kapitel in Jan Hildischs bewegtem Berufsleben aus. Denn als die erste Musikschule solide aufgebaut war, zerbrach die Ehe. „Das ist der traurige Teil der Geschichte. 2002 gab es einen Rückschlag, das war privat ein Desaster und auch finanziell. Vielleicht waren wir noch zu jung und haben zu viel gewollt. Nach außen war das die perfekte Partnerschaft, aber innerlich ist etwas schiefgegangen.“
Kleinen Kredit beim Vater aufgenommen
Seine Frau war Inhaberin der Schule, er besaß das Grundstück. „In Zeiten einer Trennung die unglücklichste Konstellation, die man haben kann.“ Harte Jahre brachen an. Um seine Miete zahlen zu können, betreute er wieder Bauprojekte und arbeitete sogar drei Monate in einem Call-Center. „Das war der Tiefpunkt, aber der hat mich auch geerdet. Und es mußte weitergehen.“
Bei seinem Vater nahm er einen kleinen Kredit auf und gründete in Köpenick eine neue Musikschule. Seit gut einem Jahr ist er auch wieder Inhaber der Schule von Pankow. Und neu verliebt ist der werdende Vater auch. „Denn was nützt mir das schönste Auto, die schönste Wohnung, wenn ich es mit niemandem teilen kann?“
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
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