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Gründerserie : Das neue Rattan heißt Karuun

  • -Aktualisiert am

Peter Kraft und Julian Reuter Bild: Verena Müller

Rattan hat als Werkstoff für Möbel ein angestaubtes Image. Zu Unrecht, wie die Gründer Julian Reuter und Peter Kraft meinen. Sie entwickeln Rattan zu einem modernen Werkstoff für die Industrie.

          Eigentlich hat das Naturmaterial Rattan hierzulande seine beste Zeit schon lange hinter sich, auch wenn schlichte und einfache Möbel aus dem pflanzlichen Stoff wieder gerade eine kleine Renaissance erleben. Als Sitzgelegenheiten gibt es sie in den verschiedensten Variationen: vom Stuhl über den Sessel bis hin zur Couch. Doch für den 31-jährigen Julian Reuter und den 30 Jahre alten Peter Kraft von der im württembergischen Allgäu in Kißlegg ansässigen Out for Space GmbH ist Rattan weit mehr als ein Stoff, der sich nur für die Produktion von Möbeln eignet. Beide kennen sich von frühester Jugend an und haben die langfristige Vision, mit dem nachwachsenden Rohstoff neue Wege zu gehen.

          Der begeisterte Wellenreiter Reuter, der nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann in Aachen Produktdesign studierte, ist durch eine Reise nach Indonesien auf Rattan gestoßen. Dort haben sich ganze Städte und Dörfer auf Produkte aus dem Naturmaterial spezialisiert. „Ich wollte Produktdesign und Surfen miteinander kombinieren“, sagt er. Und so entstand die Idee zu einer Bachelorarbeit über die Pflanze. Sie wird aufgrund des ähnlichen Aussehens oftmals mit Bambus verwechselt. Letzterer sei jedoch anders als Rattan innen immer hohl und lasse sich nicht biegen. Rattan kann über die Kapillaren Wasser und Nährstoffe transportieren. Diese Eigenschaft nutzen Reuter und Kraft aus. „Man kann in Rattan natürliche Farben oder Duftstoffe injizieren“, sagt Reuter.

          Schwarze Null spätestens im Jahr 2019

          Ein entscheidender Vorteil besteht gleichfalls gegenüber Holz. Denn Holz könne nur oberflächlich behandelt werden, sagt Kraft. Die beiden Allgäuer tüftelten mehrere Jahre lang an einem inzwischen patentierten Veredelungsverfahren, mit dem die Eigenschaften von Rattan erweitert werden konnten. Das Duo veredelt das Material von innen her. Ausgangsstoff für den von ihnen entwickelten neuartigen Holzwerkstoff ist der Stamm der schnellwachsenden Rattanpalme. Dafür konstruierte das Gründerduo gleichfalls eine spezielle Maschine, um Stoffe zu injizieren. Doch eine Schwierigkeit gab es noch: Wie nennen sie ihren neuen Werkstoff, um den eigentlich schlechten Ruf des Materials loszuwerden? Die beiden Gründer entschieden sich für den Namen „Karuun“. Die Bezeichnung komme von harta karun, was auf Bahasa Indonesia „versteckter Schatz“ bedeute, sagt Kraft.

          Schließlich gründen die beiden Freunde im Dezember 2015 das Unternehmen, das inzwischen vier Gesellschafter zählt. Reuter und Kraft halten zusammen die Mehrheit der Anteile. Beide sind zugleich die Geschäftsführer. Die beiden Designer haben inzwischen ein Sofa, eine Kollektion Wanduhren, eine Garderobe und auch Bauklötze selbst entworfen. Sie werden über den eigenen Internetshop verkauft und auch in ein paar Läden. In Indonesien hat das Start-up einen Kooperationspartner, der die Möbel nach den Vorgaben der beiden Allgäuer produziert. Spätestens im Jahr 2019 will das kleine Unternehmen eine schwarze Null schaffen.

          „In München oder Berlin könnten wir uns solche Räumlichkeiten nicht leisten“

          Es dauert fünf bis sieben Jahre, bis eine Rattanpflanze so weit ist, dass sie weiterverarbeitet werden kann. Notwendig dafür sei ein intakter Regenwald. „Sie wächst wie eine Liane.“ Geerntet kann die Pflanze nur von Hand werden. Ganz wichtig ist dem Duo der Aspekt der Nachhaltigkeit. So verwendet es eigenen Angaben zufolge zum Einfärben nur natürliche Pigmente. Und sollte sich die Nachfrage nach dem neuen Werkstoff Karuun so stark entwickeln, dass es einmal Lieferschwierigkeiten gibt, kann sich Reuter auch vorstellen, den Grundstoff dafür auf speziellen Plantagen in Indonesien anbauen zu lassen. „Wir wollen dem Material ein neues Image geben“, betont Kraft. Es solle im Premiumbereich angesiedelt werden. Insgesamt gibt es den Angaben zufolge rund 600 verschiedene Rattanpflanzen. „Nur etwa zehn davon werden in Indonesien wirtschaftlich genutzt.“

          Ideen haben die Unternehmensgründer genügend. So sind sie gerade auf der Suche nach einem natürlichen Füllstoff, um den neuen Holzwerkstoff dauerhaft im Außenbereich einsetzen zu können. Dafür kooperieren sie mit zwei Forschungseinrichtungen. „Das wäre eine Innovation im Möbelbereich“, sagt Kraft. Er und Reuter haben inzwischen von zahlreichen Unternehmen Anfragen, die sich für den weiterentwickelten natürlichen Werkstoff interessieren. Das sind Einsatzbereiche, in denen er bisher nicht denkbar gewesen ist. So gibt es beispielsweise mit dem Outdoor-Ausrüster Vaude ein gemeinsames Projekt: Dabei geht es um den langfristigen Ersatz von Plastikteilen im Rucksack, die den Rücken stützen. Ein Anbieter von Elektroautos kann sich vorstellen, künftig Lenkräder aus dem veredelten Rattan zu fertigen. Um solche Anwendungen zu ermöglichen, soll der Werkstoff auch in Halbfertig-Erzeugnissen wie beispielsweise Stangen, Platten und Furnieren angeboten werden. Und gerade bei Letzterem sieht das kleine Unternehmen gleich den einen oder anderen Vorteil gegenüber einem klassischen bislang verwendeten Holzfurnier. So habe das veredelte Rattan keine störenden Astlöcher und keine klassische Maserung, sagt Reuter: „Heute will man keine Maserung und mag es eher neutral und schlicht.“

          Die beiden Unternehmensgründer haben bewusst den kleinen Luftkurort Kißlegg als Unternehmenssitz gewählt. „In München oder Berlin könnten wir uns solche Räumlichkeiten nicht leisten“, so der 31-Jährige weiter. Das Büro und die angrenzende kleine Werkstatt sind in einer ehemaligen Schreinerei untergebracht. Und in einer Großstadt würde man als junges Start-up auch viel weniger auffallen. Auf dem Land hingegen sei es einfacher, Aufmerksamkeit zu bekommen, weil man eben kein klassisches und traditionelles Unternehmen gegründet habe. „Wir sind eben nicht im Maschinenbau tätig.“

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