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Strick-Sets aus dem Internet : Die neue Masche

Bild: Unternehmen

Wool and the Gang vermarktet Wolle, Stricknadeln und Anleitungen über das Internet. Altbacken? Von wegen! Wie die Gründerinnen geschickt den Coolness-Faktor nutzen.

          An ihre ersten Strickübungen kann sich Jade Harwood noch gut erinnern: Sieben Jahre war sie alt, als sie unter Anleitung ihrer Großmutter die ersten Maschen anschlug. Es war mehr eine Pflichtübung als ein Vergnügen. „Die Nadeln waren so dünn und rutschig“, erzählt die heute Dreißigjährige, „es hat ewig gedauert, bis ein Teil fertig war.“ Als sie Jahre später das erste Mal ein Wollgeschäft betrat, wäre sie am liebsten sofort wieder umgekehrt angesichts all der blassen Farben und biederen Muster. Stricken war, ganz offenkundig, ein Hobby für Senioren.

          Julia Löhr

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wie die Zeiten sich ändern. Heute sitzt Harwood in einem Industrieloft im Londoner Stadtteil Dalston und führt zusammen mit ihrer Mitgründerin Aurelie Popper „Wool and the Gang“, eine Mischung aus virtuellem Wollgeschäft und sozialem Netzwerk. Die Wolle heißt hier grundsätzlich „crazy sexy wool“ und kommt in allen erdenklichen Knallfarben daher. Die Nadeln sind extradick, damit auch Anfänger schnell Erfolge sehen.

          Das Konzept kommt an: Rund 400 verschiedene Strick-Sätze (Kits) lassen sich mittlerweile bestellen. Die Kundschaft reicht von Amerika bis Südkorea. Und in London vergeht kaum eine Woche, in der nicht in irgendeiner angesagten Kneipe eine Strickparty von „WATG“ stattfindet, wie sich Wool and the Gang kurz nennt.

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          Wolle, Stricknadeln und Anleitung - aber modisch statt altbacken

          Die Geschichte dieses Start-ups zeigt vor allem eines: was sich mit geschicktem Marketing alles erreichen lässt. Denn letztlich macht Wool and the Gang nichts anderes, als ein altes Produkt neu zu vermarkten. An Wolle, Stricknadeln und Anleitungen herrschte schon vor der Gründung des Unternehmens vor sechs Jahren wahrlich kein Mangel. Das Einzige, was es neu zu erfinden galt, war die Aufmachung: modisch statt altbacken.

          Harwood und Popper brachten dafür gute Voraussetzungen mit: Beide haben Textildesign an der Londoner Modehochschule Central Saint Martins studiert, zu deren Absolventen Branchengrößen wie Alexander McQueen, John Galliano und Stella McCartney zählen. Der experimentelle Ansatz der Ausbildungsstätte spiegelt sich in den Entwürfen der beiden wider: Bei Wool and the Gang entstehen aus Wolle nicht nur die üblichen Schals und Pullover, sondern auch Schmuck und Laptoptaschen.

          Als Harwood und Popper direkt nach ihrem Abschluss mit dem Aufbau des Unternehmens loslegten, schlugen sie ihr Quartier bewusst nicht in London auf, sondern erst einmal in New York. Dort wollten sie das lernen, was die Hochschule sie nicht gelehrt hatte: das Geschäft. „In London geht es in der Mode vor allem ums Kreativsein“, sagt Popper. „New York ist viel kommerzieller. Dort geht es ums Verkaufen.“

          Strickgemeinde auf Facebook und Instagram

          Um auf ihre Strick-Sets aufmerksam zu machen, spannen die beiden gerne alte und neue Medien zusammen. Wenn sie zum Beispiel für eine Fotostrecke in der „Vogue“ neue Modelle entwickeln, gibt es pünktlich zum Erscheinungstag die entsprechenden Sets zum Nachstricken. Auf Facebook und Instagram führt die Strickgemeinde ihre fertigen Teile vor - und macht so kostenlos Werbung für das Unternehmen. „Ohne die sozialen Netzwerke wären wir heute nicht da, wo wir sind“, sagt Harwood. 25 feste Mitarbeiter hat das Unternehmen derzeit, viele davon IT-Spezialisten, die sich immer neue Funktionen für die Internetseite ausdenken, auf dass das Kaufen und das Teilen noch einfacher werden.

          Rund 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Wool and the Gang mit den Strick-Kits, der Rest kommt aus dem Verkauf bereits fertiggestrickter Teile, im Fachjargon „ready to wear“ genannt. Diese werden nicht, wie sonst in der Modeindustrie üblich, in großen Mengen und mit großem zeitlichen wie finanziellen Aufwand vorproduziert. Sie entstehen vielmehr einzeln auf Bestellung, von einem der mittlerweile mehr als 3000 registrierten Nutzer, der sogenannten „Gang“. Die verdient sich auf diese Weise etwas hinzu - und die Gründerinnen minimieren ihr Risiko.

          Wie reaktionsschnell das Netzwerk ist, zeigte sich vor zwei Jahren, als der britische Modedesigner Giles Deacon wenige Tage vor der London Fashion Week 250 Mützen mit eingearbeiteten Glupschaugen für die Besucher seiner Schau wünschte. Die Gang ließ die Stricknadeln glühen und lieferte auch noch einige Mützen für die Models mit, was sich als Glücksfall erwies: Topmodel Cara Delevingne lief mit ihrer über den Laufsteg und teilte der Welt später via Twitter mit: „Stricken ist die Bombe!“

          Kontrolle per Video-Chat

          Dass sich mit einer derart dezentralen Fertigung kaum eine einheitliche Qualität garantieren lässt, bestreiten die Gründerinnen. Ist ein Auftrag abgearbeitet (was in der Regel zwei Wochen nach Bestellung der Fall ist), muss das Gang-Mitglied Fotos von dem fertigen Teil zur Kontrolle nach London mailen oder es in einem Video-Chat vorführen. Und auch dann wird die Ware nicht direkt zu den Kunden geschickt, sondern erst noch einmal in London in Augenschein genommen. Weniger als 5 Prozent seien Ausschuss, sagt Popper.

          Über den Umsatz ihres Unternehmens schweigen die Gründerinnen. Bekannt ist, dass vor drei Jahren Index Ventures, Wellington Partners und MMC mit 2,8 Millionen Dollar eingestiegen sind. Im Zuge dieser Beteiligung kam auch eine externe Vorstandsvorsitzende an Bord: Lisa Rodwell kümmert sich seitdem um alle kaufmännischen Fragen, Popper um die Produktentwicklung und Harwood um die Vermarktung. Profitabel ist Wool and the Gang nach Aussage der Gründerinnen noch nicht, in diesem oder im kommenden Jahr soll es aber so weit sein.

          Und dann? Harwood und Popper machen keinen Hehl daraus, dass sie sich ihr Unternehmen auch unter dem Dach eines großen Modekonzerns vorstellen könnten - etwa als kleine, wendige, internetaffine Einheit in einem sonst eher traditionell aufgestellten Haus. Zunächst aber soll die Produktpalette weiter wachsen. Über eine Crowdfunding-Plattform haben sie sich gerade eine Million Pfund zusätzliches Kapital besorgt. Die nächsten Strickübungen können kommen.

          Quelle: F.A.Z.

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