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Die zweite Karriere Ausgezeichnet vom Chaos anderer Leute leben

11.06.2006 ·  Unordnung am Arbeitsplatz sorgt meistens auch für ein ungesundes Klima. Eine gelernte Opernsängerin und Verlegerin zeigt mit einem innovativen Konzept Firmen und Unternehmen, wie das Chaos am Schreibtisch zu bewältigen ist.

Von Ursula Kals
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Das Etikett für Edith Stork ist schnell gefunden. Für viele ist sie „eine Powerfrau“. Anerkennung schwingt darin mit, aber die so Gerühmte schätzt den Titel gar nicht. „Ich hasse das Wort Powerfrau. Power ist kein deutsches Wort.“ Kraft hin, Kraft her, die kleine Frau (“1,60 Meter mit Hacken“) liebt schwungvolle Auftritte, klare Worte und Positionen. Und sie hat es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht und sich selbst als Marke positioniert: Rund 50 Mal war die Unternehmerin im Fernsehen, um ihre Geschäftsidee vorzustellen. Die nämlich ist ebenso einfach wie genial: Edith Stork hilft anderen, Ordnung in ihre Büros zu bringen. „Mein Produkt ist hundertprozentig, hält ewig, jeder braucht es.“

Die Sechzigjährige, die das Temperament einer munteren Dreißigjährigen verströmt, lebt ausgezeichnet vom Chaos der Leute. Dazu hat sie drei Bücher geschrieben, im Eichborn-Verlag ist ihre unterhaltsame Biographie erschienen: „Eine Frau räumt auf. Ordnung ist mein Weg - eine Erfolgsgeschichte.“ Sie wird für Messen als Referentin gebucht, gibt Seminare und geht für ein stolzes Stundenhonorar in deutsche und Schweizer Unternehmen, um ein von ihr erfundenes Ordnungssystem einzuführen. Was machen die meisten falsch? „Sie lassen alle Papiere liegen oder nennen die Beschriftung divers. Ich muß mir vorher strukturiert überlegen, wo ich meine Dinge hintue und eine Verschlagwortung überlegen. Ich stopfe ja auch nicht Socken und Äpfel zusammen. Meine Mails kann ich zweimal am Tag abrufen, aber nicht fünfzehnmal.“

Hinter Papierbergen ein unzuverlässiger Charakter

Das Thema ist bei 18 Millionen Menschen, die täglich ins Büro gehen, ein zeitloser Selbstläufer. Nur 10 Prozent aller Dinge auf dem Schreibtisch werden tatsächlich gebraucht, der Rest ist Krimskrams und keineswegs karrierefördernd. Nicht nur die Eichhörnchentypen, die sich von keinem Hauspostbriefumschlag trennen können, neigen dazu, im Papier- oder E-Mail-Wust zu versinken und vergeuden einen nicht unerheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit überflüssigem Suchen. Das stört Vorgesetzte. Zwei von dreien bevorzugen Mitarbeiter mit aufgeräumten Büros. Jeder zweite Chef vermutet, daß hinter Papierbergen ein unzuverlässiger Charakter sitzt, hat eine Studie der Universität Manchester herausgefunden. Ordnung schaffen, Vorgänge gleich erledigen, abzuschließen oder zu delegieren, das sind auch Eigenschaften, die ihr in ihrem ersten Beruf nützlich waren.

Edith Stork ist gelernte Buchhändlerin, wäre aber lieber Opernsängerin geworden. In ihrer phantasievoll eingerichteten Altbauwohnung in Oberursel erzählt sie im „blauen Zimmer“ von ihrem bewegten Berufsleben. Die Idee, Sängerin zu werden, finden die Eltern unpassend, weil brotlos. Obgleich der Vater Goldschmied und Graveur ist, möchte er nicht, daß die Tochter die Goldschmiedeschule in Hanau besucht, da sind ihm zu viele junge Männer. Edith Stork macht nach der mittleren Reife eine Buchhandelslehre in Frankfurt. Keine schlechte Erfahrung, sie liebt es, Schaufenster zu gestalten, aber auch den Umgang mit Zahlen. „Ich habe früh begriffen, daß es ein kaufmännischer Vorgang ist, Bücher an Mann und Frau zu bringen.“ Daß ihr dieses Wissen später zugute kommen wird, ahnt sie damals nicht.

Ausgebildete Opernsängerin

Als Achtzehnjährige nimmt sie Gesangsstunden und schult ihren schönen Sopran. Das Geld für die Stunden verdient sie als Haushaltshilfe bei einer Höchster Familie. „Ein musikalischer Haushalt mit Flügel, Geige, Trompete, als ich das gesehen habe, habe ich gedacht, hier bleibe ich.“ Sie bleibt zwei Jahre und kauft sich für 400 Mark ein Piano, das sie gelb streicht. Mit ihrer jungen lyrischen Stimme probt sie die Zofenrollen Mozarts, ist als Choristin der Frankfurter Singakademie in Europa zu Konzerten unterwegs. Bei den Städtischen Bühnen in Frankfurt singt sie vor und besteht die Prüfung. Sie ist jetzt ausgebildete Opernsängerin, bekommt aber Asthma, das sie erst neun Jahre später überwindet. Damit ist der Weg auf die Bühne versperrt.

Ihr Gehalt ist bescheiden, das möchte sie ändern und beginnt in Frankfurt als Bürokauffrau bei einer Speditionsfirma. Später wechselt sie zur Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) nach Eschborn: Sie ist Fachliteraturbeschafferin für die Auslandsmitarbeiter und Entwicklungshelfer, „17 Jahre war ich dort die Bücherpäpstin.“ Dann aber werden ihre Kompetenzen eingeschränkt, „es wurde zusehends unvergnüglich“. Bücher bleiben ihr Thema. Mit einem Geschäftspartner gründet sie einen Verlag, der sich auf Zoologie, Biologie, Anthropologie und Dritte-Welt-Themen konzentriert. Sie geht in Konkurs und fällt in ein Schuldenloch. „Ein Würdeverlust auf jeder Ebene, privat, geschäftlich, seelisch.“ Das Arbeitsamt stuft sie als „schwer vermittelbar“ ein. Nach einer Phase der Verzweiflung, Wut und Trauer rappelt sie sich auf, „denn Kriechen ist keine Gangart“, und wird Teilzeitsekretärin.

„Ordnung und Kreativität sind keine Gegensätze“

Sie hat ihr Auskommen, anregend findet sie ihre Arbeit nicht. Die vielen strukturlosen und unordentlichen Büros, die sie kennenlernt, stören sie gewaltig. Aus dem Ärger über die überflüssige Sucherei erwächst ihre Geschäftsidee. Edith Stork wagt, sich als Beraterin für Büro-Organisation selbständig zu machen. Am 1. April 1993 meldet sie ihre Lizenz für „A-P-Dok“ an, Administration, Projekte und Dokumentation. Das Aktenchaos vieler Jahre wird unter ihrer Regie auf drei Ablagekörbchen reduziert. Nur die geliebte Kramschublade - Stork sagt „Kiosk“ - darf jeder in seinem Schreibtisch behalten. Durch die strenge Storksche Schule gehen Manager von Konzernen, aber auch brandenburgische Spargelbauern, die sie berät, und später wieder anreist, um zu kontrollieren, ob die Ordnung auch hält. „Ich mache eine Abnahme. Das gehört zum Service.“

Inzwischen beträgt ihre Kundenreferenzliste 70 Seiten. Was ihr durch den Konkurs klargeworden ist und Existenzgründer oft falsch machten: „Ich kann nur an den Markt gehen mit einem feststehenden klugen Konzept. Das gilt für Dosenmilch, Schuhe und Seminare. Der Kunde muß davon einen Gewinn haben. Er ist der König, den müssen Sie in einer archaischen Weise bedienen.“ Ihre „Oberurseler Aufräumtage“ bietet sie für Manager, aber auch für Hausfrauen an. Sechs bis acht Leute versammeln sich dann um den mächtigen Eichentisch und lernen, sich besser zu organisieren. „Es ist ein falscher Schluß zu meinen, wenn jemand ordentlich ist, ist er auch sonst brottrocken. Ordnung und Kreativität sind keine unüberwindlichen Gegensätze.“Sie hat längst ein papierloses Büro. „Sonst hätte ich keine Zeit für die schönen Dinge, das Lesen, Gesellschaften geben, des Lebens volle Fülle zu genießen. Ich glitzere.“

Mitunter nagen Existenzängste an ihr. Aber Freiheit ist für sie ein hoher Wert. So hat sie - bisher - noch nie einen Heiratsantrag angenommen. „Ich bin stark, da kommen die Weichen geflossen.“ Zum Bedienmäuschen tauge sie nicht, lieber verschenke sie Ärmelbügelbretter an Männer. Manche schrecken zurück und sagen, sie habe ein ungesundes Selbstbewußtsein. Sie lacht vergnügt: „Dabei bin ich ein ganz normales Frauenzimmer.“

Quelle: F.A.Z., 10.06.2006, Nr. 133 / Seite 63
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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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